03. Oktober 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Gefährliche Brandung

GEFÄHRLICHE BRANDUNG von Kathryn Bigelow

Surf Noir

Wie Gladiatoren betraten sie mit ihren Brettern unterm Arm den Strand. Durch ein verfallenes steinernes Tor stieg das Trio hinab in die Arena, und nichts konnte ihnen etwas anhaben. Ihr Leben bestand aus Surfen und Saufen, Sonne und Sex, und nur ihr Traum von der großen Welle ließ ahnen, daß das nicht immer so bleiben würde. Brandung folgte auf Brandung, dann kam der Krieg in Vietnam, und alles war vorbei. Der Film hieß TAG DER ENTSCHEIDUNG, und John Milius erzählte darin, wie ein Land seine Unschuld verlor.

Das falsche Grinsen von Johnson, Nixon, Carter und Reagan liegt über GEFÄHRLICHE BRANDUNG. Mit den Masken der Präsidentengesichter tarnt sich ein Quartett von Bankräubern, die mit schöner Regelmäßigkeit und aufreizender Kaltblütigkeit im Großraum Los Angeles zuschlagen. Weil die einzige Spur ins Milieu der Surfer führt, beschließt das FBI, dort einen Mann einzuschleusen. Und tatsächlich findet Johnny Utah (Keanu Reeves) nach einigen Bewährungsproben über das Mädchen Tyler (Lori Petty) Anschluß an eine Clique, deren Anführer (Patrick Swayze) sich Bodhi nennt. Und er lernt schnell, daß Surfen nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine Frage des Bewußtseins ist. An seiner Leidenschaft für das Mädchen und das Surfen merkt man, daß sich Johnny bald nicht mehr nur aus professionellen Gründen am Strand aufhält.

Warum Bodhi an die Westcoast aufbrach: Von der großen Welle träumen sie immer noch, aber bis es soweit ist, suchen sie andere Abenteuer, zu Wasser, zu Lande und zur Luft. Mit der Lebenslust verbinden sie die Erkenntnis, daß man nur im Angesicht des Todes des Lebens gewahr werden kann. Und so suchen sie die Gefahr um jeden Preis, nicht nur beim Surfen, sondern auch beim Fallschirmspringen oder eben bei Banküberfällen. Dazwischen hat Bodhi seine Lehre aufgespannt, als Hochseilakt zwischen „Siddhartha“ und „Zarathustra“. Und wie alle, die zu fest an das Heil ihrer Lehre glauben, geht auch er baden.

Über den Tiefgang des Wellenreitens gibt es einen Roman von Kern Nunn, der bei Ullstein unter dem Titel „Nacht über Surf City“ erschienen ist. Zwischen Surfern und Bikern wird dort eine ähnliche Geschichte erzählt, die im Gewinn der Freiheit den Verlust der Unschuld entdeckt und die Grenzerfahrungen auf dem Wasser mit dem Überschreiten moralischer Grenzen verbindet. Das ist es möglicherweise, was der Originaltitel von Kathryn Bigelows Film bezeichnet, jener POINT BREAK, wo die Welle anfängt zu brechen, so daß man auf ihr reiten kann. Vom Leben auf jener Bruchstelle berichten die Werke dieses Genres, das mal jemand „Surf Noir“ genannt hat.

Kathryn Bigelows Filme spielen alle bei Anbruch der Dunkelheit, wenn sich die Schatten der Nacht über die Weit legen NEAR DARK, BLUE STEEL und POINT BREAK sind mondsüchtiges Kino, dessen Blick auf die Zivilisation die untergründigen Strömungen des Lebens freilegt. In NEAR DARK erwachten nachts die vampirischen Gelüste, in BLUE STEEL geriet ein Börsenmakler in Blutrausch, und in POINT BREAK setzt der Lebenshunger kriminelle Energien frei. Was die Regisseurin, Lebensgefährtin von James Cameron, dabei auszeichnet, ist ihr Gespür dafür, wie sich diese subkutanen Kräfte an der Oberfläche abbilden lassen. Eine visuelle Lust durchzieht diese Filme, vom gleißenden. Schimmer, der die Welt der Vampire durchschießt, bis zur Explosion des Lichts, mit der sich der düstere POINT BREAK in die Lüfte erhebt. Daß Kathryn Bigelow im Wellengang der Bilder häufig die Geschichten untergehen, scheint da fast unvermeidlich. Aber dieses Kino der Kinetik und Kindereien ist auch durch falsche Töne nicht zum Schweigen zu bringen. Schon deswegen nicht, weil der Film aufs einleuchtendste in sich geschlossen ist. Denn was für die Wellen gilt, gilt auch für das Kino: Es ist das sichtbare Abbild der untergründigen Strömungen.

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