29. Oktober 1996 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Festivals, Weitere Filmpreise | Hof 1996

Halbstarke Helden und Hoffnungen

Auf den 30. Hofer Filmtagen gibt sich das deutsche Kino lebensnah

30 Jahre sind vielleicht anderswo ein Grund zu Pomp und anderem Tamtam, bei den Hofer Filmtagen wird davon jedoch kaum Aufhebens gemacht. Mit gewohnter fränkischer Unbeirrtheit zieht Heinz Badewitz sein Programm durch, in dem er wieder mal deutsches Kino inmitten einer bunten Auswahl aus dem Rest der Welt zeigt. Den Filmpreis der Stadt Hof bekommt wie meistens ein verdienter Weggefährter früherer Tage, diesmal Werner Schroeter. Daß in Hof keine rechte Jubiläumsstimmung aufkommen mag, liegt wohl auch an der Menge aufgeregter Filmemacher und der Nähe zum Publikum, was alle Anflüge von Nostalgie mit einer gewissen Nervosität überlagert. Bei so viel Lampenfieber ist an besinnliche Rückschau nicht zu denken.

Der Lober

Claus Boje und Detlef Buck präsentierten einen Kurzfilm von Ernst Kahl, in dem ein armseliges Männlein (Kahl), das in einer Kneipe nicht einmal schafft, die Kellnerin auf sich aufmerksam zu machen, von einem eher windigen Typen (Buck) seelisch aufgerichtet wird. Dann kassiert der Typ sein Geld und geht. Einen Moment lang strahlt der Problemhansel im neu gewonnenen Selbstvertrauen, doch schon beim nächsten Ruf nach der Kellnerin fällt er wieder in sich zusammen. Der Film heißt Der Lober, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die kleine Geschichte eine Menge mit dem deutschen Film zu tun hat.

Es gab Zeiten, da hätte das deutsche Kino einen Lober dringend nötig gehabt. Es gab Zeiten, da hatte es vielleicht auch mehr Lober als nötig. Und es könnte sein, daß es auch mal auf Lober verzichten kann. Womöglich befindet sich das deutsche Kino gerade in so einer Phase.

Man will nicht Kunst, sondern Kasse machen. Nicht unbedingt mit starrem Blick aufs Geld, aber wenigstens mit einem unzweideutigen Schielen auf den Zuschauer. Das Kino leidet nicht unbedingt unter Gefallsucht, aber eine gewisse Gefälligkeit ist schon am Werk. Die Filme fordern ihr Publikum nicht übermäßig – und überfordern wollen sie schon gar niemanden -, aber sie sind amüsant und flott gemacht und damit in gewisser Weise auf der Höhe ihrer Zeit.
Es ließe sich einwenden, daß vom Kino vielleicht ein bißchen mehr zu erwarten wäre als nur gefällige Geschichten im gemäßigten Stil. Man könnte aber auch sagen, daß das deutsche Kino viel zu lange von Ausnahmen gelebt hat und nun einen gewissen Nachholbedarf an Alltäglichem besitzt. Nicht mehr jeder Film muß gleich als Symptom für einen Befund herhalten: Die Besseren sind nicht immer nur Ausnahmen und die Schlechteren nicht immer gleich die Regel. Die Lage hat sich entspannt – das kann man den Filmen auch ansehen.

Die Lebendigmacher

Das deutsche Kino hat nicht unbedingt gleich ein neues Gesicht bekommen, aber es hat auf einmal Gesichter, mit denen man rechnen kann. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Schauspielern, die Lust auf Geschichten machen. Auch wenn das vielleicht ganz andere Geschichten sind als die jetzt erzählten. Wie befruchtend das sein kann, sieht man etwa am Totmacher, der ja auch davon lebt, daß Götz George mal ganz anders zu sehen ist. Wer heute anfängt, Filme zu machen, dem steht ein breiteres Repertoire an Gesichtern zur Verfügung, die nicht von vornherein auf eine Stimmung oder einen Stil festgelegt sind.

Da wäre der Tausendsassa Jürgen Vogel, der in Buddies als Yuppie hoch fliegt und tief fällt und in den Ausschnitten, die von Wolfgang Beckers Das Leben ist eine Baustelle zu sehen waren, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Oder Til Schweiger, dessen Präsenz das einzige ist, was Die Halbstarken zusammenhält, und der in Das Mädchen Rosemarie seine Nebenrolle mit einer entwaffnend spitzbübischen Energie ausfüllt, wie sie sonst amerikanische Helden besitzen. Oder Heino Ferch, der in Koma oder Buddies eine Souveränität ausstrahlt, wie man sie aus französischen Filmen kennt. Oder Sandra Speichert, die womöglich mehr kann, als sie in Die Halbstarken und Still Movin‘ zeigen darf. Oder Antje Schmidt und Juliane Köhler, die als smarte Polizeipsychologinnen in Koma auftreten. Oder Nina Hoss, die als Mädchen Rosemarie fast einen ganzen Film auf ihren Schultern trägt. Oder Heiner Lauterbach, Herbert Knaup, Benno Fürmann . . . .

