09. Oktober 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Full Metal Jacket

Munition im Lauf der Geschichte

Stanley Kubricks Film FULL METAL JACKET

Der Mann mag keine halben Sachen. Was Stanley Kubrick macht, das macht er gründlich. Kein Regisseur von Weltruf läßt sich für seine Filme so viel Zeit, keiner feilt ähnlich lange an ihnen wie der in England lebende New Yorker. In den 24 Jahren seit der Fertigstellung von DR. SELTSAM hat Kubrick lediglich fünf Filme gedreht: 2001; ODYSEE IM WELTRAUM, UHRWERK ORANGE, BARRY LYNDON, SSHINING – und jetzt nach wiederum siebenjähriger Pause FULL METAL JACKET.

Alle gelten gemeinhin als Höhepunkte des jeweiligen Genres, als typische Kostüm-, Horror- oder Science-fiction-Filme. Tatsächlich scheint jeder einzelne von ihnen den Endpunkt seiner Gattung zu bilden, und doch ist keiner Genre-Film im eigentlichen Sinn. Kann man also FULL METAL JACKET überhaupt noch als Vietnam- oder Kriegsfilm bezeichnen? Oder stellen sich solche Fragen bei Kubrick erst gar nicht? Blenden wir zurück: Der 1928 geborene Stanley zeichnet sich schon in seiner Jugend durch eine Vorliebe und Talent für Photographie und Schachspiel aus. Mit 17 verkauft er sein erstes Photo an das Magazin Look, mit 22 dreht er zwei Dokumentarfilme über einen Boxer und einen fliegenden Priester, mit 24 folgt der erste Spielfilm
FEAR AND DESIRE.

Kubrick ist als Filmemacher ein Selfmademan und als Regisseur ein Autodidakt Er hat sich sein Handwerk durch Hinsehen und Ausprobieren, durch Zuschauen und Nachmachen erworben. Das Abdanken des Genre-Kinos und der Studio-Herrlichkeit erlebte er vor der Leinwand und hinter der Kamera mit. Als erstes schickte Kubrick dem Film Noir zwei Epiloge hinterher. KILLER’S Kiss und THE KILLING sahen aus wie nachgespielte Partien zweier Schach-Großmeister, in denen der Herausforderer durch einen lächerlichen, winzigen Fehler unterliegt.

Enzyklopädie des Kinos

Der Zugang zum Kino war dadurch klar und er hat sich bis heute kaum geändert: Mit einer bis zur Pedanterie gesteigerten Akribie hat Kubrick aus Tausenden von Filmen Muster und Regeln herausdestilliert die er dann wieder mit ungeheurer visueller Energie anreicherte. Kubricks Filme lesen sich wie Enzyklopädien des Kinos, wie spannend geschriebene Analysen der Wirkungsforschung, wie phantasievoll ausgemalte Schilderungen einer intellektuellen Annäherung. Es sind Irrgärten des Geistes, in denen man im Kreis geht, in denen alles, vor allem der gnadenlose nRealismus, die Detailwut und der Athentizitätswahn immer wieder auf sich selbst verweisen.

Vielleicht ist das der Grund, warum seine Filme, in denen es von unsympatischen, schwachen und korrupten Helden nur so wimmelt dennoch Millionen von Zuschauern zur Identifikation einladen: weil sie so schlüssig und unerbittlich konsequent wirken. Kubrick geht jeden Weg zu Ende, ohne Rücksicht auf Verluste. Er nimmt Abkürzungen durch die Kinogeschichte, die durch unwegbares Gelände führen, die uns aber auch Aussichten zeigen, die wir sonst so nie zu Gesicht bekommen hätten. Der Mann ist ein Sonderfall so oder so.

