06. September 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Die Reise des Capitan Fracassa

DIE REISE DES CAPITAN FRACASSA von Ettore Scola

Wie die Zeit vergeht

„Wie spät ist es?“ fragte Ettore Scola in seinem letzten Film. Die Antwort war dabei nicht wirklich wichtig. Denn die Frage genügte, um eine Suche nach der verlorenen Zeit in Gang zu setzen, an deren Ende sich ein Sohn mit seinem Vater versöhnte. Scola macht kein Kino der harten Schnitte, sondern eins der sanften Fahrten. Das Verstreichen der Zeit vollzieht sich bei ihm nicht im Rhythmus der Montage, sondern in Plansequenzen „Wie spät ist es?“ scheinen sich alle seine Filme zu fragen. Und ihre Antwort veranschaulicht vor allem eines: Die Zeit mag vergehen, aber die Welt bleibt, wie sie ist.

DIE REISE DES CAPITAN FRACASSA ist eine Reise zur Wiege der Kunst. Lose folgt der Film dem Roman von Theophile Gaultier, der von einem verarmten Adligen erzählt, der sich einer Truppe von Wanderschauspielern anschließt, auf dem Weg von den Pyrenäen nach Paris. Die Händel und Intrigen des Abenteuers nimmt Scola nur zum Vorwand für eine Geschichte über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, von Wahrheit und Spiel. Wobei am Anfang die Agonie steht. Denn der Edelmann (Vincent Perez) ringt nach einem Duell mit dem Tode, und sein selbsternannter Diener Pulcinella (Massimo Troisi) nutzt das Warten, um einem zufällig des Weges gekommenen Fremden zu erzählen, wie es dazu kommen konnte. Der Film spielt also in einem Zwischenreich, jener Welt zwischen dem Leben und dem Tod.

Ettore Scolas Filme sind Passagenwerke. Sie durchfahren die Korridore von der Gegenwart zur Erinnerung, von der Wirklichkeit zur Imagination und umgekehrt. Daß die Grenzen dabei fließend sind, macht aus seinen Schauplätzen Transiträume zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Die Einheit des Ortes ist dabei Scolas oberstes Gebot: Ein verlassenes Gebäude in EIN BESONDERER TAG, eine Terrasse in DIE TERRASSE, ein Ballsaal in LE BAL, eine Kutsche in FLUCHT NACH VARENNES, eine Großbürgerwohnung in DIE FAMILIE, ein Kino in SPLENDOR. Diese Orte vermitteln zwischen den Veränderungen in der Außenwelt und dem Innenleben der Figuren. Während außen die Zeit vergeht, scheint sie innen stillzustehen. Auch in DIE REISE DES CAPITAN FRACASSA, der keinen Hehl daraus macht, daß alles auf einer Bühne spielt. Wobei der Vorhang eine weitere Schleuse bildet zwischen dem Zuschauer und dem Film. Wenn er am Schluß über der Bretterbühne der Schauspieltruppe fällt, dann verneigen sich die Akteure abwechselnd zum Publikum im Film und zu den Zuschauern im Kinosaal.

Es gibt keine Kunst ohne Wirklichkeit in diesem Film. Sie treibt ein Spiel mit ihr und zwinkert dabei mit den Augen. Bei einer Aufführung für ein paar Adlige geht im Publikum ein Fernrohr von Hand zu Hand, und was die Herrschaften dabei sehen, ist die Verwirklichung des Traums aller Zuschauer. Die Akteure machen ihrem Publikum schöne Augen, und jede Geste scheint zu sagen: „Nur für dich allein!“ Als die Adligen dann nächtens die scheinbaren Versprechungen einlösen wollen, erteilen ihnen die Schauspieler eine Abfuhr. Das Verhältnis zwischen Kunst und Betrachter stellt Scola als Spiel um Verführung und Begehren dar, in dem jeder selbst schuld ist, wenn er alles ernst nimmt. Kunst heißt Versprechen und nicht Erfüllung. Die Gefühle werden geweckt, aber nicht befriedigt. Und da ist es nur konsequent, wenn Pulcinellas Zuhörer sich verabschiedet, ehe der Ausgang des Todeskampfes gewiß ist. Weil er, so sagt er, sich die Illusion bewahren möchte, daß die Geschichte glücklich ausgeht. Schließlich ist der Mann ein Inspektor für Sauberkeit und Hygiene.

Scolas Filme spielen in hygienisch sauberen, luftleeren Räumen. So kann man besser dabei zusehen, wie die Fiktionen in Gang kommen, wie sich die Figuren mit Leben füllen. Es genügt, daß die Kamera vom erzählenden Pulcinella weg zur Seite fährt und das Licht sich ändert, um in die Illusion entführt zu werden. Und da wirkt es ganz zauberhaft, wenn es beim Duell auf einmal zu schneien beginnt. Weil der künstliche Schnee vor den gemalten Kulissen viel wirklicher wirkt, als echter Schnee es könnte. Und genauso gewinnen in einer künstlichen Welt die künstlichen Gefühle eine ganz neue Wahrheit. Am Ende verwandelt der Genesene seine Geschichte in ein Bühnenstück, wo er die verlorene Geliebte (Emmanuelle Béart) einfach von einer anderen (Ornella Muti) spielen läßt und so den Schmerz überwindet. Was am Kino des Ettore Scola so bezaubert, ist die Tatsache, daß es darin zwischen der Illusion und der Wirklichkeit keinerlei Reibungsverlust gibt. Das mag verlogen sein, aber es ist eine schöne Lüge.

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