17. Mai 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 1997 (3)

Der französische 
Patient

Cannes: Chirac und das Kino

Cannes, 16. Mai – In dem weißen Zelt neben dem Noga Hilton ist sonst das Kino zu Hause. Hier reden Regisseure über ihre Filme, die in den Nebenreihen abseits des Wettbewerbs laufen. Diesmal wird nur über einen Film geredet, dabei ist er gerade einmal drei Minuten lang. Solche Einigkeit ist auf diesem Festival selten, wo ein jeder des anderen Konkurrent ist. Und im Unterschied zu den anderen Filmen treibt dieser kleine Film kein Spiel mit der Realität, sondern macht ernst mit ihr. „Nous, sans-papiers de France. . .” heißt der Spot, den alle französischen Regisseure in Cannes vor ihrem Film zeigen.
In den drei Minuten verliest eine Afrikanerin eine Erklärung der sogenannten sans-papiers, der Immigranten ohne Aufenthaltspapiere. Sie fordern umfassende Anerkennung, Ausweisungsstop, Verhandlungen mit der Regierung und eine Rücknahme der verschärften Einwanderungsgesetze. Die Aktion wird von zahlreichen französischen Filmschaffenden unterstützt. Sie ist neuer Höhepunkt einer Offensive der Illegalen, „aus dem Schatten der Gesetzlosigkeit ans Licht der Öffentlichkeit zu treten”. Die hatte im vergangenen Herbst mit der Besetzung der Kirchen Saint Ambroise und Saint Bernard in Paris begonnen. Am 22. Mai soll eine Art Lichterkette in der Hauptstadt folgen: „Paris s’illumine” – Paris leuchtet.
Man habe nicht vor, die Jubiläums-Gala des Festivals für eine Kundgebung zu mißbrauchen und ihr einen politischen Stempel aufzudrücken, beteuern die Filmemacher. Die Sache sei zu ernst, um sich zum Clown zu machen. Da ist es nicht ohne Ironie, daß im selben Moment vor dem weißen Festival-Zelt auf der Croisette die republikanische Garde mit Pauken und Trompeten vorbeireitet. Ins allgemeine Gelächter wird gefragt: Wer sind denn nun die Clowns?

Vielleicht versteht man nach dieser Szene ein wenig besser, warum sich das Festival aller politischen Gesten enthält und Politiker sich in der Regel von der Croisette fernhalten. In einem Klima, das jeden Spruch zum Slogan aufheizt und jede Geste zum Gimmick verkommen läßt, laufen politische Gesten noch leichter als sonst ins Leere. Wer weiß schon, ob die Parade der Uniformierten zu Pferde tatsächlich ein Aufmarsch der garde républicaine ist – und nicht wieder so ein Werbegag für irgendeinen Kostümverleih?

In Cannes regiert das Kino, und das Kino mag vielleicht eine demokratische Kunstform sein. Aber hier gebärdet es sich als Monarchie mit allem, was dazugehört: Jury-Präsidentin Isabelle Adjani ist die Königin, ihre Juroren sind der Hofstaat, Festival-Chef Gilles Jacob gibt dem Hofmarschall, die Hofnarren und Lakaien bestellen sich selbst, und die angereisten Stars sind die Könige – jeder für einen Tag.

Ehe er sich auf China-Reise begab, hat nun Jacques Chirac dem Festival einen Besuch abgestattet – als erster französischer Staatspräsident überhaupt. Das oberste Stockwerk des Carlton-Hotels mußte geräumt werden für den Präsidenten und seine Entourage. Schon das stieß auf wenig Verständnis an der Croisette. Wozu der Aufwand, fragte Libération, wenn Jacques Chirac an der Côte d’Azur doch im Fort de Bregançon wohnen könnte?

Chiracs Kulturminister Philippe Douste-Blazy, der vor kurzem niedergestochen worden war, antwortete, vom Attentat wiedergenesen, im Journal du Dimanche: Die Anwesenheit Chiracs sei eine sehr starke politische Geste an die Adresse der ganzen Welt „vis-à-vis de la création et du cinéma”. Abgesehen davon, daß die Anwesenheit des Präsidenten eher eine politische Adresse an die Wähler als an die Welt gewesen sein dürfte und das vis-á-vis auf französisch so ungelenk klingt wie auf deutsch, heißt sein Satz in etwa, daß sich die Geste auf „die Schöpfung und das Kino” bezogen habe. Gemeint haben muß er wohl etwas ganz anderes: Die Schöpfung kommt schließlich auch ohne Chiracs Gesten ganz gut zurecht. Und Cannes ohne die Politiker.

Selbst der Präsident ist in Cannes also nur ein Stern unter den vielen, die hier leuchten. