27. April 1990 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Die fabelhaften Baker Boys

DIE FABELHAFTEN BAKER BOYS von Steve Kloves

Solo für drei

Dies ist kein Film wie das Leben, weil er von einem Leben erzählt, das es nur im Kino gibt. Das bedeutet, daß er einen Großteil seiner schmerzhaften Schönheit aus der Einsicht bezieht, daß im wirklichen Leben weit und breit kein Jazz zu hören ist, wenn man nach einer miesen Nacht frühmorgens nach Hause kommt. Wer sich eine Vorstellung machen möchte von den FABULOUS BAKER BOYS, der muß eine Platte von Duke Ellington auflegen und dem Klang von Worten wie „Hotel Bar“ oder „Cocktail Lounge“ nachschmecken. Dazu sollte er versuchen, sich eine Komödie der vierziger Jahre im heutigen Amerika auszumalen, ohne gleich zu verzweifeln, wenn die Einbildung dabei über die abgeschmackte Eleganz und schale Tristesse moderner Hotels stolpert. Von solchen verschwommenen Erinnerungen lebt Steve Kloves Film, und er besitzt dabei die Kraft, ihnen neue Konturen zu geben.

Die Baker Boys sind tatsächlich Brüder. Seit 31 Jahren spielen sie zusammen, seit 15 Jahren touren sie mit zwei Pianos durch die Hotels und Bars in und um Seattle. Dieselben Sprüche, dieselben Scherze und jedesmal ein gelangweiltes Publikum – falls außer dem Personal überhaupt jemand da ist. In ihrer Routine sind sie gefangen wie Fische in einem Aquarium. Frank ist der ältere von beiden, kümmert sich um das Geschäftliche und hält das Duo am Leben. Er hat Frau und Kinder, Haus und Ratenzahlungen, und Klavier spielen ist für ihn ein Job wie andere auch: Disziplin, Pünktlichkeit, Professionalität. Die Kompromisse und Demütigungen sieht er als Teil dieser Arbeit, er läßt sie nicht mehr an sich heran.

Das tut auch Jack nicht. Nur fehlen ihm die Rückzugsmöglichkeiten. Sein schäbiges Appartement teilt er sich mit seinem Hund, Gesellschaft findet er bei einsamen Kellnerinnen, und die freien Abende verbringt er in einer schwarzen Kneipe, wo er beim Improvisieren auf dem Piano seiner Lebensroutine entflieht. Jack und Frank sind so verschieden, wie es nur Brüder sein können, was auch daran liegt, daß sie von den Brüdern Jeff und Beau Bridges gespielt werden. Bei aller Faszination für Jeffs unglaubliche Coolness, die seit Robert Mitchum nur Clint Eastwood so gut hingekriegt hat, darf man nicht übersehen, wieviel Sympathien Beau für seine fast lächerliche Figur gewinnt. Und wie er mit seiner bestürzenden Normalität überhaupt erst den Boden bereitet für all den künstlichen Glamour, der die beiden Stars des Films so unwirklich glänzen läßt, Jeff Bridges und Michelle Pfeiffer.

Weil die Geschäfte immer schlechter gehen, beschließen Frank und Jack, mit einer Sängerin ihre Nummern aufzuwerten. Nach 37 völlig indiskutablen Anwärterinnen kommt endlich die richtige – unpünktlich, fluchend, eigensinnig, aber mit guter Stimme und noch besserer Figur. Susie Diamond bringt den Baker Boys Erfolg, die Säle füllen sich, die Angebote häufen sich. Der Film verliert keine Zeit mit den Stationen des Aufstiegs, er lebt von anderen Dingen: von den grellen Farben an nächtlichen Orten und dem fahlen Licht des anbrechenden Tages, von Gesten, die ins Leere gehen, und Worten, die ins Schwarze treffen. Und von Michelle Pfeiffer, die sich im roten Kleid auf einem spiegelglatten Piano räkelt und „Makin’ Whoopee“ singt. Es gibt zur Zeit im Kino keine Frau, die besser geeignet wäre, solchen Phantasien eine Ausstrahlung zu verleihen. In den drei Filmen mit den besten Dialogen der letzten Jahre war sie jedesmal dabei: GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN, TEQUILA SUNRISE und jetzt DIE FABELHAFTEN BAKER BOYS

Alles ist Licht, Klang und Atmosphäre in diesem Film. Mit ihren sanften Fahrten bringt die Kamera von Michael Ballhaus ins Bild, was dann in den Dialogen scharfe Umrisse annimmt. Alle Bewegung geht dabei von diesen kleinen Verschiebungen aus, die immer neue Facetten der drei Persönlichkeiten freilegen. Das ist Kloves Kunststück: daß bei aller Eindeutigkeit, mit der den Figuren ihre Funktion in der Geschichte zugeordnet ist, es keine Szene gibt, in der man nicht ein Knacken spürte, sobald die drei wieder ein Stück gegeneinander verschoben werden. Man begreift, warum sie nach jahrelanger Routine nicht mehr aus ihrer Haut können. Man sieht, wie verwundbar sie werden, sobald sie sich nicht mehr hinter ihrem musikalischen Zusammenspiel verstecken können. Weil sie sich so genau kennen, trifft jedes Wort genau den Punkt, wo es wirklich weh tut. Man muß ihnen nur ins Gesicht schauen, wenn Susie Jack nach einer gemeinsam verbrachten Nacht gesteht, sie wolle die Baker Boys verlassen: wie sie in ihrem unsicheren Entschluß nur auf ein einziges Wort von ihm wartet, und wie er nichts anderes herausbringt als: „Es findet sich immer eine andere So macht Steve Kloves aus der Geschichte zweier Barpianisten einen Film um Niederlagen und Hoffnungen, Stolz und Feigheit, Liebe und Selbstachtung. Kloves ist dreißig Jahre alt; dies ist sein Debüt.

Einmal erzählt Susie, wie sie einst in einem sündteuren Hotel in einem traumhaften Zimmer ganz aus Samt und Seide übernachtet hat: „Ich glaubte, daß eine Nacht in so einem Zimmer doch das Leben verändern müsse. Aber als ich aufwachte, war ich die gleiche alte Susie.“ So ähnlich geht es einem in diesem Film.

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