04. April 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Das lange Elend

Ein Film mit Längen

DAS LANGE ELEND von Mel Smith

Der Titel täuscht. Denn Dexter King (Jeff Goldblum) leidet eigentlich gar nicht so sehr unter seiner Große. Höchstens insofern als bei ihm der Weg vom Gehirn zu den Händen und den anderen Körperteilen, mit denen man das Leben üblicherweise in den Griff kriegt, weiter ist als bei anderen. Was im einzelnen bedeutet, daß er die gleichen Probleme hat wie andere Menschen auch. Von den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter fehlt immer genau der Teil mit der Telephonnummer, vom Orangensaft ist in allen Tüten nur noch ein winziger Rest übrig und vom Kühlschrank weiß man nur, daß die Reste vermutlich gerade alle Anstalten machen, sich in lebendige Tierchen zu verwandeln. Das Übliche also. Vor allem, wenn man bedenkt, daß Dexter keinen Sex hat, dafür aber eine Menge unguter Erinnerungen.

Mel Smith schert sich bei seinem Erstling weder um Ökonomie noch um Zweck-mäßigkeit. Der Film DAS LANGE ELEND scheint selber nie so genau zu wissen, worauf er eigentlich hinaus will. Erzählt wird die Geschichte eines amerikanischen Schauspielers in London, der außer seinen üblichen Problemen auch noch Heuschnupfen und eine nymphomane Mitbewohnerin hat. Ansonsten arbeitet Dexter als Watschengesicht für einen berühmten Bühnenkomiker, der allerdings hinter der Bühne überhaupt nicht komisch ist. Aber alles ändert sich, als sich Dexter in eine Krankenschwester (Emma Thompson) verliebt, die auch wie eine Krankenschwester aussieht und also auf ganz unfilmische Weise wirklich bezaubernd ist. Um sie kennenzulernen, nimmt er eine ganze Spritzenkur auf sich, schafft es dabei aber nicht, ihr mehr als einen guten Tag zu wünschen. Statt dessen trifft er sie zufällig in einem Restaurant wieder. Und damit ist der Film fast schon gelaufen. Wenn man mal davon absieht, daß die beiden beim ersten Mal systematisch die ganze Wohnungseinrichtung zertrümmern, womit sie wirklich den spritzigsten und ausgelassensten Koitus seit langem auf die Leinwand bringen.

Weil der Film da erst bei der Hälfte angelangt ist, quält er sich und Dexter noch durch einen neuen Job, einen Seitensprung und eine Wiederversöhnung.

Nach der üblichen Fernsehdistanz geht dem Film die Luft aus. Er findet keine rechte Form für seine Geschichte und be¬schränkt sich darauf, die Scherze aus dem Drehbuch wörtlich nach zu inszenieren. Das heißt immerhin: fünf gute Gags und zwei rührende Momente. Das ist für einen Film, der als einziges Thema ein langes Elend anzubieten hat, das gar nicht so lang ist, eine ganze Menge.

(In München im Odyssee, Rottmann und im Original im Arena.)

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


13 − zwölf =