08. April 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Internal Affairs

Die Stadt der eiskalten Engel

INTERNAL AFFAIRS, ein Film von Mike Figgis

In dieser Stadt werden Träume schneller wahr als anderswo. Denn hier können die Träume nicht mehr weiter nach Westen schweifen, sondern müssen sich verwirklichen. Darum scheint Los Angeles dem Himmel näher als andere Städte. Das heißt vor allem, daß auch der Weg zur Hölle kürzer ist. Bei Mike Figgis ist Los Angeles die Stadt der eiskalten Engel. Sein Film ist verliebt in den Tod. Im Herzen der Bilder herrscht ein verführerisch kaltes Funkeln. Das bringt auch die kalifornische Sonne nicht zum Schmelzen.

Die Geschichte handelt von Polizisten und den Polizisten der Polizisten. Internal Affairs Division heißt die Abteilung, wo man sich um die inneren Angelegenheiten der Polizei kümmert. Alle Fälle von Dienstvergehen, von polizeilicher Gewalt und Korruption, landen auf den Schreibtischen dieser Über-Cops. Sie sind mit allen Vollmachten ausgestattet und werden von allen gehaßt. Das erfährt auch Raymond Avila (Andy Garcia), den man gerade hierher versetzt hat. Schon der erste Fall, den er mit seiner herben Kollegin (Laurie Metcalf) bearbeitet, betrifft einen früheren Kumpel von der Polizeischule, der im Verdacht des Drogenkonsums steht. Um den Vorwurf und das Gefühl, ein Verräter zu sein, zu verdrängen, arbeitet Avila wie ein Besessener.

Zugespitzt

Er wird reizbar und nervös, lebt sich mit seiner hübschen Frau auseinander, aber er kommt auch einem groß angelegten Fall von Korruption in den eigenen Reihen auf die Spur. Je tiefer er gräbt, desto mehr konzentriert sich sein Verdacht auf eine Figur, auf die des smarten und respektierten Kollegen Dennis Peck (Richard Gere). Der Film spitzt sich auf diesen Zweikampf zu. Am Ende geht er zu weit, da wirkt er reichlich überspitzt.

Es geht in INTERNAL AFFAIRS um Kontrolle und um den Horror des Kontrollverlusts. Die Kamera von John A. Alonzo, der unter anderem auch CHINATOWN und HAROLD AND MAUDE photographiert hat, fängt diese Gefühle ein, indem sie sanfte Fahrten abwechselt mit starren Teleobjektiv-Einstellungen, in denen alle Gegenstände beunruhigend nah wirken. Einmal beobachtet Avila von der gegenüberliegenden Straßenseite, wie sich seine Frau in einem Cafe mit Peck unterhält. Da schieben sich dauernd Passanten, Lastwägen und Busse durchs Bild und rauben Avila die Sicht, die in diesem Moment auch die Übersicht über sein eigenes Leben bedeutet. Sein Blickfeld verengt sich, er gerät zusehends in Panik, hat sein Leben nicht mehr im Griff.

Denn Peck packt ihn dort, wo er am verletzlichsten ist, am männlichen Stolz. Ein seltsamer Kampf entwickelt sich zwischen den beiden, dem integren Kontrolleur und dem korrupten Verführer. Die Verhältnisse kehren sich um, Peck übernimmt die Kontrolle und ist dem anderen immer einen Schritt voraus. Der Film lebt eine Hälfte lang von der Kraft der Verführung, von dem fast magischen Charme des bösen Buben. Da entwickelt er einen vibrierenden Sog, in dem alles Geste und Geheimnis ist, jeder Blick und jedes Zucken zählt.

In der zweiten Hälfte fügt sich Figgis dem Gesetz des Genres – oder dem des Produzenten – und veräußerlicht all die intimen Regungen, die dem Film bis dahin seine Ausstrahlung verliehen haben. Die Macken der Männer und die Posen der Polizisten, diese ganze aggressive Erotik, die Polizeifilme zu einem so hybriden Genre macht, verflüchtigt sich in einem Übermaß von Gewalt und Bewegung. Und es war noch nie die Action, die Polizeifilme interessant gemacht hat.

Figgis, der schon in STORMY MONDAY ein unglaublich sicheres Gespür für Atmosphäre bewiesen hat, hätte dieses Ende gar nicht gebraucht. Denn eine Stunde lang schafft er es, seine Geschichte allein aus einer Stimmung nervöser Unruhe und gereizter Ungeduld zu konstruieren. So lange ist INTERNAL AFFAIRS einer der besten Polizeifilme der letzten Jahre.

(In München im Mathäser, Karlstor, Odyssee, Museum und Marmorhaus.)

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