07. November 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Auf Wiedersehen Kinder

Im Gespinst der Augenblicke

Louis Malles Neubeginn in Frankreich: AUF WIEDERSEHEN KINDER

Alles fügt sich, alles sammelt sich. Am Ende. Die Geschichten enden nicht sie kommen zu sich. Schweigen, Ruhe, Innehalten. Der Blick verrät nichts mehr, er ist verstummt, wehrlos geworden. Die von Blitzlicht geblendete Brigitte Bardot stürzt in VIE PRIVÉE vom Hausdach. Der im Irrlicht zum Selbstmord entschlossene Maurice Ronet hält sich den Revolver an die Wange. Susan Sarandon und Pretty Baby Brooke Shields werden auf dem Bahnsteig noch einmal photographiert. Und Lucien Lacombes Gesicht schaut uns entgegen. Letzte Bilder, Abschiede von einem Leben. Louis Malles Geschichten treiben auf ihr Ende zu. Sie erfüllen sich. Man hat es geahnt. Eine Ahnung bestätigt sich, eine Vermutung wird wahr. Wenn AUF WIEDERSEHEN KINDER sich entspannt – weil eingetreten ist was zu befürchten war -, kehrt Ruhe ein. Der Film sammelt sich in Juliens Blick. Der jüdische Freund ist von der Gestapo abgeführt worden, das Kloster wird geschlossen. Schubert spielt dazu, die Augen füllen sich mit Tränen, der Blick verschleiert sich. Die Neugier ist aus den Augen gewichen, Julien hat etwas begriffen: Es gibt kein Wiedersehen mehr. Die Augen spiegeln unsere sprachlosen Emotionen, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ein Sprecher klärt uns auf: Der Pater undn die drei abgeführten jüdischen Kinder kommen im Konzentrationslager um. Es ist immer noch Winter. In ein paar Monaten ist der Krieg vorbei. Der kleine Julien, das ist natürlich das Spiegelbild Louis Malles. Er hat seine Vergangenheit wiedererfunden. Sein Blick zurück ist nicht gebrochen, aber er ist neugierig auf den Bruch in seiner frühen Biographie, und wie er zustande kam.

Der Abschied ist ein Neuanfang, ein zweiter erster Film. Zehn Jahre war Malle in Amerika gewesen, hatte nach anfänglicher Euphorie einsehen müssen, daß dort letzten Endes doch die Industrie die Kontrolle behält Er ist ein Außenseiter geblieben, so wie er es in Frankreich zu Beginn seiner Karriere auch war. Malle kam aus reichem Hause und beschritt andere Wege als die Nouvelle Vague. Vielleicht war er immer hinter seiner Zeit zurück und hat erst in Amerika die Gegenwart entdeckt als Stoff. Jetzt ist er zurückgekehrt, um sich von seiner Vergangenheit zu verabschieden Die Distanz hat er gebraucht um sich die Kindheit neu erfinden zu können. AUF WIEDERSEHEN KINDER ist die Dokumentation eines Wandels, der sich in Malles Werk vollzogen hat Juliens Blick am Ende fragt in die Gegenwart: Was ist gewesen? Louis Malle kennt nun die Antwort.

Es beginnt mit einem Abschied. Die Weihnachtsferien sind vorbei, die Mutter bringt Julien zum Bahnsteig. Dem Weinenden drückt sie einen Kuß auf die Stirn. Wie ein Muttermal trägt Julien den Abdruck des Lippenstiftes mit sich. Er ist ein Gezeichneter. Wie Jean, der Neuankömmling und spätere Freund, wie Jean, der Jude. Woran man sieht daß es in diesem Film darum geht wie sich zwei erkennen, als Außenseiter in der kleinen Welt des Karmeliterklosters. In der rauhen Internatsgesellschaft in den Wäldern vor Paris, im eisigen letzten Kriejrswinter. können sich die beiden nur langsam füreinander erwärmen. Ihre Annäherung, ihr scheues Interesse vollziehen sie als zärtliches Ritual inmitten der rüden Kämpfe um die Hackordnung unter den Eleven des Internats. Ihre Blicke kreuzen den Raum und verbinden nicht nur die beiden, sondern auch die Episoden aus dem harten Alltag des Klosters. Ihre Blicke sind die Fäden, an denen die Kamera von Renato Berta durch die Geschichte gleitet. Man merkt schon: AUF WIEDERSEHEN KINDER ist ein ungeheuer zartes Gespinst aus kindlicher Neugier und Freundschaft.

Dass die Patres im Kloster jüdische Kinder verstecken, dass die kleinen Anekdoten die großen Schrecken spiegeln, das sind nicht die eigentlichen Themen des Films. Sie sind nur das bei Malle immer so robuste Grundgerüst in das er seinen Stil einbaut. Das Grundsolide seiner Filme hat die Kritik immer schon sprachlos gemacht. Im Grunde herrscht bei ihm selbst ein ständiges Mißtrauen gegen die Funktionstüchtigkeit seiner eigenen Geschichten. Alles, auch die Abweichung, fügt sich scheinbar allzu leicht in den Erzählfluß. Eine Sehnsucht nach dem Verharren ist seinen Figuren eingeschrieben, eine leicht traurige Müdigkeit beherrscht sie alle. Und wenn sie sich dann ins ohnehin Vorgezeichnete fügen, tun sie das mit einer Geste der Erschöpfung.

Als sich der Gestapo-Mann Dr. Müller auf der Suche nach Judenkindern vor dem Schreibpult von Jean aufstellt packt Jean wortlos seine Sachen, um sich zum Abtransport zu begeben. Malles Filme sind aufs Schauen ausgerichtet und doch verweilt keiner so lange, wie er möchte. Die Geschichte treibt sie voran, und jeder Augenblick lebt von seiner Vergänglichkeit. Vielleicht hat der Regisseur auch deswegen oft schon als Dokumentarfilmer gearbeitet. Weil er sich in diesem Genre den langen Blick gönnen kann. Aber selbst GOD’S COUNTRY, seine Dokumentation über amerikanische Träume, hat er auf diese Weise gebrochen. Jahre später hat er die gleichen Leute noch einmal besucht ihre Träume überprüft und die Zeit wieder ins Spiel gebracht. Immer auf der Suche nach dem Bild, nach der Erfindung, die die Zeiten überdauern. Das ist seine stüle Sehnsucht, die sich im Tonfall seiner Filme niederschlägt.

Man sieht Jean und Julien im Kino, wie sich ihre Blicke im Lachen über Chaplin finden. Man sieht wie sich Jean ans Klavier setzt und die hübsche Klavierlehrerin vor Staunen über das Talent endlich aufhört, sich die Nägel zu feüen. Jean spielt Schubert Die in Juliens Spiel unzusammenhängenden Töne fügen sich zusammen. Neidisch und erstaunt starrt er durchs Fenster auf den noch fremden Freund. Die Zeit steht still. Für einen Augenblick. Bei Dr. Müllers beklemmender Judenschau im Klassenzimmer dreht sich dann Julien unvorsichtigerweise zu Jean um – der Blick wird von dem Nazi aufgefangen. Der Blick wird zum Verrat Die atemlose Stille löst sich auf. Ein Augenblick – und die Geschichte setzt wieder ein.

(In München im City, Isabella, Rex und – im Original im Theatiner.)

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