01. Oktober 1987 | Tempo | Filmkritiken, Rezension | Der Bauch des Architekten

Todschwanger

Die Frau haut ab, der Job geht flöten, der Selbstmord ist nur noch eine Frage der Zeit – Peter Greenaway steuert mit mathematischer Exaktheit auf den Abgrund zu: DER BAUCH DES ARCHITEKTEN, ab 1. Oktober im Kino.

Alles ist berechnet in diesem Film, sogar der Zufall. Was sich hier zwischen Leben und Tod abspielt, gleicht einer mathematischen Funktion. Der Plot schlängelt sich wie ein Graph durchs Koordinatensystem der Welt. Peter Greenaways Kino ist eine gigantische Formel, in die auf der einen Seite Werte eingefüttert und auf der anderen Bilder ausgespuckt werden. Und diese Bilder sind klar und kühl, von eisigem Licht durchflutet, in Schönheit erstarrt. Mit Werbeästhetik hat das allerdings nichts zu tun. Denn bei Greenaway hat alles System und jedes System einen Fehler.

Der Film beginnt auf Schienen, auf zwei parallelen Geraden rollt die Handlung in den Anfang. Draußen, vor dem Zugfenster zieht die Landschaft der Riviera vorbei: Pinien und Olivenhaine, Zypressen und die Zollstation von Ventimiglia. Drinnen, im Schlafwagenabteil, treiben es der amerikanische Architekt Stourley Kracklite (Brian Dennehy), ein stattlicher Mittfünfziger, und seine halb so alte Frau Louisa (Chloe Webb). Als sie fertig sind und der Zug die Grenze nach Italien passiert hat, meint Louisa amüsiert: „Was Für eine Art, Italien zu betreten.“

Was für eine Art, einen Film zu beginnen!

Der Anfang ist in den Computer eingegeben, das Ergebnis wird bald ausgespuckt: Die Frau ist schwanger. Und beim Weiterrechnen stellt sich heraus: Der Mann hat Krebs. Sie trägt das Leben, er den Tod im Bauch. So legt sich die Handlungsdauer des Films ganz von alleine fest – genau neun Monate wird es dauern, dann hört man das gerade geborene Kind schreien und sieht Kracklite sich zu Tode stürzen. Und womit geht der Regisseur schwanger? Was brütet sein Film aus, was tragen die Bilder in sich?

Wer die beiden vorhergehenden Filme Greenaways gesehen hat, ahnt die Antwort. Im KONTRAKT DES ZEICHNERS konnte man sehen, wie sich in die steril arrangierten Bilder des Landschaftsmalers Neville die Unordnung einschlich. In den grünen Gärten und gepflegten Bauten tauchten plötzlich unvorhergesehene Gegenstände auf, Schuhe und Laken, Leiter und Mantel. Weil er die auf einen Mord hindeutenden Indizien einfach ignorierte, mußte der hochmütige Mr. Neville am Ende sterben. Und die Zwillinge in EIN ZOO UND ZWEI NULLEN glaubten, hinter das Geheimnis von Leben und Tod zu kommen. Vor ihrer Kamera ließen sie im Zeitraffer alles mögliche verfaulen, Apfel und Schwan, Zebra und Krokodil. Ihr hochfliegender Plan, den eigenen Zerfall zu dokumentieren, wird schließlich nach ihrem Selbstmord von einer gigantischen Anzahl Schnecken zunichte gemacht.

Neville und die Zwillinge setzen die Welt hinter Glas, fassen ihre Geheimnisse in einen Rahmen und glauben, man könnte dadurch besser mit ihr fertig werden. Weil sie sich weigern, die Veränderungen in ihren erstarrten Weltbildern überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, sterben sie geradezu lächerlich unordentliche Tode. Das Chaos, der Verfall ist dem Leben eingepflanzt, und Greenaways Bilder tragen diesen Keim aus. Sie gebären den Tod.
In der Stadt, wo sich Totes und Lebendiges wie nirgends sonst verbinden, in Rom, diesem gigantischen Mausoleum, soll Stourley Kracklite eine Ausstellung über sein großes Vorbild Etienne-Louis Boulleé einrichten – die Erfüllung seines Lebenstraums. Boulleé, der französische Architekt des 18. Jahrhunderts, glänzte mehr durch seine fantastischen Zeichnungen als durch tatsächliche Bauten: Er zeichnete gigantische Visionen von Grab- und Denkmälern, nicht realisierbare Kolosse von unmenschlichen Dimensionen, jedoch im klassischen Stil. Am berühmtesten wurde sein Entwurf zu einer Gedenkstätte für Sir Isaac Newton, den Entdecker der Schwerkraft. Dessen Bildnis ziert auch die englische Ein-Pfund-Note, die Kracklite bei einem festlichen Diner zu seinen Ehren aus der Tasche zieht. Die Schwerkraft, soviel ist klar, zieht alles hinab – sogar Luftschlösser.

Bei der Gala vor dem Pantheon, inmitten der Gast- und Geldgeber, fährt Kracklite der Schmerz zum ersten Mal in den Leib. Beim zweiten Mal liegt er auf seiner Frau, die daraufhin nur spöttisch bemerkt: „Fang nicht an, was du nicht beenden kannst!“ Doch je intensiver sich Kracklite mit sich selbst zu beschäftigen beginnt, desto weiter entfernt er sich von Louisa und dem Ausstellungsprojekt. Während sich Louisa einem eleganten Schnösel, dem jungen Architekten Caspasian Speckler (Lambert Wilson), in die Arme wirft, sucht Kracklite Trost bei seinen Brüdern im Geiste. Die Kopie einer Plastik des römischen Kaisers Augustus überzeichnet er mit dem Lageplan seiner Schmerzen, und er beginnt, Postkarten zu schreiben: „Lieber Etienne-Louis …“ Er taucht ab in die Welt seiner Gedanken, wo er die Toten belebt, während er lebendig auf den Tod zusteuert. Auf einmal scheint ihm jedes Standbild in den Straßen Roms wie ein Bote zuzuwinken. Aber es geht nicht hinauf ins Pantheon der Götter, sondern stetig bergab: Louisa will nichts mehr von ihm wissen, und die Leitung der Boullée-Ausstellung wird an Caspasian übergeben. Ein Strick nach dem anderen reißt, bis Stourley Kracklite im freien Fall vom Palazzo Vittorio Emmanuele stürzt.

Greenaway selbst kennt die Fallen, in die er seine Figuren stolpern läßt. Die reinen Formen der Entwürfe Boullees, die kühle Arroganz von Mr. Nevilles Blick sind ihm nicht fremd. So, wie er in ZOO alles ins frostige Licht eines Vermeer tauchte, rückt er in DER BAUCH DES ARCHITEKTEN unbarmherzig alles ins Lot, legt jedes Bild streng symmetrisch an. Konsequent macht er dasselbe, was seine Helden zur Strekke bringt – Erstarren. Es ist, als wolle er sich diese Manie mit Gewalt, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Das ist Greenaways Exorzismus. Seine Filme sind nicht nur Geburten, sondern auch Abtreibungen. Vor allem aber beides. Für seine Filme gilt, was schon die Frage in ZOO andeutet: „Ist das Zebra ein weißes Pferd mit schwarzen Streifen oder ein schwarzes Pferd mit weißen Streifen?“

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