11. November 1986 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Weitere Festivals | Festival der Filmhochschulen 1986

Gewinner und Verlierer

Das „Internationale Festival der Filmhochschulen" im Arri

Die einwöchige Harmonie wurde kurz vor Schluß von einem schlechten Verlierer doch noch empfindlich gestört. Während einer Sonderveranstaltung der Hochschule für Fernsehen und Film war unter anderem Sönke Wortmanns in Hof viel und zu Recht gelobter Film FOTOFINISH gezeigt worden. Im Anschluß daran verlas der Studentensprecher Manfred Beger mehr oder weniger im Alleingang einen Text, in dem er seinen Kommilitonen des Plagiats bezichtigte. Die Geschichte von FOTOFINISH sei fast identisch mit der eines Films von Martin Brest aus den sechziger Jahren, der beim vorletzten Filmfest zu sehen war. Nun hatte sich aber Wortmann mehrmals um die Rechte bemüht und im dritten Brief die Formulierung untergebracht, er rechne bei Nicht-Antwort mit dem Einverständnis des BEVERLY-HILLS-COP-Regisseurs. Im Vorspann steht nun „Nach einer Idee von Martin Brest“.

Wie immer die Rechtslage bei diesem 17-minütigem Remake sein mag, interessant ist die Einstellung, die sich daran ablesen läßt. Das Kino gehört auch in den Filmhochschulen nicht mehr den Autoren; man interessiert sich mehr für hollywoodianische Arbeitsteilung, begreift die Regie als ausführenden Teil eines Teamworks. Wozu etwas machen, was andere besser können, fragt Sönke Wortmann und fügt hinzu, er hoffe, daß sich diese Auffassung durchsetzt. Seine Enttäuschung über die wenig kollegiale Attacke wird er bald überwunden haben: Publikum und Verantwortliche waren sämtlich auf Seite des Erfolgreichen.

Ein anderer nahm den Eklat gelassen. Alex Ertl, dessen BORN FOR FUN im „Munich Special“ unglücklicherweise nach Fotofinish lief, freute sich, neben allerlei Schwachen auch neue Qualitäten seines Films entdeckt zu haben. Seine New Yorker Geschichte vom alltäglichen Horror eines schüchternen Tagträumers hätte den Vergleich mit Siegerfilmen wie Paul Scholders ZIN oder Joy Perinos THE SLUGGARD nicht zu scheuen brauchen. Doch BORN FOR FUN lief nicht im Wettbewerb. Dorthin hatte die HFF glatte, vermeintlich aussichtsreichere Filme entsandt. Bei der Abstimmung über den Auswahlmodus waren lediglich knappe zehn Studenten erschienen. Auch das wirft ein Licht auf das heutige Interesse an Filmpolitik.

Die Münchner Hochschule braucht sich indes nicht zu grämen, denn erstens wurde dem Festival von allen Seiten Sympathien zuteil, und zweitens können sich ihre Arbeiten im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen. Daß wieder kein Preis gewonnen wurde, gereicht dem Gastgeber allenfalls zur Ehre. Im Verlauf der nächsten Jahre, sagt Professor Wolfgang Längsfeld, sollen noch Hochschulen aus Afrika und Asien für das Festival hinzugewonnen werden. Für die Bewältigung der Vielfalt wird man sich dann allerdings etwas einfallen lassen müssen, denn 131 Filme waren diesmal bereits mehr als genug. Doch anders als beim Münchner Filmfest ist den Veranstaltern hier diese Vielzahl noch nicht einmal zu verdenken, weil eben die Erfahrung, einen Film erstmalig vor größerem, internationalem Publikum zu spielen, für die Nachwüchsregisseure so lehrreich wie wertvoll ist.

In diesem Jahr nahmen zum erstenmal Schulen aus Amerika und der DDR teiL Für Kerstin Hesse von der HFF/Babelsberg war die Erfahrung allemal lehrreich: Der Durchfall ihres Nicaragua-Films IN DEN AUGEN COLOTLANS kostete sie bittere Tränen. So sehr sie den Vorwürfen gegen technische Mängel Recht gab, so wenig mochte sie in ihrem Film FDJ-Propaganda erkennen. Sie fand vielmehr erstaunlich, wie viele westliche Beiträge sich mit privaten Lappalien auseinandersetzen, mit „den Problemen einer hohen Welt“. Ähnliches meinte wohl auch der Jury-Vorsitzende George Moorse, als er in seiner Abschlußrede von der augenfälligen Tendenz sprach, dass der Umgang mit den Medien, die Erfahrungen aus zweiter Hand, allzuoft unreflektiertes Thema der Filme seien. Tatsächlich trieb die Suche nach Gags – womit durchdachte Dramaturgie häufig ersetzt wurde – mitunter seltsame Blüten. Der englische Beitrag MANNAH verfolgte den Sonntag eines kleinen Mädchens, dessen Mutter nicht aufstehen will. Die bedrückend makabre Pointe war, daß die Mutter mit Tabeletten Selbstmord begangen hat.

Den Preis für die beste Gesamtleistung einer Schule erhielt zum zweitenmal das Londoner Royal College of Art (RCA), dessen Arbeiten wie jedes Jahr durch herausragende Technik bestachen. Die sechs gleichberechtigten Filmpreise gewannen neben den beiden bereits Genannten Simon Shore mit LA BOULE vom RCA, Laszlo Kontur aus Budapest mit ElLSO KONTUROK, Natalia Korytocka aus Lodz mit 1-1 und Gur Heller aus Tel Aviv mit NIGHT MOVIE. Der Bayerische Rundfunk bewies Gespür, indem er die drei Filme des israelischen Programms einkaufte: Gur Hellers Film über die kurze tragische Freundschaft zwischen einem israelischen Milizsoldaten und einem arabischen Jungen AM RANDE DER NACHT war tatsächlich der herausragende Beitrag des Festivals.

Dass bei aller Harmonie im persönlichen Gespräch auch weniger beifällige Worte fielen, darf nicht verwundern: Schließlich mache hier jeder, wie es in einer der Dankesreden hieß, die demütigende Erfahrung, daß es immer noch bessere Filme gibt.

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