07. August 1995 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Kleine Morde unter Freunden

Moderne Moritat

Ein Schotte hat einen noch schwärzeren Humor als die Briten: KLEINE MORDE UNTER FREUNDEN

Raymond Chandler hat immer von der schönen Kunst des Mordens gesprochen – in Wirklichkeit ist der Tod jedoch ein verdammt schmutziges Geschäft. Hitchcock war es, der 1966 als erster vorgeführt hat, wie schwierig es wirklich ist, einen Menschen umzubringen. In DER ZERRISSENE VORHANG brauchten Paul Newman und Carolyn Conwell eine kleine Ewigkeit, um den Bösewicht Wolfgang Kieling unter Zuhilfenahme ihrer Hände, einer Schaufel, eines Küchenmessers und eines Gasofens endgültig zum Schweigen zu bringen.

KLEINE MORDE UNTER FREUNDEN geht noch weiter. Dort fangen die Probleme nach dem Tod überhaupt erst an. Drei junge Leute finden eines Morgens ihren neuen Mitbewohner nackt im Bett, wo er an einer Überdosis Heroin gestorben ist, und entdecken dabei einen Koffer mit einem Haufen Geld. Sie beschließen, es zu behalten und die Leiche verschwinden zu lassen.

Aber wie schwierig es ist, einen Toten so zuzurichten, daß eine Identifizierung unmöglich ist, davon machen sie sich wie die meisten Leute keine rechte Vorstellung. Spätestens nach diesem Film wird man sich diesbezüglich keinen Illusionen mehr hingeben.

Regisseur Danny Boyle zelebriert in seinem Erstlingsfilm genüßlich den Alptraum seiner Helden, die sich bei der Beseitigung der Leiche genauso ungeschickt anstellen, wie das Leute eben tun, die den Tod nur aus dem Kino kennen. Wobei der wahre Schrecken weniger durch das entsteht, was man sieht, als vielmehr durch das, was man hört und ahnt.

Mit einem einzigen Schnitt führt Boyle vor, was er unter schwarzem Humor versteht: Die drei haben gerade diskutiert, wie sie den Toten zerlegen sollen, da schneidet der Regisseur seelenruhig auf seine Helden, wie sie im Heimwerkermarkt vor dem Regal mit den Sägen stehen. Mehr muß er gar nicht tun – den Rest erledigt die Phantasie des Zuschauers.

Wo sonst im Kino der Tod in der Regel keine Fragen aufwirft, da scheut SHALLOW vor keiner noch so unangenehmen Antwort zurück. Denn mit der Beseitigung der Leiche sind die Probleme keineswegs gelöst.

Bitterböses Nachspiel: So sehr sich das Trio auch bemüht, es gelingt den dreien nicht, sich am neuen Reichtum richtig zu erfreuen. Zum einen spukt ihnen das makabre Erlebnis im Kopf herum, zum anderen sind ihnen nicht nur die Polizei, sondern auch die wahren Besitzer des Geldkoffers auf den Fersen. Und daß die keinen Spaß verstehen, offenbart sich bald mit blutigem Ernst.

SHALLOW GRAVE, so der Originaltitel, wurde zum Überraschungserfolg: Fast 20 Millionen Dollar hat der preisgekrönte Film international bereits eingespielt. Eine moderne Moritat, die beweist, daß niemand einen schwärzeren Humor hat als die Engländer – mit Ausnahme der Schotten. Boyle inszeniert die Geschichte der drei Edinburgher Yuppies mit einer Stilsicherheit, die so atemberaubend wie kaltherzig ist. In seinem Thriller versucht man dauernd, sich vor dem Entsetzen ins Lachen zu retten – aber das bleibt einem im selben Moment im Hals stecken.

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