29. Juli 1996 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Hippolytes Fest

Der Regisseur Laurent Bénégui zelebriert einen besonderen Leckerbissen: HIPPOLYTES FEST

Kein Film für leere Mägen: Es wird dauernd gegessen – und von allem immer nur das Feinste. Dafür haben die Eltern des Regisseurs Laurent Bénégui gesorgt, die einst in der Pariser Avenue Trudaine ein Bistro geführt und nun ihrem Sohn geholfen haben, all die Gerichte zuzubereiten, die dem Zuschauer im Film das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

In die Wiege gelegt worden ist dem Regisseur dieses Thema, könnte man also mit gutem Grund behaupten. Die Geschichte vom Koch Hippolyte (Michel Aumont), der nach 30 Jahren seinen Beruf an den Nagel hängen muß, weil er seinen Geruchssinn verloren hat, ist die seines Vaters. Bénégui hat daraus erst einen Roman gemacht, dann ein Drehbuch und schließlich diesen Film – und immer geht es ums Essen. Vermutlich dürfte er das Sujet nun gründlich satt haben.

„Au Petit Marguery“ hieß das Bistro der Eltern – und so heißt auch der Originaltitel des Films. Der deutsche Verleih hat bei HIPPOLYTES FEST auf den Gleichklang mit dem dänischen Kultwerk „Babettes Fest“ gesetzt, in dem zum einen ebenfalls Stéphane Audran eine Hauptrolle spielt und zum anderen auch gegessen wird, als gebe es kein Morgen.

Genau das ist es auch, was den Film zu solch einem sentimentalen Erlebnis macht. Das Bewußtsein, daß jeder Bissen der letzte sein könnte. Die 15 Familienangehörigen und Freunde, die sich versammelt haben, um Abschied zu nehmen, mögen alle ihre eigenen kleinen Probleme haben, aber darüber legt sich wie Bratengeruch der Dunst der Nostalgie.

So schwelgen alle in Erinnerungen an jene Momente, in denen die Liebe durch den Magen ging. All die guten und weniger guten Gäste, die kleinen Gaumenfreuden und großen Gastmähler passieren nochmal Revue. Und wenn dann der letzte Digestif genommen ist, sich alle auf der Jacke des Kochs verewigt haben und kein Auge mehr trocken ist, dann fragt man sich, warum das deutsche Kino so wenig Appetit entwickelt. Wahrscheinlich, weil bei uns das Essen nur dazu da ist, den Hunger zu stillen. Wohingegen es in Frankreich eine Sache auf Leben und Tod ist.

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