31. Oktober 1995 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Festivals | Filmtage Hof 1995

Lifestyle statt Lebensart

Auf den 29. Hofer Filmtagen hat das Fernsehen die Regie übernommen

Hundert Jahre Kino sind für Heinz Badewitz kein Grund zum Feiern. Er macht weiter wie gehabt . Für die Retro hat er die Gebrüder Maysles ausgegraben, die vor allem durch Gimme Shelter von sich reden gemacht haben, dazu die übliche Nachbereitung anderer Festivals und Vorpremieren von Filmen, die demnächst ins Kino kommen: Jarmusch, Almodovar, Van Sant, Desperado, Cyclo, Kids . . . Und natürlich deutschsprachige Filme rauf und runter. Das ist nicht anders als auf anderen Festivals. Mit einem großen Unterschied: Das viereinhalbtägige Programm ist so überschaubar, daß man in Hof über die Filme auch reden kann, weil hier alle mehr oder weniger dasselbe gesehen haben. Badewitz muß also das Kino nicht erst zum Hundertsten feiern, in Hof wird ohnehin jedes Jahr gefeiert.

Anderenfalls gäbe es zum Feiern auch wenig Anlaß, zumindest nicht im deutschen Kino. Dabei kann man nicht behaupten, daß es dem deutschen Film schlechter ginge als in vergangenen Jahren. Man hat ganz im Gegenteil den Eindruck, die Nachfrage sei viel größer als in der Vergangenheit. Ob Praunheim, Schlingensief oder sonstwer, alle Vorstellungen rammelvoll, alle mit mehr als nur freundlichem Beifall bedacht. Ganz generell könnte man vielleicht sogar sagen, daß die Filme näher an ihrem Publikum sind als bisher. Oder noch einfacher: Weniger Kopf, mehr Bauch. Andererseits: Kaum etwas fürs Herz. Fast nichts, was einen übers Kino hinaus in die Nacht begleitet.

Das meiste sind ohnehin Fernsehfilme. Ohne das Fernsehen geht nichts mehr. Das ist nicht unbedingt etwas Schlimmes. Die Redakteure dort sind schließlich auch nicht dümmer als die Leute in den Fördergremien und Vergabeausschüssen. Es ist nur so, daß das Fernsehen anderen Gesetzen folgt als das Kino – und daß man das den Filmen auch ansieht. Auf dem Bildschirm sollte viel geredet werden, und zwar möglichst bildfüllend. Dann weiß der Zuschauer, was los ist, und muß sich nichts zusammenreimen. Überhaupt sollte am besten dauernd was los sein, damit der Zuschauer nicht umschaltet. Von Natur aus also läßt das Fernsehen den Dingen weniger Raum und nimmt sich weniger Zeit. Das Kino ist aber genau dies: Raum und Zeit.

Man kann gegen Jenseits der Wolken, der die Hofer Filmtage am Mittwoch eröffnete, einwenden, was man will, aber dies beherrscht der nach einem Schlaganfall teilweise gelähmte Meister Antonioni immer noch: eine Vorstellung von den Räumen zu entwickeln, in denen seine Geschichten spielen, und ein Gefühl für das Verstreichen der Zeit vermitteln.
Das Fernsehen bietet indes, das muß man schon auch sagen, den Filmemachern hierzulande das, was ihnen am meisten fehlt: Kontinuität. Wie soll jemand Selbstvertrauen und Mut entwickeln, wenn er nur alle paar Jahre einen Film drehen kann, von dessen Erfolg immer auch sein nächstes Projekt abhängt? Andererseits: Warum muß jemand, der beides nicht hat, unbedingt Filme machen? Immerhin tun sich da Leute hervor wie Hans-Christian Schmid oder Michael Gutmann, die ihr Handwerk flüssig beherrschen und mit leichter Hand inszenieren. Schmid erzählt in Nach fünf im Urwald auf verschmitzte Weise von Generationenkonflikt, bei dem die Rollen am Ende nicht so klar verteilt sind, wie das am Ende scheint. Wenn die Eltern am Ende über ihren ausgerissenen Kindern ihre verlorene Jugend wiederentdecken, dann ist das schon sehr lustig. Verglichen damit wirken die Träume der Jugend selbst eher blaß. Und Gutmann beweist in Rohe Ostern, daß er es versteht, eine amüsante Idee bis zum nicht so bitteren Ende durchzuziehen, ohne daß ihm dabei die Puste ausgeht. Ein Toter kehrt auf die Erde zurück, um seinen besten Freund davon zu überzeugen, daß eine Verwechslung vorliegt. Der Freund wäre auch im Prinzip bereit dazu, wenn er nicht sein Herz für die Freundin des Toten entdeckt hätte. Beide Filme hätten vielleicht sogar eine Chance im Kino, aber man kann nicht behaupten, daß sie die große Leinwand wirklich bräuchten.
Etwas weniger behende, gehen Andreas Kleinert und Mathias Allary ans Werk. Wobei Neben der Zeit in einer ostdeutschen Kleinstadt und einer aufgelassenen Kaserne der Russen zwar schöne Bilder findet, aber eine so hölzerne, altbackene Geschichte von fataler Geschwisterliebe und Familienmief erzählt, daß man sich fragt, was einen jungen Regisseur daran interessieren mag. Allary hat sich in Liebe, Leben, Tod eine originelle Geschichte rund um den Münchner Alten Nördlichen Friedhof ausgedacht, in der Schuhfetischisten und Stadtstreicher, einsame Herzen und verlorene Seelen ein Treiben veranstalten, das sich leider nie wirklich zum Reigen fügt. Aber wenigstens versucht sich Allary am Großstadtpanorama und entwickelt auch eine Vorstellung von seine Schauplätzen.

