14. Mai 1986 | Süddeutsche Zeitung | Bericht |

Geschichte(n) von starken Männern

Über die Flut amerikanischer Propagandafilme

Ein Air-Force-Pilot wird über dem Meer abgeschossen, gefangengenommen und in einem Schauprozeß zum Tode verurteilt. Sein Sohn wendet sich an die Vorgesetzten: Die würden zwar gerne helfen, sind aber von den Politikern zur Untätigkeit verdammt. Also fliegt der Junge selbst, bombardiert den Flughafen, läßt sich auch von Selbstmordkommandos nicht aufhalten und befreit seinen Vater. Das Land ist unschwer als Libyen zu erkennen, der Film heißt IRON EAGLE und der Warner-Verleih hat seinen Start aus naheliegenden Gründen verschoben.

Es hat immer etwas Erschreckendes, wenn die Realität die Fiktion ein- oder überholt. Was jedoch nicht weiter der Rede wert wäre, wenn diese Filme nicht so massiert auftauchten, daß sie jede Zufälligkeit ausschließen. Ohne ihre Wirkung überschätzen zu wollen, steht zu vermuten, daß sie Wünsche nicht befriedigen, sondern überhaupt erst wecken und so ein politisches Klima schaffen, das der aktuellen US-Politik zumindest nicht ungelegen kommt.

In IRON EAGLE heißt es wörtlich: „Schlaffi Carter“ und „Sheriff Reagan“, in Delta Force stellt die unter Carter mißlungene Geiselbefreiung im Iran die nationale Schmach dar, die es im folgenden, unter neuer Regierung, wettzumachen gilt.

Das dreisteste Beispiel ist bislang die Cannon- Produktion INVASION USA, in dem die gottlosen Russen an Weihnachten(!) über Florida herfallen. „Schau sie dir an: so weich, so dekadent. Sie wissen mit ihrer Freiheit nichts anzufangen“, sagt einer zum anderen und jagt dann ein paar arglose US-Bürger in die Luft. In einer anderen Szene weist ein Aufseher ein Kind zurecht, weil es seinen Kaugummi achtlos weggeworfen hat – Sekunden später ist auch er tot. Im Kontext eine unzweideutige Aufforderung, sich nicht mit kleinen Problemen aufzuhalten, sondern die große, nationale Sache im Auge zu behalten. Wie in DIE ROTE FLUT wird hier die vornehmlich aus Kriegen bekannte Paranoia geschürt, der Feind sei überall. Dass diese Angst nicht nur die Verteidigungsbereitschaft erhöht, sondern auch den Wunsch nach Präventivmaßnahmen weckt, ist die sicher nicht unbeabsichtigte Konsequenz dieser nationalen Ertüchtigungs- und antikommunistischen Propagandafilme. Im übrigen sind diese Bedenken keineswegs nur europäische Hysterie, denn in den seriösen amerikanischen Zeitungen und Filmzeitschriften ist längst die Rede von einem „neuen faschistischen Kino“.

Der Welterfolg ROCKY IV ist da nur die eher harmlose Spitze des Eisbergs. In RANGER, einer Billigproduktion, die in München gerade im Stachus-Kino-Center läuft, ist fortwährend die Rede von „kommunistischen Schweinen“. Der amerikanische Traum ist der Glaube an die Machbarkeit des Erfolges. Verlierer liebt man dort noch weniger als anderswo. Als die Soldaten nach dem verlorenen Krieg aus Vietnam zurückkehrten, wollte keiner etwas von ihnen wissen, ihre Probleme waren kein Thema. Der amerikanische Alptraum handelte aber weniger von den Schrecken des Krieges als von der Schmach der Niederlage. Daß der verlorene Krieg auf der Leinwand noch einmal und diesmal erfolgreich geführt wird, geht zeitlich einher mit dem Regierungsantritt Reagans – zumindest das ist unwiderlegbar. Dabei geht e s nicht allein um patriotische Erfolgserlebnisse im Kino, sondern vor allem darum, Geschichte in fataler Weise umzuschreiben, kurz eine Dolchstoßlegende zu schaffen. Denn – und so stellen es DIE VERWEGENEN SIEBEN, MISSING IN ACTION RAMBO II und RANGER einhellig dar – die Schuld für den verlorenen Krieg liegt ausschließlich bei Politikern, die aus Eigennutz oder durch Halbherzigkeit das Vaterland verraten haben. In allen Fälle ist es die Korruption eines Einzelnen, die die Soldaten um den gerechten Lohn ihres Einsatzes bringt: „Feige Schweine“ heißt es in RANGER.

Man muß nicht erst auf die Reaktionen amerikanischer Zuschauer verweisen, um zu begreifen, daß dieses Kino Sehnsüchte schürt: nach einer Politik der starken Hand; nach einer Möglichkeit, Geschichte revidieren, den wiedererstarkten Patriotismus unter Beweis stellen zu können. Bei solch durchgängiger Konsequenz traut man seinen Augen kaum, wenn sich in AMERICAN FIGHTER (im City) ein General, der Bilder von John Wayne und Ronald Reagan an der Wand hängen hat, als Verräter erweist. Doch man hat umsonst gehofft, denn er hat die Waffen in dem guten Glauben geliefert, er helfe damit antikommunistischen Rebellen, denen die Unterstützung durch amerikanische Politiker(!) verweigert worden war. Dabei hat man ihn allerdings betrogen. Da ist nichts mehr Zufall. Alles hat auf einmal mit allem zu tun. Auch daß all die Helden aussehen wie Androiden, wie Roboter in Menschenform. Denn Roboter haben keine Erinnerung: Geschichtliches Bewußtsein kennen sie nicht. Geschichte ist kein politischer Prozeß mehr, sondern nur noch Gleichzeitigkeit. In der Tat des entindividualisierten einzelnen löst sie sich in Willkür auf.

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