30. April 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Irma Vep

Aus dem Leben der Vampire

IRMA VEP von Olivier Assayas mit der magischen Maggie Cheung

Das Kino ist keine Magie, verkündeten zu Zeiten des Klassenkampfs die Kollektive: „Es ist eine Technik, die aus einer Wissenschaft hervorging und einem Willen dient: dem Willen der Arbeiter, sich zu befreien. ” Die Magie des Kinos besteht aber genau darin, sich von jedwedem Willen befreien und jenseits aller Absichten für sich selbst sprechen zu können. Olivier Assayas zitiert aber den Satz aus „Lutte de classe” nicht, um ihn zu diskreditieren, sondern eher um zu zeigen, daß Kino erst aus dem Aufeinanderprallen verschiedener Vorstellungen vom Kino, von seinen Bildern, Geschichten und Gesichtern entsteht. Und in gewisser Weise gleicht er dabei Godard, der in DIE VERACHTUNG Lumières Satz zitiert, wonach das Kino eine Erfindung ohne Zukunft sei, um dann Wege in eine Zukunft zu zeigen, die allerdings nicht allzu oft beschritten worden sind.

So wie Godards VERACHTUNG ein „One-Million-Dollar-Love-Letter” an seine Lebensgefährtin Anna Karina war, ist IRMA VEP eine Liebeserklärung von Assayas an Maggie Cheung, den Star des Hongkong-Kinos. So teuer die VERACHTUNG damals war, so billig ist IRMA VEP heute, in drei Monaten vorbereitet, in vier Wochen gedreht, und erstmal auf Video geschnitten, ehe das Filmmaterial kopiert wurde. Der Film hat dabei alles, was er braucht, und zeigt, daß der ehemalige Filmkritiker Assayas nach LEBENSWUT, WINTERKIND, PARIS ERWACHT und L’EAU FROIDE zu den aufregendsten Filmemachern seines Landes zählt.
Die Schauspielerin Maggie, Hongkong-Star im Film wie im wirklichen Leben, kommt nach Paris, um die Hauptrolle in einem Fernseh-Remake von Louis Feuillades LES VAMPIRES aus dem Jahr 1915 zu spielen. Der Regisseur (Jean-Pierre Léaud) hat seine besten Zeiten sichtlich hinter sich, und das Team lebt sowieso in einer anderen Welt und trägt T-Shirts mit Schwarzenegger-Aufdruck. Maggie bleibt ein Fremdkörper, zum einen, weil sie ein Star ist – wenn auch ohne Fans in Frankreich –, zum anderen, weil sie nur Englisch spricht – was die Franzosen nur rudimentär beherrschen. Die Doppelung, die dadurch entsteht, daß die echte Maggie Cheung bei den Dreharbeiten zu „Irma Vep” Ähnliches erlebt haben dürfte, trägt dazu bei, dem Film wenn nicht etwas Dokumentarisches, so doch etwas Wahrhaftiges zu verleihen – sofern das in einem Film über ein Remake überhaupt möglich ist.

Denn genau das ist das Thema: Wie ist es möglich, den Vorbildern von einst wieder Leben einzuhauchen? Wie kann man die Unschuld der Stummfilme, wie die Gnade und Grazie seiner Stars in die Gegenwart übertragen? Der Regisseur im Film, der sehr auf Distanz bedacht war, verzweifelt an seinem Projekt. Nach einer katastrophalen Vorführung der Filmmuster hat er einen Nervenzusammenbruch, attackiert seine Frau und landet im Sanatorium – ein anderer Regisseur (Lou Castel) steht schon bereit, sein Leben von der Sozialhilfe gegen dieses Projekt einzutauschen – aber mit einer Chinsein in der Hauptrolle kann er nichts anfangen. So reist Maggie ab nach New York, um sich mit dem Regisseur Ridley Scott – dem echten oder einem fiktiven spielt hier keine Rolle – zu treffen.

Das ist die eine Geschichte: vom Film im Film, der wie meistens bei diesem Thema nicht zustandekommt – als müßten sämtliche Regisseure bei diesem Sujet ihre Alpträume vom Scheitern des Projekts abarbeiten. Die andere Geschichte erzählt vom Filmteam, diesen Familien auf Zeit, die sich nur von Illusionen nähren, und von der Kostümbildnerin (Nathalie Richard), die sich in Maggie verliebt. Als eine vermeintlich mütterliche Freundin (Bulle Ogier) dem Star von dieser Zuneigung erzählt, kommt hinter Maggies Maske der freundlichen Distanz zum ersten Mal der Mensch zum Vorschein: Ihr ist das Geständnis wahnsinnig peinlich und sie hält sich beim nervösen Kichern die Hand vor den Mund – und plötzlich zeigt sich hinter der kosmopolitischen Frau das asiatische Mädchen. Das Begehren der Kostümbildnerin ist im Grunde nur die konkretere Form von Fan-Verehrung, der sie sonst ausgesetzt ist. In jedem Fall kommt dadurch plötzlich ihr Körper, den sie sonst im Latex-Kostüm der Vampirfrau verbirgt, ins Spiel.

Davon lebt der Film: Wie der unerreichbare Star langsam sich zurechtfindet; mit der Stadt, mit den Leuten, mit der Rolle – mit ihrem Körper. Wie hinter Maggie Cheung langsam die Maggie des Films sichtbar wird. Eines Nachts steigt sie zur Musik von Sonic Youth in ihr Catwoman-Kostüm, schleicht über die Hotelflure (wie einst Musidora bei Feuillade), bricht in ein Zimmer ein, wo eine nackte Amerikanerin mit ihrem Geliebten telephoniert (gespielt von Atom Egoyans Ehefrau Arsinée Khanjian), stiehlt ihren Schmuck und flieht in den Regen aufs Dach.

Eine wunderbare Szene, in der Maggie einerseits zum ersten Mal ihre Einsamkeit schmerzlich erfährt und andererseits zum ersten Mal auch ihre Rolle begreift – daß der Griff nach den Juwelen nichts als sublimierte Begierde ist, so wie die Angst der Bürger vor den Phantomen über den nächtlichen Dächern der Stadt auch nur eine erotische Erlösungsphantasie ist. Und wenn dann zu einer nächtlichen Mopedfahrt Ali Farka Touré und Ry Cooder ihr „Soukora” spielen, geht es einem durch und durch.

So ist dieser Film, ganz nah bei den Leuten und noch näher an seiner Hauptdarstellerin. Und das wirkliche Leben hält sogar ein Happy-end bereit: Am Ende ist Maggie Cheung in Paris geblieben und hat ihren Regisseur Olivier Assayas geheiratet.

IRMA VEP, F 1996 – Regie und Buch: Olivier Assayas. Kamera: Eric Gautier. Kairos-Film. 96 Minuten.

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