Es gibt natürlich Ausnahmen, Regisseure, die mit den Beschränkungen des Fernsehens spielen oder sie ignorieren. Seit Hans-Christoph Blumenberg seine Ambitionen auf großes Kino zurückgeschraubt hat, wirkt er völlig befreit. Beim nächsten Kuß knall ich ihn nieder! ist ein Dokumentarspiel über Reinhold Schünzel, den erfolgreichen halbjüdischen Regisseur von Victor / Victoria, der länger als seinem Ruf gut tat, mit den Nazis sein Spiel getrieben hat, und der es weder in der Emigration noch nach der Heimkehr geschafft hat, wieder Fuß zu fassen. In knappen Kulissen und prägnanten Szenen werden die Stationen von Schünzels Schicksal zwischen Hakenkreuz und Hollywood zum Leben erweckt, ohne dabei nur Filmgeschichte zu erzählen. Blumenberg vollführt eine Gratwanderung zwischen Dokumentation und Fiktion, ohne daß das eine dem anderen im Wege stünde. Wenn man so will, dann war dieser Film, den Badewitz auf dem prominenten Samstagabend-Termin präsentierte, Hofs gelungener Beitrag zum Jubiläum des Kinos. Schünzels Karriere kann in der Art, wie sie zwischen Macht und Moneten, Spiel und Ernst, Erfolg und Pleite, die Wechselfällen der Zeit spiegelt, gut fürs Kino überhaupt stehen.

Die zweite Ausnahme bildet Dominik Graf, der für die ARD-Reihe Tatort die Folge Frau Bu lacht inszeniert hat, als wäre es ein Stück fürs Kino. Die bayerischen Kommissare geraten in ein Labyrinth von deutschen Männern und Thai- Frauen, Ehevermittlung und Kindsmißbrauch, in dem es Szenen gibt, die einem den Atem rauben, weil sie auf einmal den Emotionen Räume öffnen. Günter Schütters Drehbuch vereint dabei alles, was dem Kino oft abgeht: Spannung und Witz, Gefühl und Bewegung.

Der Filmpreis der Stadt Hof ging dieses Jahr erstmals an einen Regisseur, der nicht der Gründungsgeneration der Filmtage angehört. Die Auszeichnung von Detlev Buck zeigt, daß sich selbst in dieser Trutzburg des Neuen Deutschen Films der Generationswechsel vollzogen hat. Zum Dank zeigte Buck ein paar Minuten aus seinem nächsten Film Männerpensionat.
Wie schon im letzen Jahr, als Arcands Love and Human Remains und Egoyans Exotica liefen, präsentierte sich das kanadische Kino auch heuer wieder lebendig, großstädtisch und modern. Sowohl Charles Binamés Eldorado als auch Clement Virgos Rude verweben verschiedene Schicksale aus dem Großstadtdschungel zu einem Teppich aus Liebe, Einsamkeit, Freundschaft und Verrat. Man fragt sich, warum das eigentlich im deutschen Kino nicht möglich ist, daß jemand von solchen Beziehungen erzählt, ohne daß gleich eine Beziehungskomödie oder eine Tragödie oder die Lindenstraße daraus wird. Was dem deutschen Film oft fehlt, könnte man im Grunde mit einem Wort umschreiben: Lebensart.

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