02. Juli 1996 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Festivals | Filmfest München 1996

Sehen, was man kaum fassen kann

Wie das Leben so spielt: Französische Filme auf dem Filmfest

Wenn man überlegen müßte, was das französische Kino vor allem auszeichnet, dann wäre es vielleicht dies: Selbstvertrauen. In Hollywood würde das heißen: Was wir erzählen, interessiert die ganze Welt. In Frankreich bedeutet das hingegen: Was wir erzählen, ist uns Welt genug. Dahinter steht ein unbändiges Vertrauen in das wirkliche Leben und die Überzeugung, daß das, was sich in einem Gesicht oder zwischen zwei Leuten abspielt, eine Welt für sich ist. Diesen Planeten mißt das französische Kino immer wieder neu aus; der Rest ist ohnehin von den Amerikanern kolonialisiert.
Und wenn es noch etwas gibt, was die Franzosen auszeichnet, dann wäre es – Jugend. Schon bei den großen Regisseuren Rivette, Rohmer, Doillon oder Téchiné gilt: Je älter sie werden, desto jünger sind ihre Helden. Aber auch beim Nachwuchs versucht man nicht, sich älter zu geben, als man ist – auch wenn das, was diese Jungen dann reden, häufig reichlich frühreif klingt. Jugendlich wirkt auch weniger die Art des Erzählens, als das scheinbar unendliche Vertrauen in die Rede der Jugend. Immer wieder gibt es diese Neugier auf das Abenteuer junger Gesichter, in denen sich das Erwachsenwerden abzeichnet. Die allmähliche Verfertigung der Züge beim Leben wird da dokumentiert. Fast scheint es, als würde dauernd der Ernstfall geprobt.

Man muß nur mal sehen, wie der Studentin in Encore die Röte in die Wangen steigt, wenn der von ihr verehrte Professor bei ihr zu Besuch kommt. All die Gesten von Befangenheit und schüchterner Liebe füllen den Raum. Und das charmanteste ist, daß sie behauptet, ihr Name sei Aurore. Wie die Morgenröte. Das es später die richtige Aurore ist, die das Gespinst zarter Illusionen zerreißt, ist nur ein weiterer Beleg dafür, daß in diesem Film die Gefühle nie das sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Die Liebe kleidet sich in Eifersucht, der Lebenshunger in Schwärmerei, die Unsicherheit in Hochmut. Wie im wirklichen Leben.

Der Regisseur Pascal Bonitzer, ehemaliger Redakteur der Cahiers du Cinéma und Drehbuchautor für Rivette und Téchiné, beschreibt in Encore eigentlich erst einmal die Midlife Crisis des Professors, aber davon läßt er sich mitnichten die Laune verderben. Das Augenmerk liegt vor allem auf den jungen Leuten, mit denen er sich umgibt, und während der Mann noch glaubt, er habe die Fäden in der Hand, treiben die Jüngeren ihr unschuldiges und umso durchtriebeneres Spiel mit ihm. Was ihnen einfach zufällt, das hat bei ihm seinen Preis. Am Ende brennen ihm die Sicherungen durch, als könnte sein Herz mit solchen Wechselbädern der Gefühle nicht mehr Schritt halten. Die Geschichte könnte fast von Woody Allen sein, aber Bonitzers Blick ist weniger egozentrisch.

Was in Encore eine Begleiterscheinung darstellt, ist in Maurice Pialats Le garçu (Der kleine Schlingel) das Herz der Erzählung: Die Tragödie eines lächerlichen Mannes. Gérard Depardieu spielt in dieser autobiographisch getönten Geschichte einen Mann, der zwar vorgibt, die Frauen zu lieben, vor allem aber sich selbst liebt. Selbstgefällig und übellaunig bewegt er sich durch ein Leben zwischen Ex-Frauen, Geliebten und Gespielinnen und merkt dabei nicht, daß er in einem selbst gesponnenen Netz zappelt. Pialat verweigert sich trotzig den Konventionen des Erzählens und springt in diesem Leben nach Belieben hin und her. Die Geschichte eskaliert seltsamerweise, indem er sie aller Dramatik entleert. Was Höhepunkte sein könnten, sind meist Leerstellen.

Le garçu ist mindestens so quälend wie faszinierend. Die banalsten Emotionen bekommen durch die Art, wie sie hier vorgetragen werden, etwas monströses. Am Ende sitzen Depardieu und die junge Mutter seines Sohnes (Geraldine Peilhas) im Bistro, sprachlos wie immer, und plötzlich schießen der Frau Tränen in die Augen, ob aus Freude oder Trauer oder beidem erfährt man nicht mehr. Immer wieder wird man von solchen Emotionen bei Pialat sozusagen hinterrücks überfallen. Das macht seine Filme – im Ende auch diesen – so aufregend.

Auch in Frankreich wird natürlich nicht immer das Abenteuer des eigenen Blicks gesucht. Die Komödien Les apprentis (Die Anfänger) von Pierre Salvadori oder Les trois frères von dem populären Komiker-Trio Les inconnus scheuen keine Konventionen, besitzen aber immerhin einen scharfen Sinn für soziale Hintergründe. Auch die Kostümfilme Beaumarchais, l’insolent von Edouard Molinaro und Ridicule von Patrice Leconte zählen bei allem Esprit zu jenen Filmen, die man von den Franzosen schon immer erwarten durfte. Was aber wieder mal begeistert, das sind die jungen Filmer mit ganz eigenem Tonfall, die in Frankreich mit nie nachlassender Regelmäßigkeit nachzuwachsen scheinen.

Chacun cherche son chat von Cedric Klapisch war schon auf der Berlinale zu sehen und ist sicher der charmanteste dieser Filme. Die Geschichte vom Mädchen, das seine Katze sucht und die Liebe findet, macht aus dem Viertel um die Place de la République ein Dorf und aus dem Alltag ein Abenteuer. Auch bei den Jungen muß die Liebe nicht immer eine amour fou und nicht jede Laune ein plot point sein.

Gaël Morel hat in Téchinés Les roseaux sauvages mitgespielt und nun einen eigenen Film ganz im Geiste seines Vorbilds inszeniert. A toute vitesse erzählt von ein paar jungen Leuten aus den Rhone-Alpen, die alle auf ihre Weise zwischen den Stühlen sitzen. Sie pendeln zwischen Gefühlen, die sie stets für absolut halten, auf die sie sich aber im entscheidenden Moment nicht verlassen können. Eine Mutwilligkeit im Fühlen ist hier am Werk, die in der Tat an Téchiné erinnert, und jener Stilwille, der dazu führt, daß es zu schneien beginnt, wenn am Ende jemand stirbt.

Bei Jean-Pierre Ameris fängt es in Les aveux de l’innocent (Geständnis eines Unschuldigen) am Ende zu regnen an, aber es stirbt niemand dabei; es fängt nur ein neues Kapitel an im Leben des Jungen, der einen Mord gesteht, den er nicht begangen hat. Es geht ihm dabei weniger um die Aufmerksamkeit in einer Welt, in der er sich an den Rand gedrängt fühlt, sondern auf verquere Weise darum, sich selbst zu erfinden, indem er eine mörderische Rolle spielt. Und im Gesicht des jungen Schauspielers Bruno Putzulu kann man tatsächlich zusehen, wie sein Held dabei zu sich selbst findet.

Man kann es Selbstvertrauen oder Jugend nennen, was das französische Kino auszeichnet. Doch am Ende ist es zum Glück immer wieder dies: das Abenteuer, im Kino zu sehen, was man im Leben kaum fassen kann.
MICHAEL ALTHEN

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