21. Februar 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Janssen: Ego

Nach der Pfeife tanzen

Ein Film-Porträt des Malers Horst Janssen

Der Film ist 100 Minuten lang. Es könnten aber auch 200, 500 oder 1500 Minuten sein, und man würde nicht müde werden zuzusehen. JANSSEN: EGO heißt das Filmporträt, und der Titel verspricht nicht zuviel. Durch und durch egozentrisch ist diese Dokumentation und die Welt, die sie schildert. Sie lebt mit und durch Janssen, und wenn es je einen Versuch gegeben haben sollte, irgendeine noch so geringe Distanz zu wahren, dann ist er gründlich gescheitert. Sehr zum Vergnügen des Zu¬schauers. Acht Jahre lang hat Peter Voss-. Andreae dafür den Zeichner und Autor Horst Janssen verfolgt und ist dabei mit fliegenden Fahnen zum Feind übergelaufen. Man sollte sein Porträt als Spielfilm zeigen, als Komödie, bei der Janssen der Regisseur ist und Voss-Andreae lediglich den Schnitt besorgte. Das soll die Leistung des wahren Regisseurs nicht mindern, denn das Ergebnis zeugt ja schließlich auch von Hartnäckigkeit, Liebe und einer Fähigkeit, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Aber Reporter würden sagen, diese Geschichte erzählt sich von allein. Um allerdings hinzuzufügen, daß das oft die schwierigsten Themen sind.

Der Film ist ein Porträt des Künstlers als junger Hund: übermütig, verspielt, lustvoll. Die Welt, die er zeigt, ist ganz und gar dem Willen und der Vorstellung des Künstlers unterworfen. Das heißt, daß er auch sehr bestimmt die Grenzen in diesem Projekt zieht. Das ist noch die größte Spannung, die dieser Film vermitteln kann: daß man nie genau weiß, wo die Selbstinszenierung aufhört und der Offenbarungseid anfängt. Janssen selbst macht keinen Hehl daraus, daß es ihm mitunter Spaß macht, die Leute nach seiner Pfeife tanzen zu sehen. Aber er übt diese Diktatur des Genies mit gänzlich uneitler Geste aus. Sichtbar wird dabei eine Lebensform, die sich zum gesellschaftlichen Gegenentwurf formiert, aber auch, indem sie das zu läßt. Das ist der einzige Punkt, zu dem der Film eine eigene Rede entwickelt. Weil er die hanseatischen Kulturbürger zeigt, wie sie sprachlos die offenen Attacken des Meisters hinnehmen, immer in der Hoffnung, mit heiler Haut davonzukommen und dabei möglichst noch eine Zeichnung abzustauben. Keiner findet sich, der Janssen Paroli bieten könnte. Nicht einmal die Kamera. Um so zweifelhafter wirkt der hochmütige Spott, der die Kulturschranken trifft.

Aber Janssen arbeitet für zwei. Er läßt die Zuschauer nicht verkommen. Seine Ein-Mann-Show entschädigt in jeder Sekunde für eine gewisse Biederkeit in der Aufbereitung des Materials. Szenen aus dem Alltag des Künstlers werden verzahnt mit einer Lesung aus Janssens Manuskripten, die wiederum mit Inserts vont den Bildern unterlegt sind. Aber vor der alles verschlingenden Präsenz dieses} Monsters verblassen alle Einwände. Man hört und sieht ihm einfach gern zu, wie er trunken, selbstvergessien und widerstrebend sein Selbstporträt entwirft. Wie eine von ihm selbst gezeichnete Figur wirkt er da, zusammengesetzt aus dieser minuziösen Großzügigkeit, die seinem widerborstigen Strich eine Richtung verleiht. Und die genauso keinen Zweifel daran läßt, daß es Zweifel, Schmerz und Qual sind, die die Linien immer vom Weg abbringen, ehe sie sich zum Bild fügen. Aber darüber gibt der kaum mehr Auskunft als die Bilder.

(In München im Theatiner.)

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


drei + 11 =