21. Januar 1999 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Alice & Martin

Mit Mut zum Glück

Verrückt vor Liebe: André Téchinés Film ALICE UND MARTIN

In André Téchinés Filmen kriegt man nichts geschenkt. Zu roh und unbehauen wirken sie manchmal, zu kalt und unversöhnlich, zu felsig und unwegsam. Dem gängigen Charme des französischen Kinos widersetzen sie sich, aber erlauben eben auch den Blick auf Landschaften, wie man sie sonst selten sieht – die Landschaften der Seele bekommen bei Téchiné eine Form und die Gefühle ein Gesicht, so daß man glauben könnte, die Emotionen seien irgendwie mineralischer Natur. Sie wirken faßbarer, anschaulicher, genauer als anderswo.

ALICE UND MARTIN ist sein 14. Film seit 1969, und man kann getrost sagen, daß Téchiné immer besser wird. Zuletzt ICH KÜSSE NICHT, MEINE LIEBSTE JAHRESZEIT, WILDE HERZEN und DIEBE DER NACHT, abwechselnd um junge, unverbrauchte Gesichter und um bekannte, reifere wie die von Catherine Deneuve und Daniel Auteuil gestrickt, jetzt ALICE UND MARTIN mit der oscar-gekrönten Juliette Binoche und dem Neuling Alexis Loret in den Titelrollen. Durch dieses Bekanntheitsgefälle zwischen den beiden Hauptrollen entsteht eine Reibung, die der Geschichte eine zusätzliche Dynamik verleiht.

Reise in den Wahnsinn

Téchinés Filme drehen sich immer um Gegensatzpaare wie Liebe und Familie, Zweckgemeinschaften und Blutsbande, Sex und Gewalt, Paris und Provinz, wobei das Interesse des Regisseurs stets den Überschneidungen und Übergängen galt. Hier sind diese Positionen mehr denn je gegeneinander verschoben und fügen sich zu einer Reise, die von der Kindheit in die Vaterschaft und zurück, vom Land über die Berge in die Stadt ans Meer und zurück, und vom Mord über die Liebe in den Wahnsinn führt.

Eine wahre Geschichte hat Téchiné inspiriert – ein Vatermord, an dem der Täter halb verrückt wurde –, aber dem Film sieht man das nicht an. Zu weit entfernt sich die Geschichte von dem fait divers, zu wenig ist der Erzähler an der Chronologie der Ereignisse interessiert. Wie Téchiné im Interview sagt, war die Rückblendenstruktur im Drehbuch auch gar nicht angelegt. Jetzt sieht man einen jungen Mann aus dem Elternhaus erst in die Berge, dann zum schwulen Bruder nach Paris und schließlich in die Liebe zu dessen Mitbewohnerin fliehen, ehe man schließlich über das Motiv seiner Flucht aufgeklärt wird, über den mehr oder minder unabsichtlichen Mord am Vater.

ALICE UND MARTIN, das ist ein amour fou im wahrsten Wortsinn. Aber nicht an der Liebe wird Martin verrückt, sondern an seiner Schuld, die ihm keiner abnehmen kann. Alice, die als Geigerin in einem kleinen Orchester mühsam ihr Geld verdient und auch sonst dazu neigt, die Dinge zu instrumentalisieren, ist anfangs keineswegs davon überzeugt, daß der Bruder ihres Wohnungsgenossen der Richtige ist. Es ist die Heftigkeit seiner Begierde, die sie letztlich überzeugt. Sein Ungestüm hat in der Tat einigen Charme, und zu den Schönheiten des Films zählt die Bedingungslosigkeit, mit der sie nach anfänglichen Zögern ihrem Herzen folgt.

Martin kommt als Model groß raus, während sein Bruder als Schauspieler darbt, und schon die brüderliche Eifersucht, die ganz verschiedenen Interessen folgt, verleiht der Geschichte eine kuriose Spannung. Mit Martins Geld fahren sie nach Grenada, wo Alice gesteht, daß sie schwanger ist, worauf Martin postwendend in ein Koma fällt – so bricht die Wunde des Vatermordes wieder auf. Ein schöner Satz der Violinistin dazu lautet: „Manche Musik existiert, um Wunden zu heilen. Der Tango existiert, um sie offen zu halten, damit wir nicht vergessen. ” Demnach wäre diese Liebe ein Tango, wenn auch in einem anderen Rhythmus.

Nachdem Martin aus dem Koma erwacht, verbringen die beiden Zeit am Mittelmeer, in einer völlig abgeschiedenen Hütte, die weniger Paradies als Hölle ist – eine echte Borderline-Situation. Martin schwimmt den ganzen Tag, und Alice wartet. Aber je mehr Zeit er im Wasser verbringt, desto weniger ist Martin in der Lage, mit der Situation fertig zu werden. Liebe, Sex, Vaterschaft, alles zuviel. Es kommt zum Eklat. Wie das symbolisch zu deuten ist, mag jeder für sich selbst entscheiden – bei Téchiné liegen die Dinge stets auf der Hand.

Alice nimmt es auf sich, für den in der Psychiatrie gelandeten Martin die Aussöhnung mit Familie und Vergangenheit zu bewerkstelligen. Es ist ein weiter Weg. Aber wie sagt sie so schön? „Es erfordert Mut, glücklich zu sein. ” Gut gesagt.

ALICE ET MARTIN, F/E 1998 – Regie: André Téchiné. Buch: Téchiné und Gilles Taurand. Kamera: Caroline Champetier. Produktionsdesign: Zé Branco. Darsteller: Juliette Binoche, Alexis Loret, Mathieu Almaric, Marthe Villalonga, Carmen Maura. Concorde, 126 Minuten.

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