27. November 1997 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Am Ende der Gewalt

Boden unter den Füßen

Wim Wenders versucht einen Neuanfang: AM ENDE DER GEWALT

Ihr gefielen die Bilder, hat die kleine Alice in den Städten gesagt: Sie seien so schön leer. Das ist nun über zwanzig Jahre her und vorbei. Fortan ist die Leere in den Bildern von Wim Wenders kein Thema mehr. Aber von Fülle kann auch keine Rede sein. Es ist etwas dazwischen. Aber was das sein könnte, darauf kann Am Ende der Gewalt noch keine endgültige Antwort geben.

Etwas hat sich in der Tat verändert: Wo Paris, Texas noch um ein Stückchen Land im Nirgendwo kreiste, um eine Leerstelle; wo Wenders überhaupt früher der Raum zwischen den Leuten mehr als die Leute selbst interessiert hat, da läßt seine Kamera nun von der Leere ab und wendet sich den Leuten zu. Nicht daß sie gesprächiger oder ihre Probleme wesentlich andere geworden wären, aber der Blick auf sie ist doch ein anderer.

Trio banal

Ein Produzent (Bill Pullman), der mit billigen Actionfilmen sein Geld verdient, wird überfallen. Als er entkommt, hat er keine Lust mehr, in sein früheres Leben zurückzukehren, und stellt sich tot.

Seine Frau (Andie MacDowell), die das lieblose Leben an seiner Seite eigentlich satt hatte, findet nach seinem Verschwinden Geschmack am Business und nimmt die Geschäfte – und ihr Leben – selbst in die Hand.

Ein anderer Mann (Gabriel Byrne) sitzt im Observatorium über der Stadt, die mit einem Netz von Überwachungskameras überzogen ist, deren Bilder dieser Mabuse auf seinen Monitoren auswertet. Mit seinen tausend Augen wirkt er erst wie ein Herr über die Stadt, dabei ist er nur eine Marionette.
Um diese drei kreist der Film, von ihrer Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben erzählt er allerdings beinahe nebenher. Das wahre Leben spielt sich an der Peripherie ab. Und die Liebesgeschichte, die in dem Film auch vorkommt, ergibt sich eher am Rande. Als würde Wenders ihr nicht so recht trauen.
Als „zweiten ersten Film” hat Wenders diese Arbeit bezeichnet. Das sagt man, wenn man begriffen hat, daß man in einer Sackgasse gelandet ist. Der Verdacht, daß Wenders seinen Talenten nicht mehr traut, drängt sich schon länger auf. Bis ans Ende der Welt war der Schatten jenes Films, der er hätte sein können. In weiter Ferne so nah war eine verzweifelte Bestandsaufnahme, wie sich das bisherige Schaffen zu etwas Neuem formen ließe. Lisbon Story war der Versuch, jene Leichtigkeit wiederzufinden, die ihn einst über alle Klippen getragen hat. Etwas war zu Ende, etwas Neues hatte noch nicht begonnen. Vielleicht hatte er sich auch deshalb in das Projekt mit Antonioni gestürzt, um zu sehen, wie ein anderer Meister mit diesen Problemen lebt.

Wenders schien keinen rechten Weg zu finden, seine Energien zu bündeln. Seine Filme strebten in alle Richtungen, ohne zu wissen, wohin. Am Aufregendsten waren im Grunde die Aufzeichnungen von Kleidern und Städten über den Modemacher Yamamoto, weil die freie Form des elektronischen Tagebuchs viel von dem einfing, was sich anderswo nicht recht zu einer Form fügen wollte. Und man konnte spüren, wie hier ein Künstler den anderen um sein Handwerk beneidet, um den ganz unvermittelten Umgang mit dem Material. Wenders‘ Stoffe ließen sich nicht so einfach in ein Schnittmuster pressen.