FULL METAL JACKET fügt sich nahtlos in diese Tradition: Es ist ein typischer Kubrick-Film, und also ist darin der Kriegsfilm auf den Punkt gebracht, auf den Schlußpunkt. Dass es um Vietnam geht, ist dabei eher Zufall, dass der Film in zwei gleich lange Teile zerfällt, nur konsequent. Im ersten Teil werden auf Parris Island, South Carolina, junge Rekruten ausgebildet, werden zu Marines geschliffen, zu Elitesoldaten. Im zweiten Teil sieht man sie im Einsatz während der Tet-Offensive, im Lager von Da Nang und im Häuserkampf um Hue. Vietnam 1968: Es gibt keine Helden, nur besser und schlechter Ausgebildete; es gibt keine Moral, nur bessere und schlechtere Zeitpunkte; es gibt keine Menschen, nur Täter und Opfer. Der Film ist gnadenlos. Er schreitet voran, läßt dem Zuschauer nichts, woran er sich halten könnte. Den Rekruten wird der Kopf geschoren, dann das Hirn gewaschen. Ihre Ausbildung ist von einer perfiden Funktionalität. Erst werden die jungen Männer von ihrem Ausbilder Sergeant Hartman (gespielt von dem Ex-Ausbilder Lee Ermey), zur Schnecke gemacht, dann werden ihnen neue Namen verpaßt. Unterschiede oder Abweichungen gibt es nicht, allenfalls Fehlfunktionen.

Kubrick erzählt Geschichte ohne Geschichten. Seine Figuren sind, was sie tun – im Sinne ihrer militärischen Ausbildung. Es gibt einen Witzbold (Matthew Modine) und einen debilen Dicken (Vincent D’Onofrio). Man weiß von ihnen nicht mehr als das, was man sieht: Sie haben keine Vergangenheit keine Träume, nichts. Ihre Identität ist ihr Rang, ihr Ziel ist das Töten, Sie sind Munition im Laufe der Geschichte: full metal jackets = Vollmantelgeschosse. Einer krepiert noch im Rohr. Gedemütigt und deformiert, erschießt der Dicke erst den Ausbilder, dann sich selbst.

Die erste wirklich individuelle Tat besteht aus ihrer eigenen Auslöschung. Das ist der Höhepunkt am Schluß des ersten Teils. Bis dahin reihte sich Ausschnitt an Ausschnitt, ohne Eigenheiten, ohne Pointen – ein perfekt gedrillter Film. Er gleicht der Maschinerie, die er abbildet. Das wird ihm hierzulande vorgeworfen: daß er keine entschiedene Position bezieht gegen das, was er zeigt. Geschosse fliegen auf Feldarbeiter, auf Frauen, Kinder und Tiere. Der Dicke schießt, als wäre er in einer Schießbude. Ein Musterbeispiel an Effizienz.

Joker arbeitet in Vietnam für die Armee-Zeitung Stars and Stripes, führt den Medien-Krieg. Weil ihm das aber nach seiner Ausbildung zum Killer nicht genügt, läßt er sich versetzen zu den Frontschweinen und gerät in den Kampf um Hue. Dort wird ein Teil seines Platoons von einem Heckenschützen aufgerieben, weil ihnen eines nicht beigebracht worden ist: das eigenständige Denken. Der Tod bleibt anonym, eine weitere Fehlfunktion nur.

Der unerbittliche, tödliche Blick des Heckensehützen gleicht dem Kubricks. Erbarmungslos läßt er seine Figuren ins Fadenkreuz seiner Absichten laufen. Er kennt keine Gnade – das macht seinen Film so verstörend. Seine Beweisführung ist wieder einmal lückenlos, die Mythologie des Genre-Kinos außer Kraft gesetzt. Auf der Leinwand ist kein Platz mehr für Fiktionen, für Träume, die Geschichte wird nur noch angetrieben von der Logik der Logistik. Der Film ist ein Blick ins analytische Gehirn des Kinos, das noch vorgibt, Kino zu produzieren, aber in Wirklichkeit nur Gedanken durch den Irrgarten seiner Instruktionen schickt. Als müßten Filme dem Zuschauer das Denken abnehmen!

Was dem Dicken auf Parris Island zum Verhängnis wurde, machen andere im Krieg auch – nur haben sie den Zeitpunkt besser gewählt: Der erste, dem der Witzbold begegnet, ist ein MG-Schütze in einem Hubschrauber, der im Vorbeifliegen wahllos Menschen erschießt. Die Szene sieht aus wie die Kopie eines Filmes im Maßstab 1:1, ein perfektes Abbild seiner selbst, durch das das Kino an keiner Stelle mehr durchschimmert. Das muß man Kubrick lassen: Was er macht das macht er gründlich.

(In München im Mathäser, City, Royal, Veranda, Marmorhaus und im Original im Europa.)

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