21. August 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Clubbed to Death

Tod durch Techno

Yolande Zauberman taucht durch die Nacht: CLUBBED TO DEATH

Filme, die damit beginnen, daß zwei Mädchen nachts eine Straße entlanggehen, können nicht ganz schlecht sein. Sie zählen immer abwechselnd die Namen von Jungs auf, und man kann sich vorstellen, daß es sich dabei um die Liste ihrer Eroberungen handelt. Wobei ihr schüchternes, ganz und gar mädchenhaftes Lachen einen aparten Kontrast zur Länge der Aufzählung bildet. Warum nur, fragt man sich unwillkürlich, wäre so ein Anfang bei einem deutschen Film nie und nimmer denkbar?

Wer gerade Yolande Zaubermans verspätet in unsere Kinos gekommenen Erstling Ivan und Abraham gesehen hat, wird sich wundern, wie weit sie sich aus der Welt der shtetls entfernt hat. Andererseits ist das vielleicht eine ganz natürliche Reaktion, sein Talent an neuen Stoffen zu beweisen. Und im Grunde spielt auch Clubbed to Death an einem Ort jenseits von Zeit und Raum, in einem Techno-Tempel in den banlieues einer Stadt, die Paris sein könnte. Wobei die Tatsache, daß der Film in Portugal gedreht worden ist, ganz erheblich zur Fremdheit und Anonymität des Schauplatzes beiträgt.

Wenn am Anfang ein Bus nächtens seine Endstation im Niemandsland erreicht, liegt ein so harter Beat über diesem Bild, daß es keinen Zweifel mehr gibt, daß in diesem Film die Musik den Ton angibt. Ein Mädchen (Elodie Bouchez aus Wilde Herzen) erwacht dort aus dem Schlaf, wird vom Busfahrer unsanft vor die Türe gesetzt und findet sich in einem düsteren Traum wieder, den grelle Blitze durchzucken. Ein Junge liest sie auf der Straße auf und nimmt sie mit in eine boîte de nuit, einen Technoclub, wo sie ihn bald aus den Augen verliert und sich vom Rausch der Ecstasy-Tablette, die ihr in die Hand gedrückt wird, treiben läßt. Dabei gerät sie an einen älteren Marokkaner, der von ihr eigentlich gar nichts wissen will, den sie aber auch am nächsten Tag nicht mehr aus dem Kopf kriegt. So kehrt sie zurück, und plötzlich nehmen ein, zwei, drei Geschichten Form an.

Die des Marokkaners, der für den Geschmack des Mädchens ein bißchen zu viel Drogen nimmt. Die seines Bruders, der ihn wegen Schulden zu einem Boxkampf überreden will, in dem es um Leben und Tod geht. Die seiner Freundin (Béatrice Dalle), die als Königin der Nacht in dem Techno-Schuppen regiert. Einmal sieht man den Marokkaner mit dem Mädchen, deren Beharrlichkeit ihm imponiert, tanzen, und die Kamera fährt auf Béatrice Dalle zu, die in einer Ecke steht und angesichts des fernen Glücks stumm vor sich hin heult. Solcherart sind die Geheimnisse dieses Films, der über die Beweg- und Hintergründe seiner Figuren fast nichts verrät. So wird man selbst hineingezogen in diese dunkel lockende Welt am Ende der Buslinien.

CLUBBED TO DEATH, F 1997 – Regie: Yolande Zauberman. Buch: Zauberman und Noëmie Lvovsky. Kamera: Denis Lenoir. Musik: Philippe Cohen Solal. Darsteller: Elodie Bouchez, Béatrice Dalle, Roschdy Zem, Richard Courcet, Gérard Thomassin. Pandora. 90 Minuten.

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