Wenders machte also tabula rasa, fing nochmal neu an: In Cannes lief THE END OF VIOLENCE zur Gala des 50jährigen Jubiläums, aber das entsprechende Echo blieb eigentlich aus. Vielleicht liegt darin ja auch ein Glück: Am Ende der Gewalt ist zwar kein Film wie jeder andere, aber dennoch ein Film, der sich von anderen nicht allzu sehr unterscheidet. Nach den letzten Arbeiten wirkt er geradezu entspannt, findet einen Rhythmus, dem man sich anvertrauen kann, ohne stets befürchten zu müssen, daß es gleich wieder ums Ganze geht. Die Bilder sind erlesen, aber nicht erzwungen; die Geschichte ist bemüht, aber nicht beschwerlich.

Davon träumt Wenders nun schon seit Jahren: Einfach eine Geschichte erzählen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Dabei war das noch nie sein Talent. Sein Größe bestand schon immer darin, Bilder zu finden, in denen Geschichten eben nicht zustande kommen. Im Stand der Dinge hieß es, das Leben habe keine Geschichten nötig, denn die seien immer Selbstzweck: „Stories only exist in stories. ” Das wahre Leben ist immer anderswo.

Im Grunde ist es wie bei den Bildern von Edward Hopper. Was sie so anziehend macht, sind nicht die Geschichten, die darin erzählt werden, sondern die bloße Möglichkeit, Geschichten dazu zu erfinden. Und bei Wenders war es genauso: Die Leere, von der Alice spricht, war deswegen so schön, weil sie eine Projektionsfläche für tausend Geschichten war, die alle nicht stattfinden mußten. Was nun die Überwachungskameras zeigen, ist Hoppers Bildern nachempfunden. Und der Voyeur in seinem Observatorium holt sie immer näher heran, als könnte er auf diese Weise hinter ihr Geheimnis kommen. Aber sie verweigern sich jeder Geschichte.

Genau das war auch das Geheimnis von Wenders‘ Filmen, deswegen gingen sie so zu Herzen: Weil Wenders es wie kein anderer verstanden hat, vom Leben im Konjunktiv zu erzählen. Nichts passiert, aber alles ist möglich. Und wenn dann doch etwas passierte, war das umso packender. Weil Hammett nicht zustande kam, machte er den viel besseren Film über das Nichtzustandekommen eines Films: Der Stand der Dinge. Das war sein Terrain: die Schwebe. Und genau deshalb konnte er auch so gut von Engeln erzählen, die durchs Leben schweben und alles sehen, aber nichts fassen können. Wenn sie dann mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit stehen, war es nicht mehr halb so spannend wie all das Sehnen, Hoffen, Träumen zuvor.

Theorie der Therapie

Wenders ist in die Stadt der Engel gegangen, um selbst wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Er hat vielleicht nicht gefunden, wonach er sucht. Aber sein Film ist dennoch ein neuer Anfang, weil er sich nicht auf alte Lösungen verläßt. Wo er vorher die Gewalt unter Garantie zum Thema gemacht hätte, ist sie hier allenfalls ein Motiv, das die Episoden eher lose verindet. Der Film ist in jedem Fall eine Art von Therapie. Nicht umsonst wird die Erzählung von Therapiesitzungen unterbrochen, bei der die Protagonisten in einer Art poetry slam von einschneidenden Erlebnissen berichten. Das bringt den Film nicht wirklich voran, aber man kann gut verstehen, warum Wenders daran festgehalten hat. Weil diese Menschen erzählen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

THE END OF VIOLENCE, USA 1997 – Regie: Wim Wenders. Buch: Nicholas Klein. Kamera: Pascal Rabaud. Schnitt: Peter Przygodda. Musik: Ry Cooder. Darsteller: Bill Pullman, Gabriel Byrne, Andie MacDowell, Traci Lind, Loren Dean, Daniel Benzali, K. Todd Freeman, Udo Kier, Henry Silva, Peter Horton, Frederic Forrest, Pruitt Taylor Vince, Sam Fuller. Verleih: BuenaVista. 121 Minuten.

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