09. Oktober 1994 | Focus Magazin | Filmkritiken, Rezension | Forrest Gump

FORREST GUMP: Der Idiot des Südens

Wenn Geschichte ein Märchen ist und Einfalt glücklich macht: FORREST GUMP und sein minderbemittelter Titelheld treffen Amerika mitten ins Herz

Eine leuchtend weiße Feder schwebt durch einen noch viel leuchtenderen blauen Himmel. In der Tiefe sieht man einen Ort mit Kirchturm und Bäumen und Straßen, wie man ihn sonst nur noch in Bilderbüchern findet. Aber die Feder scheint sich Zeit lassen zu wollen auf ihrem Weg hinab und vertraut sich allerlei Winden und Wirbeln an, ehe sie endlich erdwärts schaukelt. Und gerade als sie auf der Straße aufzukommen droht, wird sie von einem Auto nochmal aufgescheucht und einem Mann auf einer Bank vor die Füße gewirbelt, der sie aufhebt und über ihrem Anblick ins Erzählen gerät.

Der Mann ist Forrest Gump, der Titelheld, dessen Leben hier ausgebreitet wird, und was er zu erzählen hat, gleicht auf wundersame Weise dem Flug der Feder. Gump selbst scheint von wohlwollenden Winden durchs Leben getragen worden zu sein, kaum je Herr seines Schicksals und doch von einer gütigen Hand geführt. Und dabei scheint der Film wie jene Feder den Moment hinauszuzögern, wo er auf dem harten Boden der Wirklichkeit landet. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum er in Amerika solche Wellen schlägt: FORREST GUMP erzählt die amerikanische Geschichte der letzten dreißig Jahre als Märchen.

Es war einmal: ein Film, der all die Hürden des amerikanischen Kinogeschäfts in Rekordzeit nahm. 100 Millionen Dollar in 21 Tagen, Schwarzenegger bereits weit hinter sich gelassen, 200 Millionen in 46 Tagen, jetzt ist er bei 260, an fünfter Stelle der ewigen Bestenliste, und ein Ende ist nicht abzusehen. FORREST GUMP wird bereits als heißer Oscar-Anwärter gehandelt, obwohl die aussichtsreichen Filme in der Regel erst am Jahresende in die Kinos kommen. Und seinem Star Tom Hanks traut man nach PHILADELPHIA sogar einen zweiten Oscar in Folge zu. Das ist schon ziemlich viel für einen Film über einen Mann mit einem IQ von 75, aber noch längst nicht alles.

FORREST GUMP hat nicht nur einen Nerv, sondern Amerika mitten ins Herz getroffen. Die Oscar-Anwärter und -sieger der letzten Jahre – von RAIN MAN bis SCHINDLERS LISTE – waren sicher alle gut, wichtig, erfolgreich oder alles zusammen, aber sie haben alle nicht jenen soft spot getroffen, in dem ein Film über sich hinauswächst und Allgemeingut wird.

Politische Redner wie Karikaturisten nehmen auf ihn Bezug, und der Ausdruck „Gumpisms“ ist zum geflügelten Wort geworden. Gemeint sind damit die Binsenweisheiten, die Gumps Mutter ihrem Sohn mit auf den Lebensweg gegeben hat. Wobei das schlichte Gemüt seinen Erfolg auf noch schlichtere Wahrheiten gründet wie „Life is like a box of chocolates – you never know what you´re going to get“ („Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man kriegt“). Die erste Auflage einer Sammlung dieser Sprüche war sofort verkauft, eine Viertelmillion hat sie mittlerweile, und Radiostationen veranstalten bereits Wettbewerbe unter ihren Hörern, wer die besten Gumpisms auf Lager hat: „Stupid is as stupid does.“ („Dumm ist, wer Dummes tut.“)

Das ist das wahre Kunststück, das dieser Film vollbracht hat: Daß er für sein Merchandising nicht auf erfundene Welten wie „Jurassic Park“ oder „Gotham City“ angewiesen ist, sondern mit der Wirklichkeit auskommt. FORREST GUMP ist der erste Film, der in der Welt von Titelschutz und Markenzeichen aus Allgemeingut wie Sprichwörtern und Redensarten ein Geschäft macht. Und das Motto liefert er gleich mit: „If you see a line, go stand in it. Probably can´t hurt nothin´.“ („Wenn du eine Schlange siehst, stell dich rein. Kann nie schaden.“)

Wer ist dieser Forrest Gump, dieser simple Superstar, den „Time“ einen „idealen Guru für die nervösen Neunziger“ nannte? Er ist ein zurückgebliebenes Kind aus Alabama, ein Idiot des Südens also, ein Narr reinen Herzens, ein tumber Tor, die heilige Einfältigkeit sozusagen. Und wenn es ein Motto gibt, das auf ihn passen könnte, dann jenes: „Ich denke nicht, also bin ich.“

Anders gesagt: Forrest Gump hat keine Chance, also nutzt er sie. Und der Film macht sich einen Spaß daraus zu zeigen, daß Amerikas Geschichte ohne ihn anders verlaufen wäre. Das fängt in seiner Kindheit an, als er Gehhilfen tragen muß, die ihm einen wackligen Gang aufzwingen, von dem sich ein Untermieter im Haus seiner Mutter zu einem gewissen Hüftschwung inspirieren läßt – es handelt sich um Elvis Presley. Und auch John Lennon fühlt sich später nach einer Talkshow mit Gump zu seinem Song „Imagine“ angeregt.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Als Gump wieder einmal von seinen Klassenkameraden auf Rädern verfolgt wird, läuft er in seiner Panik so schnell, daß es wie durch ein Wunder die Gehhilfen von seinen Beinen sprengt und er nicht nur seinen Verfolgern entrinnt, sondern sich auch noch ein Stipendium als Football-Spieler erläuft. Er schafft es ins All-American-Team, das ins Weiße Haus eingeladen wird, wo Gump Kennedy fragt, ob er die Toilette benutzen kann, auf der er dann ein signiertes Foto von Marilyn Monroe findet. So wird in diesem Film die amerikanische Geschichte zum Witz.

