01. Januar 1988 | Tempo | Filmkritiken, Rezension | Barfly

Ich trinke, also bin ich

Mickey Rourke läßt wieder die Sau raus: als Kult-Säufer Charles Bukowski in Barbet Schroeders Film BARFLY

Bukowski schreibt Bücher wie Bourbon. Sie lassen sich leicht schlucken, rinnen scharf die Kehle hinab und steigeb dann zu Kopf. Im Rausch spiegeln sie einewn klaren Blick aufs Leben vor. Aber so einfach ist das nicht. Wer zuviel erwischt, wacht mit einem höllischen Kater auf, und wer Pech hat, bleibt daran hängen.

Seien wir ehrlich: Wer tagsüber Bier trinkt, abends am Martini nippt und nachts Gimlet hinterher kippt, wer in der Bar das harte Trinken predigt, wer sich zu Hemingways Erben zählt und in jedem Schluck Whisky einen Wermutstropfen Chandler auflöst, der ist nur ein blutiger Anfänger. In den Bars, wo die gefallenen Engel von gefallsüchtigen Damen gespielt werden und die kaum erträglichen Schreiberlinge aller Art sich gleich für schwere Trinker halten, hat man vergessen, daß alle Profis in diesem Gewerbe einen Preis gezahlt haben, einen verdammt hohen dazu.

Sie sind spektakulär vors Auto gelaufen oder kümmerlich im eigenen Dreck verreckt, sie haben ihre Betten vollgekotzt und ohne ihre tägliche Ration das Zittern gekriegt. Alle haben sie ihre paar lichten Momente der Hellsichtigkeit mit Wochen und Monaten der Ohnmacht gebüßt. Im Alkohol schwimmt man wie in einer Badewanne, in der sich das eigene Leben verflüssigt hat. Ist der Stöpsel erst mal rausgezogen, sollte man am besten schleunigst aussteigen, sonst fließt einem das Leben unterm Arsch davon, und man sitzt schnell auf dem Trockenen. Charles Bukowski ist davongekommen, und er kann davon Geschichten erzählen. Vom Trinken als stationärer Behandlung einer Krankheit namens Leben, vom Trinken als Existenzkampf, Daseinsberechtigung und Sinn des Lebens: Ich trinke, also bin ich.

Barflies nennt man die Bewohner der Bars. Die Typen, die die Bar zu ihrer zweiten Heimat gemacht haben, weil sie keine erste besitzen. Der amerikanische Ausdruck macht klar, daß das Leben aus einer tierischen Perspektive gezeigt wird, aus dem Blickwinkel der Eintagsfliege: Heute ist heute, und morgen gibt es nicht mehr. So ist auch der Film gedreht. Jetzt ist jetzt, und die übliche Frage, was wohl als nächstes passiert, stellt sich hier gar nicht. Es würde einen nicht wundern, wenn die Kamera auf einmal aufhörte, neugierig zu sein, und auch im „Golden Horn“ versackt, während Henry Chinaski (Mickey Rourke) sich mühevoll von Halbsatz zu Halbsatz hangelt und jedes Wort zum riskanten Hochseilakt macht.

Aber dann kommt Wanda (Faye Dunaway), die einen ohne Schminke und Glamour glatt vom Hocker haut. Sie läßt sich einen spendieren und dann noch einen, bis sie Rourke kurzerhand auf einen Drink nach Hause einlädt. So einfach ist das: Man trinkt, man redet, man fickt, und dann kommt ein neuer Tag, und, wenn man Glück hat, macht man noch einmal dasselbe.

