11. Oktober 1991 | Die Zeit | Filmkritiken, Rezension | Schrei aus Stein

SCHREI AUS STEIN von Werner Herzog

Vom Drehen im Eis

Cliffhanger nennt man jene Momente, wenn der Held über dem Abgrund hängt und ihm scheinbar nicht mehr zu helfen ist. Aber im Kino genügt ein seidener Faden, um Leben zu retten. Und manchmal braucht es nicht einmal den.

Einen Cliffhanger zeigt auch jenes bekannte Poster, auf dem der Freeclimber Stefan Glowacz mit nur einer Hand an einem Felsvorsprung über dem Abgrund hängt. Für den Film von Werner Herzog hat er dieses Bild noch einmal „nachgestellt“. Meter von der Felswand entfernt baumelt er da in einem Überhang und hat weder Seil noch Netz, noch doppelten Boden.

Spielt es im Kino eine Rolle, daß einer mit seinem Leben für die Bilder einsteht? Ist die Wahrheit eines Bildes abhängig von der Wirklichkeit einer Aufnahme? Im Zeitalter der Simulation ist man geneigt, beide Fragen zu verneinen. Oft genug hat das Kino schon bewiesen, daß es für die Zuschauer auch keinen Unterschied gemacht hätte, wenn in FITZCARRALDO statt eines echten ein Modellboot über den Berg gezogen worden wäre. Dennoch bleibt ein Rest von Zweifel. Denn es könnte ja sein, daß die persönliche Moral des Filmemachers Herzog mehr ist als nur eine naive Vorstellung vom Kino. Und daß seine Filme ihren Beitrag leisten zur Errettung der physischen Realität. Aber im Grunde muß auch Herzog diesen schmalen Spalt zwischen Wirklichkeit und Simulation offenhalten, durch den die Wahrheit entweichen kann.

Wenn uns auf der Erde die Bilder ausgingen, hat Herzog in Wim Wenders AUFZEICHNUNGEN ZU KLEIDERN UND STÄDTEN gesagt, dann müsse man eben zum Mars fliegen. Das ist ein schöner Traum: daß es Bilder gibt, für die es sich lohnt, ans Ende der Welt zu gehen und noch weiter. Diesmal ist Herzog zum Cerro Torre gepilgert, einer Felsnadel aus Eis und Stein zwischen Argentinien und Chile. Dort inszeniert er den Kampf zwischen einem Bergsteiger alter Schule (Vittorio Mezzogiorno) und einem jungen Bergakrobaten (Stefan Glowacz). Den einen sollte ursprünglich Reinhold Messner spielen, der auch die Idee zu dieser Geschichte hatte. Das hätte zwar die Authentizität dieses Duells vollends auf die Spitze getrieben, ihr aber auch nicht mehr Spannung verliehen. Denn die Geschichte ist zwar nicht schlecht, aber das Drehbuch, das Herzog erstmals nicht selbst geschrieben hat, ist mindestens so schwachbrüstig wie seine Inszenierung. Das sieht dann so aus, daß die Freundin (Mathilda May), die den Bergsteiger nach langer Trennung in der Einöde aufsucht, zu hören bekommt: „Ich habe gewußt, daß du kommen würdest.“ Und darauf antwortet: „Ich mußte dich sehen.“ Der SCHREI AUS STEIN kämpft mit Sätzen aus Beton.
Vor den schwindelnden Höhen tut sich in dem Film eine gähnende Leere auf. Viel zu selten verläßt sich Herzog auf die Naturgewalten seiner Geschichte, wo ein Schwenk über das gewaltige Panorama ganze Arien erzählt. Daß er statt dessen den Medienzirkus um derartige Expeditionen thematisiert, ist zwar geschickt ausgedacht, aber trotz prominenter Besetzung mit Donald Sutherland als Harry Valerien, Georg Marischka als McCormack und Amelie Fried als Amelie Fried reichlich unbeholfen erzählt.

Nach seinem ersten Versuch behauptet der Freeclimber zwar, den Cerro Torre bezwungen zu haben. Aber er hat kein Photo, das dies beweisen könnte. Bei seinem nächsten Versuch wird deshalb das Fernsehen dabei sein, um das Ereignis aus allen Winkeln zu covern. Dieser Zwiespalt erfüllt den Film mit Spannung: der Glaube an die Beweiskraft der Bilder einerseits und der Zweifel an ihrer Allgegenwärtigkeit andererseits. Da hängt plötzlich die Moral der Geschichte an einem seidenen Faden. Aber weil wir im Kino sind, genügt das. Als der Bergsteiger unter dem Blick der Fernsehkameras die Felsnadel erklommen hat, entdeckt er, daß schon jemand vor ihm da war. Und der Zuschauer weiß, daß es nicht sein junger Konkurrent war, sondern jener Verrückte (Brad Dourif), der am Fuße des Berges haust und der seiner Verehrung für Mae West auf dem Gipfel ein Denkmal gesetzt hat.

Albert Camus hat geschrieben: „Jedes Gran dieses Steins, jeder Splitter dieses durchnächtigten Berges bedeutet allein für ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Bei Werner Herzog zahlt der Mensch für dieses Glück den Preis des Wahnsinns.

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