16. Oktober 1990 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ghost

Die Toten sind unter uns

Jerry Zuckers GHOST, der Heuler der Saison

Ich sehe was, was du nicht siehst – so spricht das Kino zum Zuschauer. Im Reich der Schatten und des Lichts gibt es keine Trennung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Man sieht im Kino, was man nicht sieht. Das ist das Wunder, das man immer wieder erlebt, von Spielberg bis Bergman, von Das Gespenst der Freikeit bis Chost. Auf diese Weise entwirft das Kino fortwährend Phantombilder unserer Wünsche, Ängste und Sehnsüchte.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist tot. Nachdem noch die entferntesten Welten im All und die tiefsten Höhlen unterm Meer kolonialisiert worden sind, wendet sich das Kino wieder naheliegenderen Bereichen zu: Die Toten sind unter uns. MADE IN HEAVEN von Alan Rudolph, EIN HIMMLISCHER LIEBHABER von Emile Ardolino, BEETLEJUICE von Tim Burton oder ALWAYS von Steven Spielberg. Die Toten wollen einfach nicht weichen, klammern sich hartnäckig ans Leben und terrorisieren Hinterbliebene und Zuschauer. Sie sind kein bißchen bleich und immer noch sehr verliebt. Sie nehmen ihr Versprechen beim Wort: Auf immer und ewig. Dabei haben diese Filme einen Vorteil auf ihrer Seite: Weil in ihnen die Liebe die ehernen Gesetze des Todes außer Kraft setzt, sind darin auch die Gefühle übermenschlich. Ein simpler Trick und er funktioniert fast immer.

Sam und Molly lieben sich und haben gerade gemeinsam eine neue Wohnung bezogen. Bei allem Glück bleibt die Skepsis: Je glücklicher Sam ist, desto deutlicher spürt er die Fallhöhe. Als er sieht, wie Molly eine große hölzerne Engelsfigur durchs Fenster hieven will, stürzt er erschrocken hinzu. Dabei war er es, dem der Engel zuzuwinken schien. Seine Ahnungen waren richtig, aber das Opfer ist er selbst. Auf dem Nachhauseweg vom Theater werden die beiden überfallen. Ein Schuß fällt, Sam läuft weg, dreht sich um und sieht Molly, wie sie sich über einen Toten beugt – über ihn selbst. Nach und nach begreift Sam, daß er sich in einem Zwischenreich bewegt, in einem Alptraum aus vollem Bewußtsein und totaler Hilflosigkeit. Er kann sehen, wie sein Mörder Mollys Wohnung durchsucht, aber er kann sie nicht warnen. Ausgerechnet eine Hochstaplerin, die als falsches Medium den Hinterbliebenen das Geld aus der Tasche zieht, kann ihn als einzige hören. Aber die traut erst einmal ihren Ohren nicht und hat dann einige Schwierigkeiten, Molly davon zu überzeu¬gen, daß sie mit ihrem toten Mann in Verbindung steht. Whoopi Goldberg spielt das Medium, und sie ist natürlich eine Schau. Und Patrick Swayze und Demi Moore sind sympathisch genug, um unsere Mitleidenschaft zu verdienen. Jerry Zucker entstammt dem Dreigespann ZAZ, zu dem auch sein Bruder David und Jim Abrahams zählten.

Die Filme KENTUCKY FRIED MOVIE, DIE UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCCKTEM FLUGZEUG, TOP SECRET, DIE UNGLAUBLICHE ENTFÜHRUNG DER MRS. STONE und DIE NACKTE KANONE sind von ihnen geschrieben, inszeniert oder produziert worden. Mit dieser Filmographie war Zucker nicht gerade die erste Wahl für den Autor Bruce Rubin, aber die beiden verstanden sich auf Anhieb. Im Endeffekt erweist sich Zuckers komödiantische Beweglichkeit für die traurige Geschichte als Gewinn. Worüber man erst einmal gelacht hat, darüber kann man hinterher um so besser trauern. GHOST ist ein hemmungsloser Heuler. Er will die Zuschauer fertigmachen und schafft es auch.

Wie in PRETTY WOMAN gibt es auch in diesem Film nichts zu sehen, was man nicht schon anderswo auch gesehen hat. Aber die beiden sind so unverschämt geschickt in der Manipulation ihres Materials, daß man sich ihren Geschichten kaum entziehen kann. Als Zuschauer kann man nur kapitulieren. Dafür wurde Hollywood noch immer am meisten geliebt.

(In Amerika wurde GHOST zur Überraschung aller zum Hit der Saison, in München läuft er deshalb auch gleich in acht Kinos an.)

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