28. Mai 1985 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Kopfüber in die Nacht

Der Traum vom erzählbaren Leben

John Landis' Verfolgungskomödie KOPFÜBER IN DIE NACHT

Bilder vom Anflug auf das Lichtermeer des nächtlichen Los Angeles: Die Kamera taucht ein in diese Nacht, zeigt Neonreklamen und kaum befahrene Straßen, Hamburger-Buden und Drive-Ins. Mit jeder Überblendung geraten wir ein Stück tiefer in diese Welt und die Bilder wollen uns suggerieren, daß es sich dabei um eine Nacht wie jede andere handelt. Also ist es auch für Ed Okin (Jeff Goldblum) nicht das erstemal, daß er schlaflos im Bett neben seiner Frau sitzt und auf den nächsten Morgen wartet. Irgend etwas stimmt in seinem Leben nicht, aber er weiß nicht, was es ist. Er hat eine Frau, ein Haus, ein Auto, einen Job und ist dennoch todunglücklich. Doch sehr schnell wird klar, daß der Stillstand und die Gewißheit, wie der nächste Tag aussehen wird, ihm den Schlaf rauben.

Der Filmschnitt unterstreicht Eds Misere; zeigt, daß hier etwas aus den Fugen geraten ist. Die Bilder widersetzen sich jedem Rhythmus, wollen sich nicht zur Handlung fügen. Jede neue Einstellung erkundet einen neuen Blickwinkel, doch zu sehen ist immer nur das gleiche: Stillstand, der sich auch durch Montage nicht zur Bewegung auflösen will.

Jemandem wie Ed Okin wird – darauf kann man sich bei einem Regisseur wie John Landis, der sich in den Genres auskennt, verlassen – im weiteren Verlauf des Films noch übel mitgespielt werden; man wird ihn erst geheilt wieder aus der Geschichte entlassen. Dazu wirft Landis Ed in eine Welt, die dieser bisher allenfalls aus Fernsehserien kannte: eine Welt, wo man mit 20-Dollar-Scheinen zahlt, ohne aufs Wechselgeld zu warten, wo alte Herren so viel Geld haben, daß junge, hübsche Mädchen mit ihnen auf die Toilette verschwinden und wo einem fremde Leute unvermittelt eine Pistole an den Kopf halten. Ed kommt zwar wieder nicht zum Schlafen, aber immerhin kommt Bewegung in sein Leben.

Dabei war er nur zum Flughafen gefahren, um in Las Vegas die Zeit totzuschlagen. Doch noch bevor er dort aussteigen kann, springt ihm die hübsche blonde Diana (Michelle Pfeiffer) auf die Kühlerhaube und fleht ihn in panischer Angst um Hilfe an. Es stellt sich heraus, daß sie im Besitz von sechs Smaragden ist, hinter denen eine Menge Leute her sind. Und noch ehe Ed richtig überlegen kann, steckt er so tief in der Sache, daß er nicht mehr aussteigen kann.

Die Geschichte von der Frau in Schwierigkeiten und dem Beschützer wider Willen ist nicht neu und sie nimmt in KOPFÜBER IN DIE NACHT auch keine überraschende Wendung. John Landis weiß das und präsentiert sie uns deshalb immer bewußt als Inszenierung, als Zitat. Weshalb er dann auch eine ganze Dialogpassage aus dem alten Film ABBOTT UND COSTELLO TREFFEN FRANKENSTEIN übernimmt: Während Ed auf der Suche nach der entführten Diana durch eine riesige Wohnung schleicht, zeigen die Fernseher diesen Film, und wir erfahren kurz darauf, daß sich der Dialog genausogut tatsächlich im Nebenzimmer abgespielt haben könnte. Durch diese Inszenierung, indem er die Ebenen verstrickt und das vermeintlich Bekannte miteinbezieht, führt Landis den Zuschauer, der zu wissen glaubt, was als nächstes kommen muß, fortwährend auf falsche Fährten und verunsichert ihn um so nachhaltiger. Landis zeigt, daß wir der vordergründigen Durchschaubarkeit des Plots nicht trauen dürfen.

Landis führt unzählige Nebenfiguren ein, von denen er immer wieder parallel zur Handlung erzählt: ein smarter Killer (David Bowie), ein französischer Gangsterboß (Roger Vadim), ein TV-Produzent (Paul Mazursky), ein Starlet (Kathryn Harrold) und eine schießwütige, ewig zerstrittene Truppe persischer Geheimdiensttrottel (mit John Landis selbst). Was oft nach humoristischem Selbstzweck aussieht, dient in Wirklichkeit der weiteren Verwirrung, dem Rhythmuswechsel, der immer dann einsetzt, wenn der Zuschauer gerade glaubt, sich in dem Film zurechtzufinden.

Landis zwingt Ed damit zum Begreifen, zum Erkennen und zum Reden. Ed, der als Ingenieur für Satellitenkommunikation arbeitet, hat von der wirklichen Kommunikation keine Ahnung. Er glaubt, weil sich in seinem Leben nichts tut, gäbe es da auch nichts zu erzählen. Als er nachts mit Diana beim Kaffee sitzt, weiß er nichts über sich zu sagen, weil er glaubt, wirkliches, erzählbares Leben sei nur bewegtes Leben.

Nach und nach erkennt Ed die Zusammenhänge der Geschichte – plötzlich ergänzen sich auch die Bilder zur Bewegung – und beginnt darüber zu reden. Am Ende sitzt er dann der Chefin der Perser (Irene Papas) gegenüber und tischt ihr mehrere mögliche Versionen auf, wie er in die Geschichte geraten ist. Ed hat begriffen: Leben ist, was man daraus macht.

(In München im Eldorado und im Leopold 1)

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