12. November 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Ein Z und zwei Nullen

Ein Zoo und tausend Gedanken

Peter Greenaways tierisches Delirium: EIN Z UND ZWEI NULLEN

Ist das Zebra ein weißes Pferd mit schwarzen Streifen, oder ein schwarzes Pferd mit weißen Streifen? Zoologen werden über die Frage den Kopf schütteln, doch auch ihre noch so gescheiten Antworten werden am Kern der Sache vorbeigehen. Die Kinologen haben zwar nur eine vage Ahnung von solchen Dingen, aber ihre Antwort trifft den Punkt schon eher. Das Zebra, so vermuten sie, ist im Grunde nichts als eine weiße Leinwand, und seine Streifen werden dann wohl Projektionen sein. Weil für die Kinologen das Kino die Welt ist, wissen sie, daß auch die Welt nichts als Kino sein kann. Doch der Film gibt sich nicht zufrieden und fragt weiter: Wo steht der Projektor? Und wer bedient ihn? Man merkt es schon: EIN Z UND ZWEI NULLEN will den Dingen auf den Grund kommen.

Peter Greenaway hat seine Kamera genommen und sich umgesehen. Er hat Gott gerufen, aber der hat nicht geantwortet. Er hat sich von Darwin Geschichten erzählen lassen, aber kein Wort geglaubt. Denn der englische Regisseur von DER KONTRAKT DES ZEICHNERS und DER BAUCH DES ARCHITEKTEN glaubt nur, was er sieht. Und das ist unglaublich genug.

Ein Auto stößt mit einem tieffliegenden Schwan zusammen. Zwei Frauen sterben, eine überlebt. Ihr muß ein Bein abgenommen werden. Die erschütterten Witwer, das Zwillingspaar Oswald und Oliver, sehen sich im Kino den Dokumentarfilm THE BEGINNING OF LIFE an und untersuchen mit ihren eigenen Kameras Verwesungsprozesse von Tierkadavern. Später verlieben sie sich in die Beinaputierte und schwängern sie. Das Ergebnis sind Zwillinge. In die Geschichte verwickelt sich außerdem noch ein Symmetriebesessener Chirurg, ein beinloser Liebhaber, eine Kurtisane namens Venus de Milo und ein düsterer Zoo-Direktor, der partout kein schwarzweißes Tier in seinen Gehegen sehen möchte. Die Galerie der absonderlichen Figuren ist endlos, ihre merkwürdigen Geschichten zahllos. Durch seinenpräzisen Blick behält Greenaway sie alle im Auge, löst sie ineinander auf und führt sie akribisch zu Ende. Restsummen gibt es bei ihm nicht.

Der Mann ist ein Mathematiker des Kinos. Alles wird berechnet, nichts dem Zufall überlassen. Gesetze legen die Filme fest, Funktionen treiben sie voran und die Wahrscheinlichkeitsrechnung bestimmt ihren Ausgang. Man muß nur an irgendeinem Punkt anfangen, den roten Faden in die Hand nehmen und ihn in mühevoller Kleinarbeit entwirren. Das Unfallauto hat etwa das Kennzeichen NID 26 B/W. Alles klar. B/W ist black and white, schwarz und weiß wie die Zebras. Z ist der letzte von 26 Buchstaben des Alphabets und kann auch für Zero stehen. Null zu null. Einstand, auf englisch Deuce, ist der Nachname der beiden Zwillinge. Ihre Frauen starben in einem Ford Mercury. Dort beginnt eine Abzweigung in die römische Mythologie und von dort weiter und fort, wohin man will. Man könnte Bücher über diesen Film füllen, man sollte das aber vielleicht den Philologen überlassen. Das Beispiel zeigt nur, daß der Film so komplett von einem Netz von Bedeutungen überzogen ist, daß man sie genausogut auch ignorieren kann. Das wäre innerhalb der verschiedenen Betrachtungsweisen sozusagen die Kreuzworträtselseite für die Intellektuellen. Man kann sich aber auch an den Bildern berauschen, an den Witzen delektieren oder von den Geschichten fesseln lassen. Ein Film wie eine große bunte Illustrierte.

Zurück zum Ford Mercury und seinem Kennzeichen. Steht NID etwa für No IDentiiy? ist ZOO von so lückenloser Genauigkeit, daß er darüber seine Identität verloren hat? Tatsächlich stolpert die Kritik immer wieder über die unbarmherzige Konsequenz von Greenaways Filmen. Blutarmut und mangelnde Sinnenfreude wird dem Engländer vorgeworfen. Dabei investiert er seine Leidenschaft nur an anderer Stelle: „Das Kino ist ein viel zu reiches und fähiges Medium, um es allein den Geschichtenerzählern zu überlassen.“ Bei ihm geht es mehr um das Gerüst der Geschichten, um ihren Rahmen. Greenaway steckt seine Liebe in die Konstruktion, seine Sinnlichkeit liegt im Aufbau, die Struktur ist seine Lust. Die Geschichten sind ohnehin schon alle erzählt, sind verfügbar. Jetzt geht es nur noch um die Organisation des Materials. Seine Personen mögen manchmal wie Schachfiguren wirken, ihre Biographien wie Spielmaterial, im Grunde ist Greenaway nur konsequent. Wo die Kraft für Visionen fehlt, so hieß es in dieser Zeitung zu DER BAUCH DES ARCHITEKTEN, müßten eben die toten Bilder neu gesichtet, die verwesten Gedanken neu geordnet werden.

So wie Greenaway dort seine Bilder wie die architektonischen Visionen Boulees einrichtete, taucht er sie hier in das Licht des holländischen Malers Vermeer, von dem übrigens nur 26(!) authentisch nachgewiesene Gemälde existieren: „Es kann nicht bewiesen werden, daß Vermeers „Milchmädchen“ ein Bild ist, das eine Vierundzwanzigstelsekunde des 17. Jahrhunderts darstellt, die mit Blende 8 belichtet wurde. Aber das Licht kommt mit Sicherheit immer aus einer Quelle von links außerhalb des Rahmens, einen Meter vierzig über dem Erdboden.“ Das ist Greenaways Mathematik. Man muß nur einmal ihre Grundlagen akzeptiert haben, dann läßt sich damit jede Aufgabe lösen.

Mit den beiden Zwillingen ist das Dementi der Methode auch schon mitinszeniert. Sie schauen dem Tod bei der Arbeit zu, lassen ein Tier nach dem anderen vor der Kamera verwesen: Fische, Krokodil, Dalmatiner, Schwan, Zebra. Am Schluß legen sie sich selber vors Objektiv. Doch im Tod wird ihr Unternehmen von einer wahren Flut von Schnecken sabotiert. Eine reine Frage der Wahrscheinlichkeit. So werden ihnen ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens zum Verhängnis. Nur Strukturen und Methoden der Natur haben sie gefunden, Antworten haben sie keine bekommen. Aber wer sagt denn, daß man sie im Kino kriegen kann? Das ist eh nur eine weiße Wand mit schwarzen Streifen. Oder?

(In München im Theatiner.)

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