17. September 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Happy Together

Der letzte Tango aus Hongkong

Auf der Rückseite der Welt: Wong Kar-Wais neuer Film HAPPY TOGETHER spielt in Buenos Aires

Wie ist das wohl zu verstehen, wenn ein Filmemacher aus Hongkong im Jahr der Rückkehr nach China einen Film macht mit dem Titel HAPPY TOGETHER? Wer im Ernst glaubt, ein Regisseur wie Wong Kar-Wai würde sich den politischen Fragen stellen, die mit dem Ende der Kronkolonie einhergehen, der hat vom Kino nichts verstanden. Wong schreibt schließlich keine Leitartikel, er dreht Filme. In diesem Fall geht es um ein schwules Paar, das sich im argentinischen Exil auseinanderlebt.

Deshalb noch einmal mit seinen eigenen Worten: „Einer der Gründe, weshalb ich nach Argentinien ging, bestand darin, daß ich es müde war, immer wieder Fragen über die Zukunft Hongkongs zu beantworten. Ich dachte, auf der anderen Seite der Welt könnte ich diesen Fragen entrinnen. Aber dann merkte ich, je weiter ich mich entfernte, desto mehr blickte ich nach Hongkong zurück. Vielleicht hat dieser Film ja doch etwas mit dem Jahr 1997 zu tun. ” So viel dazu.

Erst hieß das Projekt BUENOS AIRES AFFAIR und sollte Wongs lateinamerikanischen Lieblingsschriftstellern Manuel Puig und Julio Cortazar huldigen. Davon ist nichts übrig. Ein halbes Jahr ist das Team nach Argentinien gegangen und hat dort eine Welt vorgefunden, die sich nicht wesentlich von den Schauplätzen in Chungking Express oder Fallen Angels unterscheidet. Hotelzimmer, Bars und Transportmittel sehen überall auf der Welt gleich aus.

Es wird wohl Tango getanzt, und Astor Piazzolla spielt auch dazu, aber von argentinischer Folklore kann hier keine Rede sein. WRW setzt die Tangomusik als das ein, was sie ist: ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. Traurig sind seine Helden allemal, aber fürs Tanzen ist die Kamera zuständig.

Wobei der Kameramann Christopher Doyle, wie er seinem in Sight and Sound abgedruckten Tagebuch anvertraute, in Buenos Aires seine ganz eigenen Probleme hatte: „Hier fange ich an, mich zu fragen, ob mich mein Mut und meine Sehkraft verlassen. Ich habe kein einziges „persönliches” Bild gemacht, seit ich hier bin. Irgendwie sehe ich diesen Ort nicht. Er spricht mich einfach nicht an. Scheiße. Schließlich entdecken wir einen Bus, der seine Passagiere ausspuckt und unter einer verfallenen Brücke in das gleißende Licht des Sonnenuntergangs abdreht. Darin liegt etwas von Einsamkeit, Abschied, Verlust der Form. Endlich habe ich ein visuelles Thema, auf dem ich aufbauen kann, eine Richtung, um den Charakter dieses Ortes zu erforschen. “

Was Doyle noch als Mangel erfährt, ist im Grunde das Spannende an diesem Film: daß er nicht auf die touristische Lüge der Exotik hereinfällt, sondern sich seinen eigenen Reim auf diesen Ort macht. Und für die Kamera reimt sich Buenos Aires eben auf Hongkong. Wer einsam ist, ist es überall. So leben Wongs Helden mit gnadenloser Konsequenz am argentinischen Alltag vorbei. Mal zetert im Hintergrund die Wirtsfamilie auf spanisch, mal kicken sie auf der Straße beim Fußball mit, aber stets bleiben sie für sich. Ihre Welt sind die Gefühle und Erinnerungen, und die Liebe ist ihre Heimat.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man Wong Kar-Wai mit Michelangelo Antonioni vergleicht. Nicht nur weil die Filme des Italieners ähnlich weltläufig daherkamen, sondern weil Antonioni eine ähnliche Art hatte, die Orte ihre eigene Geschichte erzählen zu lassen. Wo Antonioni vor allem die Weite entdeckte, empfindet Wong eher die Enge, aber beide komponieren ihre Geschichten um ein Gefühl der Leere herum. Und die Melancholie ist in jedem Fall eine Sache der Topographie.

Es beginnt mit Sex, dem leidenschaftlichen Glück zweier Ausgewanderter im Bett – und von da an driften die Dinge auseinander. Und Wong Kar-Wai, von dem sein Kameramann im Tagebuch glaubhaft versichert, daß er beim Drehen noch nicht recht wußte, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln sollen, schafft es, dieser Implosion der Gefühle einen Film abzutrotzen, der wie seine vorangegangenen Arbeiten nur aus Rhythmus, Farbe und Licht zu bestehen scheint.

In entscheidenden Momenten wirkt es, als würde die Zeit stillstehen, in anderen vergeht sie wie im Fluge. Im Musikvideo gibt es das schon lange, und das Kino hat es auch schon gemacht, aber bei Wong Kar-Wai und Christopher Doyle hat man den Eindruck, daß sie in ihren Filmen mit dem Terror der Echtzeit endgültig aufgeräumt haben. Zeitlupe und Zeitraffer sind in Zukunft Erzählfiguren, die im Film nicht nur die Dramatik unterstreichen, sondern ganz selbstverständliche Formen der Wahrnehmung von Wirklichkeit sind.

Schon am Anfang sieht man auf dem Nachttisch eine jener Kitschlampen, die durch optische Illusion einen Wasserfall darstellen. Und später bricht plötzlich ins kalte Neonlicht und triste Schwarzweiß das blaue Licht der Wasserfälle von Iguaçu, eines Naturschauspiels von solcher Kraft, daß der ganze Film darauf zuzuströmen scheint. Nach dem Fieber und den fixen Ideen der früheren Filme sind die tosenden Wassermassen ein passendes Bild für Wongs Visionen von Liebe und Verlust.

Aber nichts in diesem Schlund aus Gischt und Lärm bereitet auf das Glück der Heimkehr vor. Schon vorher hat einer der beiden Liebenden einen Job im Schlachthof angenommen, wo er nachts arbeitet und tagsüber schläft, um „in der Zeit von Hongkong” zu leben. Da hat er sich die andere Seite der Welt erträumt und Hongkong auf dem Kopf gesehen. Ein idiotisch einfacher Trick, aber ein erstaunlich berührender Effekt. Dann aber kehrt er wirklich heim, und die Kamera rast mit einer Schnellbahn durchs Lichtermeer von Hongkong, während dazu einer singt: „Happy Together. “ Vielleicht hat dieser Film ja doch etwas mit dem Jahr 1997 zu tun.

CHUNGUANG ZHAXIE, 1997. Regie und Buch : Wong Kar-Wai . Kamera : Christopher Doyle. Schnitt und Produktionsdesign: William Chang Suk-Ping. Musik: Danny Cheung, Astor Piazolla, Frank Zappa. Darsteller: Leslie Cheung, Tony Leung, Chang Chen . Verleih: Pandora. 93 Minuten.

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