14. Dezember 1987 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Die Reise ins Ich

Der Mann im Ohr

Joe Dantes Inferno: DIE REISE INS ICH

Das Kino ist der Wissenschaft immer ein paar Schritte voraus. Russische und amerikanische Raumfahrer kämpften noch um den Mond, da hatte Hollywood das Weltall längst erobert. In den Studios und Labors dort gab es längst ein Instrument, das die immer leistungsstärkeren Tele- und Mikroskope ersetzte: die Kamera. Und sie zeigte, was Biologen und Mediziner nur vermuten, wovon Astronomen und Weltraumtechniker nur träumen konnten: gigantische Galaxien und molekulare Strukturen, entfernte Sonnensysteme und nahe Organismen. Ob Umlauf- oder Blutbahn, das Kino war eher da. Die Räume unserer Phantasie waren erobert, und auf sämtlichen Kontinenten und jedem Gipfel unserer Einbildungskraft steckte bereits ein Fähnchen, das Hollywoods Besitzansprüche dokumentierte. Das Unsichtbare hatten wir längst geschaut als wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigten, daß hinter unserer Welt noch andere Welten existieren.

Im Jahre 1968 startete ein Team von Spezialisten und Sicherheitsbeamten auf eine Reise in den menschlichen Körper. Miniaturisiert wurden sie einem berühmten Wissenschaftler in die Vene gespritzt, um in seinem Hirn einen Tumor zu entfernen. Und während sie an Nervensträngen vorbei durchs Gehirn fuhren, stand Arthur Kennedy am Fenster des U-Boots und geriet über das Wunder der Schöpfung ins Schwärmen. Sehr poetisch, spottete daraufhin Donald Pleasance: „Lassen Sie es mich wissen, wenn wir an der Seele vorbeikommen.“ Ganz klar, der Mann war ein kommunistischer Spion. Im kühlen Körper tobte der Kalte Krieg. Der Film war von Richard Fleischer und hieß FANTASTIC VOYAGE.

Offenbar machte das seelische Problem den Drehbuchschreibern zu schaffen, denn es dauerte über zwanzig Jahre, bis sich wieder jemand zu so einer Reise entschließen konnte. Joe Dante löste das Problem auf seine Weise. DIE REISE INS ICH hat nicht nur Seele, sondern auch Herz und Verstand. Der Film zeigt, worüber Philosophen seit Jahrtausenden spekulieren, wovon die Psychoanalyse nur träumen konnte, und was Wissenschaftler nicht zu ahnen wagten. Das wahre Ich des Menschen sitzt in einem winzigen Unterseeboot, trinkt Southern Comfort, hört Musik von Sam Cooke und hat eine Menge guter Ratschläge parat Woran man schon sieht daß Joe Dantes phantastische Reise des öfteren am Zwerchfell vorbeiführt.

Im Silicon Valley wurde ein Chip erfunden, der die Miniaturisierung sämtlicher Gegenstände ermöglichtn Lieutenant Tuck Pendelton (Dennis Quaid), ein abgetakelter Fliegerheld, soll das Verfahren als erster testen. Er soll sich auf Mikrobengröße geschrumpft in ein Kaninchen spritzen lassen, sich in den Sehnerv einklinken und die Welt aus der tierischen Perspektive betrachten. Doch der Versuch wird sabotiert, als Gangster das Labor stürmen, um an die Chips zu gelangen. Der Projektleiter flieht und sticht die Spritze in letzter Not einem wildfremden Passanten in den Hintern. Damit fangen die Probleme erst an. Denn Jack Putter (Martin Short) ist ein kompletter Versager.

Dem Hypochonder Jack bestätigt der Mann im Ohr die schlimmsten Befürchtungen: sein Innenleben führt ein Eigenleben. Der Mann ist zwei mit sich, und nun müssen die beiden versuchen, den Gangstern den Vergrößerungschip wieder abzujagen, in weniger als 24 Stunden. Zeit genug für Dante, Jacks persönliches Inferno in allen Farben der Hölle auszumalen: Science-fiction, Krimi und Komödie. Alles ist drin. Der Film zeigt, was Hollywood kann und die Europäer nie schaffenwerden. Der spielerische Umgang mit komplexen Fragen hat einen Namen: Industrial Light & Magic, die Spezialeffektfirma von George Lucas. Das über-Ich als Special effect Freud wird sich im Grabe umdrehen und Psychiater ihren Job an den Nagel hängen. Innerspace – so der Originaltitel – ist eine zweistündige Therapiesitzung für nur zehn Mark.

Jack und Tuck sind zwei Seelen in einer Brust zwei Brüder im Geiste, und doch nur ein Mann. Ihre Blicke auf die Welt überlagern sich in einer einzigen doppelten Perspektive. Das ist die reine Dialektik, denn jedes Bild trägt so seine Synthese bereits in sich. Dante braucht weder Symbole noch große Worte, um die Gedanken der Zuschauer in Bewegung zu bringen. So viel zu Hollywoods Welt der synthetischen Bilder.

Über Tucks Freundin Lydia (Meg Ryan), die ihnen bei der Jagd nach dem rettenden Chip behilflich ist, geraten die beiden in Konflikt. Jedem begehrlichen Blick von Jack überlagert sich der von Tuck. Die Realität trägt ihr Gegenteil bereits in sich. Aber ist die Eifersucht der beiden aufeinander nicht ein Abbild der wahren Liebe? Und ist nicht der Anblick einer schönen Frau immer auch die Hölle? DIE REISE INS ICH zumindest ist ein infernalisches Vergnügen.

(Im Mathäser, Royal und Europa.)

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