20. Oktober 1994 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Festivals | Viennale 1994

Was ist cool?

Amerikanische Filme der Sechziger Jahre auf der Viennale

Cool ist die dünne Eisschicht, mit der sich die Welt überzieht, wenn sie auszubrennen droht. Cool ist der Moment, in dem noch alles zusammenhält, ehe es auseinanderfällt. Cool ist ein Stück Klarheit in undurchsichtigen Zeiten. Ein unsichtbares Grinsen auf dem Gesicht der Welt, wenn überall nur noch Verzweiflung herrscht. Ein Blick. Eine Melodie. Ein Nichts.
Jeder weiß, was cool ist. Cool ist keine Temperatur und auch kein Gefühl. Wenn es überhaupt etwas ist, dann ist es eine Haltung. Es geht dabei nicht darum, daß man weiß, was man tut. Sondern nur darum, daß man weiß, wie man es anstellt, daß es so aussieht, als wisse man es. Und nach Lage der Dinge ist das gar nicht so verkehrt. Denn Leuten, die immer und überall wissen, was sie tun, ist unbedingt zu mißtrauen. Cool ist oft die einzige Anwort auf die Fragen, die das Leben stellt. Cool setzt den Einzelnen gegen die Vielen und die Form gegen den Inhalt. Die Welt fragt ‚Was?‘, Cool antwortet ‚Wie!‘.

Rund sechzig Filme aus dem Amerika der Sechziger Jahre hat die Viennale für ihre diesjährige Retrospektive versammelt und dabei den schönen Titel gefunden: Cool – Pop. Politik. Hollywood 1960 – 1968. Die Auswahl verzichtet auf alles, was ein verzweifeltes Echo Hollywoods besseren Zeiten hinterherhallte: Musicals, Melos, Komödien, Kriegsfilme und Historienschinken. Stattdessen werden die scharfen Kanten herausgearbeitet, die finsteren Visionen und die grellbunten Phantasien. Man habe sich, heißt es, konzentriert auf die schneidende Eleganz, die erstaunlichen Innovationen und den ironischen und irrwitzigen Taumel zwischen Popkultur und politischem Aufbruch. Wege zur Schlankheit nennt der Programmgestalter Alexander Horvath das ganz treffend.

Das Programm behandelt ein Kapitel der Filmgeschichte, das zwar nicht direkt vergessen ist, aber doch irgendwie immer im Schatten stand. Eingezwängt zwischen das letzte schillernde Erblühen der Studios und den Aufbruch des New Hollywood; überragt von dem, was zur gleichen Zeit in Europa passierte, dem Autorenkino der Franzosen, Italiener und Deutschen.
Vielleicht liegt die Qualität dieser Reihe gerade in der Entscheidung, all das auszulassen, was bisher den Blick verstellte. Erfolgsfilme von der West Side Story bis zur Die Reifeprüfung; Filme, die mit dem, was sich damals tat, ihr romantisches Spiel treiben. Das bedeutet nicht, daß nur Abgelegenes zu sehen wäre, im Gegenteil, aber die Mischung stimmt. John Frankenheimer und Monte Hellman, Samuel Fuller und Roger Corman. Warren Beatty und Lee Marvin, Faye Dunaway und Tuesday Weld. Breakfast at Tiffany’s und Mickey One, Fantastic Voyage und Bonnie and Clyde.

Zwischen Aufbruch und Scheitern bewegte sich diese Ära, zwischen den Hoffnungen, die sich mit John F. Kennedy verbanden, und den Abgründen, die sich in Vietnam auftaten. In Pop und Politik schien gleichermaßen die Hysterie zu regieren. Es war eine hitzige Zeit, in der die Welt nicht wußte, was sie will, und dabei gewaltige Energien freisetzte, die sich im gleichen Maße auf Bewahrung wie Zerstörung richteten. Diese Zerrissenheit spiegelt sich in den Filmen und ihren Helden wieder, die von Versuchung und Korruption erzählten, von Wahnsinn und Übermut. In allem, was sie tun, wirken sie sonderbar starrsinning, mal todessüchtig, mal liebestoll. Dabei immer auf Posen bedacht, nicht entspannt, aber cool. Die Seele windet sich, aber die Miene bleibt unbewegt.
(Die Reihe läuft bis Ende des Monats im Österreichischen Filmmuseum in Wien, Augustinerstraße 1.)

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