Die Entstehungsgeschichte von BARFLY begann, als Bukowski Ende der 70er Jahre zu einer französischen Fernseh-Talkshow eingeladen wurde. Der Talkmaster Pivot war ungefähr so eine große Nummer wie Johnny Carson, und die einheimischen Schriftsteller trainierten für ihren Auftritt wie Rennpferde. Anders Bukowski: Der kam hereinspaziert, begann zu trinken und schaffte es als erster, Monsieur Pivot gänzlich aus der Fassung zu bringen, bis der nur noch brüllte: „Schafft ihn raus!“

Für den Regisseur und Produzenten Barbet Schroeder, in Teheran geboren als Kind deutscher Eltern und von jeher begeisterter Bukowski-Leser, war klar: Den Mann muß ich haben. Er flog nach Los Angeles, besuchte Bukowski und sagte, er wolle einen Film über sein Leben drehen. Bukowski antwortete: „Ich mag keine Filme. Ich mag keine Schauspieler. Ich mag keine Regisseure. Und Hollywood mag ich auch nicht.“ Schroeder legte etwas Cash auf den Tisch, nicht viel, aber genug, um keine Absage zu erhalten. Und Bukowski ging an die Arbeit.

Das war vor sieben Jahren. Erst fand sich kein Produzent, weil das Thema zu deprimierend sei, dann platzte ein Kontrakt zwei Wochen vor Drehbeginn. Schließlich nahmen die beiden verrückten Israelis Golan und Globus die Sache in die Hand, und der Film wurde mit zwei Stars und fünf Millionen Dollar Budget gedreht. Und Bukowski konnte sich nicht beklagen: Mit Schroeder verstand er sich bestens, die Kohle stimmte, und Mickey Rourke hält er für eine gute Besetzung: „Erst dachte ich, ich halte mich mit dem Trinken besser zurück. Sonst ruiniere ich noch den Film und sage besoffen dem Kerl meine Meinung. Aber er war großartig. Wenn der Film rauskommt, sehe ich schon, wie ihn die ganzen Kids nachahmen werden. Alle werden anfangen zu saufen!“
Der Film beginnt im „Golden Horn“ mit einer Schlägerei, dann wird gesoffen, dann wieder geprügelt, und Chinaski schaut wirklich übel aus. Dann kommt Wanda, und er fragt sie, was sie tut. Sie antwortet: „Ich trinke.“ Also trinken sie gemeinsam. Sie warnt ihn: „Manchmal gehe ich mit dem nächsten Besten mit, wenn er mir ein Glas ausgibt.“ Chinaski antwortet: „Okay.“ Als Wanda tatsächlich mal nicht nach Hause kommt, steht er alleine da und trinkt und trinkt.

BARFLY ist simpel und anrührend und steckt voller Wahrheit. Weil Schroeder offenbar eine Menge begriffen hat, begreift auch der Zuschauer. Plötzlich kommt die Verlagsagentin Tully (Alice Krige), die sich für Chinaskis Schriftstellerei interessiert, mit einem 500-DoIlar-Scheck und einem Mercedes-Coupe: ein weißer Engel aus einer anderen Welt, sauber, gepflegt und bildhübsch. Sie nimmt Chinaski mit in ihre Villa, streicht sich dauernd durchs Haar, trinkt etwas zuviel und steigt mit ihm ins Bett. Am anderen Tag fühlt sie sich verpflichtet, die Sache weiterzuverfolgen. Nichts hat sie begriffen von seinen Büchern, die sie so gierig verschlingt.

Aber der Zuschauer versteht um so mehr, warum Chinaski trotz Tullys Schönheit lieber in seiner Welt und bei Wanda bleibt. In seiner Höhle am Goldenen Horn, in der die Barfliegen die Augen zukneifen, wenn die Tür aufgeht. In einer Welt, die Lichtjahre von der kalifornischen Sonne entfernt liegt und wo der Tresen der Horizont aller Träume ist. Wo es keine 500-Dollar-Schecks, keine Sportwagen und keine falschen Versprechungen gibt. Wo eine Schlägerei kein Drama ist und ein Fick keine Affäre. Wo man einfach trinkt, weil man vielleicht nur so das Leben spürt. Oder wie Chinaski sagt: „Nicht-Säufer kann jeder sein, aber um ein Säufer zu sein, braucht man eine Menge Stehvermögen.“

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


4 − zwei =