27. November 1992 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | IP 5

IP 5 von Jean-Jacques Beineix

Requiem für Yves

Im Kino, heißt es, könne man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Der schöne Satz wurde in IP 5 jähe Wirklichkeit. Denn den Mann, der in dieser Geschichte stirbt, spielt ein Mann, der dabei selbst gestorben ist: Yves Montand. Nackt wirkt er und auf einmal anfällig, doch das liegt vielleicht nur daran, daß die Erfindung hier dem Leben aus Versehen zu nahe getreten ist. So oder so geht jeder seiner Griffe ans Herz durch und durch.

Das letzte Bild im letzten Film zeigt Montand als Toten, eine Rolle, die er nicht besonders gut beherrscht. Man sieht, wie sich die Brust hebt und senkt, als wollte er sich nicht mal zum Schein mit dem Tod einlassen. Eine schwarze Brille hat man ihm aufgesetzt, und so sitzt er da auf dem Beifahrersitz eines Wagens, der hoch über einem Pyrenäental abgestellt ist, und hat einen unsichtbaren Blick auf das verschneite Panorama vor sich gerichtet, auf die Sonne, die über den Bergen aufgeht, auf jene Morgenröte, die er nicht mehr erleben wird.

IP 5 ist jedoch nicht nur die Chronik eines angekündigten Todes, sondern auch die Geschichte eines Aus- und Aufbruchs. Der alte Mann rückt nur ins Zentrum des Films, weil ihm die zwei jungen Helden des Films begegnen und beistehen. Einen Herzinfarkt hat er schon hinter sich, vor dem nächsten will er die Insel der Dickhäuter wiederfinden, jenen Ort, wo er einst während eines Sommers die Liebe seines Lebens gewonnen und verspielt hat. Mit sich und jener Frau will er noch auf dieser Welt ins reine kommen, doch das Leben spielt ihm einen Streich: Es gibt kein Zurück.

Auf Sternstunden koirmt es Jean-Jacques Beineix in all seinen Geschichten an, auf jene entscheidenden Momente, in denen sich ein Leben erfüllt oder vergeudet, auf jene schicksalhaften Begegnungen, die Menschen verändern oder zerstören können. DIVA, DER MOND IN DER GOSSE, BETTY BLUE, ROSELYNE, IP 5: Beineix galt als Vorreiter eines neuen Kinos in Frankreich, dabei ist seine Vorliebe für Melodramen etwas ganz Altmodisches. Dumme Zufälle und grausiges Geschick: In seinen stets aufs äußerste gespannten Lebensläufen gehen Erfüllung und Auslöschung Hand in Hand. Daß er dafür immer die grellsten Farben verwendet hat, wurde ihm häufig vorgeworfen, dabei tragen sie nur nach außen, was das Melodram im Innersten bewegt.

Grelle Farben und deutliche Zeichen sind Tonys Welt: Was der Graffiti-Künstler nicht ausdrücken kann, das sprüht er an die Wände. Aber nicht einmal das kann Gloria (Geraldine Peilhas) beeindrucken, die hübsche Krankenschwester, ohne die sich Tony (Olivier Martinez) sein Leben nicht mehr vorstellen kann. Also fährt Tony ihr hinterher nach Toulouse, obwohl er von einer Gruppe Skinheads den Auftrag hat, eine Ladung Gartenzwerge nach Grenoble zu bringen, wenn er das Photoalbum seiner Werke wiederhaben will. Auf der Fahrt dorthin begegnen er und sein Begleiter, der kleine schwarze Rapper Jockey (Sekkou Sall), dem alten Mann Leon (Montand), der in einem nächtens geklauten Auto auf der Rückbank geschlafen hatte. Und obwohl die beiden mit dem Alten nichts anfangen können, kommen sie doch nicht mehr von ihm los.

Gartenzwerge, Graffiti, Skinheads, alte Männer: Nichts fügt sich, nichts paßt zusammen. Der Film verkörpert all die Unarten des postmodernen Kinos, das mit DIVA so virtuos begonnen hatte. Schon der Titel ist eigentlich nur eine etwas selbstgefällige Signatur, denn IP steht für „L’Ile aux Pachydermes“ („Insel der Dickhäuter“) und die 5 für den fünften Film des Regisseurs.

Im Grunde versucht Beineix mit diesem Film auf die Vorwürfe zu reagieren, bei ihm bestimme das Design das Sein. Also sucht er nach Wirklichkeit, vermeidet das Geschönte und ringt um Blößen. Aber Reibung und Konflikte sind nicht seine Sache. Am besten war Beineix immer dann, wenn er seine Kamera mit den Gefühlen synchronisieren konnte: wenn die Kamera in DIVA in einer endlosen Parallelfahrt eine Arie begleitete; wenn Nastassja Kinski im MOND IN DER GOSSE in einem roten Sportwagen unter einem strahlend blauen Plakat vorfuhr; wenn die Kamera in BETTY BLUE im Sonnenuntergang um eine im rechten Moment herbeigezauberte Geburtstagstorte kreiselte; oder wenn nun zur monumentalen Herzschlagmusik von Gabriel Yared die Angebetete wie eine Erscheinung hinter der Fensterscheibe eines Cafes auftaucht, weil sie begriffen hat, daß sich manche Chancen nur einmal bieten. Am Ende zeichnet die Filme von Beineix vor allem eines aus: Man kann darin dem Glück bei der Arbeit zusehen.

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