Die Aufregendste ist jedoch zur Zeit die superbe Corinna Harfouch, die in zwei Rollen, verschieden wie Tag und Nacht, ihre Bandbreite vorführt: als in der ehelichen Not erfinderische Frau in Irren ist männlich und als im Gefängnis ernüchterte Schlampe in Gefährliche Freundin. Für den aus dem Ruder laufenden Alltag von Sherry Hormanns Vaterschaftskomödie bringt sie einen Eigensinn und eine Verletztheit mit, die dem Film auch in den weniger gelungenen komischen Momenten auf die Sprünge helfen, und in den romantischeren Momenten, in denen sich der Film sichtlich wohler fühlt, ist sie ohnehin geheimnisvoll wie kaum eine andere deutsche Schauspielerin.

Umso kühner sind Corinna Harfouchs Verwandlungen in Hermine Huntgeburths rabenschwarzem Frauenstück Gefährliche Freundin, wo sie an der Seite von Katharina Thalbach eine aufgetakelte Bürobiene spielt, die sich vor der Eintönigkeit der Arbeitswelt in Suff und Sex flüchtet und eines Tages mit dem Messer in der Hand im Blut ihres letzten Liebhabers aufwacht. Im Gefängnis gewinnt sie dann langsam eine Härte und Schärfe, die den Film zu einem echten Abenteuer machen. Hermine Huntgeburths Film ist das beste Beispiel für eine Komödie, die sich nicht um den Schmerz herumdrückt, oder für eine Tragödie, die sich nicht im Lamento verliert. Wenn es einen Film gibt, dem man einen Erfolg wünschen würde, dann diesen.

Roland Suso Richter, der in letzter Zeit zu den aufregendsten Filmemachern fürs Fernsehen zählte, blieb in Buddies hinter den Erwartungen zurück. Seine Erzählung vom Aufstieg eines Yuppies fängt schwungvoll an und verliert sich dann in einer eher biederen Schilderung des Falls, bei dem das teure Leben seinen Tribut fordert. Vor zehn Jahren hätte das deutsche Kino diesen Film machen müssen, heute wirkt er nur noch wie ein hohles Echo auf ein untergegangenes Jahrzehnt. Uwe Janson schildert in Koma den Zustand zwischen Leben und Tod, das an den Rändern manchmal ausfranst, aber im Herzen eine packende Beschwörung einer Frau im Koma (Antje Schmidt) ist, in der und um die Leben und Tod ringen. Auch Janson ist seit seinem Erstling Verfolgte Wege einen weiten Weg gegangen, bei dem er vielleicht seinen Eigensinn, nicht aber seine Eigenheiten geopfert hat.

Ivan Fila hat mit Lea hingegen einen Film gemacht, der mit jedem Bild vom unbedingten Kunstwillen zeugt und sich dabei eine Zeitlang eine gewisse Eintönigkeit leistet, bei der das Poetische stets bleischwer auf den Bildern lastet. Als er sich jedoch entschließt, in der Finsternis Licht auftauchen zu lassen, versteht man, warum sein Film für den Nachwuchs- Felix nominiert worden ist.

Bernd Eichinger erklärte bei der Premiere von Das Mädchen Rosemarie, sie hätten mit ihrer Reihe German Classics keine Remakes machen wollen, sondern Neuverfilmungen ‚ohne die Moral und die Lebenshaltung‘ der fünfziger Jahre. Ein Glück, daß der Produzent sich bei seinem Spielfilmdebüt als Regisseur nicht daran gehalten hat. Wahrscheinlich wollte er den Mief jener Jahre ablegen und sich seine eigene Version dieses Jahrzehnts erträumen. Er selbst hat sich dem eher kuriosen Unterfangen zu entziehen versucht, indem er sich ganz auf Rosemarie (Nina Hoss) konzentriert und die Zeitzeichen wie ein Karussell von bösen Geistern um sie kreisen läßt. Auch da, wo man ihm die Mühe anmerkt, dem Material Schwung zu verleihen, bleibt man von dem Schicksal des Mädchens gefangen. Genau das mißlingt Urs Egger in seinem Remake der Halbstarken, die in der angedeuteten Nachkriegslandschaft ziemlich verloren agieren. Daß das deutsche Kino in solchen Momenten eben doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem der fünfziger Jahre hat, wäre natürlich eine bösartige Unterstellung.
Das deutsche Kino hat also ein gewisses Niveau erreicht, von dem aus sich noch ganz andere Geschichten erträumen lassen. Das ist mehr, als man in den vergangenen Jahren sagen konnte. Was noch fehlt, wird sichtbar, wenn man sich John Sayles‘ Lone Star oder Pol Cruchtens Black Dju ansieht, die ganz entspannt von Geschichten und Gesichtern erzählen, die bei uns erst noch erträumt werden müssen.
MICHAEL ALTHEN

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