Perfekte Computertechnik läßt diese Treffen zwischen dem falschen Gump und den echten Berühmtheiten zu einem echten Vergnügen werden. Im Unterschied zu Woody Allens ZELIG paßt sich Gump nicht etwa dieser Welt an, sondern durchläuft seine Tour d´Amérique unverändert. Wenn er schließlich auf jener Bank zu sitzen kommt, von der aus er seine Geschichte als Rückblende erzählt, ist er immer noch unverdorben und reinen Herzens.

Gumps Schnelldurchlauf durch die amerikanische Geschichte sieht so aus: Er kommt nach Vietnam, wo er verwundet und ein Held wird. Im Lazarett lernt er Tischtennis und avanciert zum Star des US-Teams. Mit dem Geld, das er verdient, kauft Gump einen Fischkutter, um Shrimps zu fangen. Davon hat er zwar keine Ahnung, aber nach einem Sturm ist sein Boot als einziges übrig, und ihm allein geht alles ins Netz. Mit dem Ertrag kauft er eine ganze Flotte und wird reich.

Was immer er anfaßt, verwandelt sich in Gold, und Gump merkt es kaum. Er investiert in eine Obstfirma – und es ist Apple. Und als er nicht mehr weiterweiß, weil ihn seine Jugendfreundin verlassen hat, fängt er an zu laufen, Tage, Wochen, Monate – und gründet die Joggingbewegung. Kurz: Der Mann hat mehr Glück als Verstand.

Das alles ist hübsch ausgedacht und clever in Szene gesetzt, aber es wäre womöglich kaum weiter der Rede wert, wenn der Film nicht noch eine andere Geschichte erzählen würde, die dem seichten Gemüt Gump Tiefe verleiht. Es ist die Geschichte von Gumps Jugendfreundin, seiner ersten Liebe Jenny (Robin Wright). Schon als Kind hat sie als einzige zu ihm gehalten, und auch später kreuzen sich beider Wege immer wieder. Aber im Gegensatz zu Gump folgt sie wie die meisten ihrer Altersgenossen jeder Mode: mal Hippie, mal Yuppie, mal Hasch, mal Koks. Und wie das im wirklichen Leben so ist, trägt sie dabei auch Wunden und Narben davon. Und sie zahlt dafür ihren Preis. Als sie und Gump endlich zusammenfinden, ist es bereits zu spät – sie stirbt an einem Virus, den der Film nicht einmal beim Namen nennt.

Wendet man all die wohlfeilen Sprüche von Mama Gump auf Jennys Schicksal an, dann klingen sie geradezu obszön: Das Leben ist eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man kriegt. Und dumm ist, wer Dummes tut. So ist das. Hätte sie nur auf Muttern gehört. Auf diese Weise bekommt der Film plötzlich einen bitteren Nachgeschmack. Aber natürlich ist Regisseur Robert Zemeckis klug genug, sich solchen Einwänden zu entwinden.

„Forrest Gump“, sagt er, sei sein Versuch, die Generation der Baby-Boomer zu porträtieren im Stil des Malers Norman Rockwell, der den Alltag zum Idyll umgestaltete. Das ist ihm rundum gelungen. Der Weg, den FORREST GUMP aufzeichnet, ist der des Baby-Boomers Bill Clinton, der auch seiner Vergangenheit abschwören mußte: Drogen und Kriegsdienstverweigerung seien Irrwege gewesen. Zemeckis treibt die Geschichtsklitterung noch weiter: Es gab in diesen stürmischen Nachkriegsjahren Amerikas, sagt dieser Film, nichts, was sich nicht mit einem reinen Herzen, einem IQ von 75 und einer Handvoll Sprichwörtern vergessen machen ließe. Watergate, Vietnam und andere Verbrechen eingeschlossen.

Mit kindlichen Spektakeln wie ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT hat Robert Zemeckis wie Steven Spielberg Erfolge gefeiert, ehe er jetzt mit einem sehr erwachsenen Thema für Aufsehen sorgte. Aber im Grunde haben beide ihre Kinderperspektive beibehalten – auch die Historie gerät ihnen zum Märchen.

Nachdem Hollywood in den letzten Jahren immer häufiger vorgeworfen wurde, es habe den Kontakt zur amerikanischen Wirklichkeit verloren, hat es sich diesen Sommer – bei allen möglichen Einwänden – plötzlich wieder auf die wahren Werte besonnen. Nicht nur in FORREST GUMP, auch in Oliver Stones NATURAL BORN KILLERS und Robert Redfords QUIZ SHOW wird das Kino zur moralischen Anstalt.

„Ich wollte“, meint Zemeckis, „diese Generation zeigen, ohne sie zu kommentieren. Forrest ist eine Art weiße Leinwand, auf die jeder seine Meinung projizieren kann.“ So geschieht es: Konservative wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat Pat Buchanan freuen sich über die Rückkehr amerikanischer Werte wie Ehre, Anstand und Treue. Und die Liberalen bemerken voller Genugtuung die politische Korrektheit des Films, weil darin etwa gezeigt wird, daß nur ein Idiot im Militär so gut funktionieren kann wie Gump. Es sieht so aus, als gleiche der Film seinem Helden: Er ist der Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber vielleicht ist es einfach nur so, daß „Forrest Gump“ eine goldene Regel des Kinos befolgt, die besagt: Filme geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

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