13. Mai 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Country

Das Glück verteidigen

Noch ein Heimatfilm aus Hollywood: COUNTRY von Richard Pearce

Ich bin auch einmal beinahe gestorben“, erzählt Gilbert Iyy nach einem Unwetter seinem Sohn, „und zwar, als ich das erste Mal deine Mutter gesehen habe.“ Gilbert wird gespielt von dem Dramatiker, Drehbuchautor und Schauspieler Sam Shepard und seine Frau Jewell von Jessica Lange, die diesen Film mitproduziert hat. Wenn man den Zeitschriften glauben darf, sind die beiden das neue amerikanische Traumpaar. Man kann dem Film ansehen, welchen Einfluß das private Glück auf ihr gemeinsames Spiel hat.

Der Vorspann schlägt bereits das Thema an; es beginnt mit einem Blick nach unten, auf den Boden. Diese Perspektive ist es, die die drei Heimatfilme, die dieses Jahr in die deutschen Kinos kamen, verbindet. Und auch das Vokabular ist das gleiche: Es geht um das eigene Stück Land, um die intakte Familie und um das Erbe der Väter, das verteidigt werden muß. Manche Sequenzen werden in den drei Filmen beinahe identisch erzählt, der Gang zu den Landwirtschaftsbanken, das Unwetter oder die Zwangsversteigerungen. COUNTRY unterscheidet sich von EIN PLATZ IM HERZEN oder MENSCHEN AM FLUSS durch die nüchternere Art der Darstellung und durch eine Inszenierung, die sich weniger an Effekten orientiert. Regisseur Richard Pearce, der 1979 mit HEARTLAND einen Goldenen Bären gewann, läßt die Kamera den Lebensraum der Ivys erkunden. Lange Fahrten zeigen die Familie bei ihren alltäglichen Verrichtungen. In dem Maße, wie die Schwierigkeiten zunehmen, hören auch die Eigenbewegungen der Kamera auf, und sie beschränkt sich darauf, den Personen in ihren Bewegungen mit Schwenks zu folgen.

Die Familie, die zusammen mit Jewells Vater auf ihrer Farm in Iowa lebt, hatte solange ihr Auskommen, wie die Farmers Home Administration (FHA) ihr mit Darlehen unter die Arme griff. Als die FHA weitere Kredite ablehnt und auf der Rückzahlung der bereits geleisteten besteht, wird den Ivys eine weitere Bewirtschaftung ihres Farmlandes unmöglich. Über die Schuldigen, die die kleinen und mittleren Farmer des amerikanischen Midwest in die tiefste Krise seit den Depressionsjahren gestürzt haben, läßt der Film keine Zweifel. Wie die anderen beiden „Heimatfilme“ – und darum ist dieser Begriff mißverständlich – äußert COUNTRY ausdrückliche Kritik an der gegenwärtigen Politik der Regierung, die durch Embargos und falsche Preispolitik selbst Kleinfarmern mit gutem, fruchtbarem Land keine Chancen läßt, sich mit ihrer Arbeit den Unterhalt zu verdienen. Den Verantwortlichen zeigt COUNTRY im Bild: Über einem Schreibtisch in den Büros der FHA hängt ein Bild des Präsidenten. Was jedoch auch hier verschwiegen wird, sind die Verbindungen der Großfarmer der FHA zum Establishment in Washington. Zu entschiedenes politisches Engagement ist halt in Hollywood nicht unbedingt gut fürs Geschäft.

Richard Pearces Interesse gilt dem Innenleben der Familie und wie die große Politik ins Private hineinwirkt. Die Montage folgt dieser Entwicklung, indem sie das Ehepaar mehr und mehr durch den Schnitt in getrennten Bildern isoliert. Gilbert beginnt zu trinken und wird von seiner Frau des Hofes verwiesen: Hier draußen ist der Wert eines Mannes noch allemal durch seine handwerklichen Fähigkeiten und den Erfolg seiner Arbeit bestimmt. Wenn die Politik diesen Erfolg unmöglich macht, dann muß der Farmer Zweifel an seinem Wert bekommen. Ein Nachbar der Ivys begeht sogar Selbstmord, weil ihm sein Stolz verbietet, sein Geld auf andere Weise zu verdienen. Auch hier, wie in den beiden anderen Filmen sind die Frauen die stärkeren Figuren, sie sind realistischer, flexibler und vernünftiger. Jewell sieht ein, daß es in ihrer Lage nicht mehr um Stolz geht, sondern darum, der Familie Essen auf den Tisch zu bringen.

Gezeigt wird auch, wie Patriotismus und Individualismus eine Lösung der Probleme erschweren. Jewells Vater lebt in dem naiven Vertrauen aller älteren Farmer, eine Regierung würde ihre Bauern nie im Stich lassen. Bei dieser Einstellung ist die Notwendigkeit von Solidarität nur schwer vermittelbar. Aber auch der gemeinsame Boykott der Zwangsversteigerung – daran läßt der Film keinen Zweifel – kann die Probleme nur aufschieben, nicht aber aufheben. Der Auktionator meint lapidar, man würde die Maschinen einfach in einen anderen Staat transportieren und dort versteigern lassen.

Am Ende siegt noch einmal das private Glück über die finanziellen Schwierigkeiten. Die Schlußeinstellung vereint Gilbert und Jewell, während sich die Kamera, indem sie die Bewegung vom Anfang wieder aufnimmt, in einer langen, langsamen Fahrt der Silhouette der beiden nähert.

(In München im ABC, im Original.)

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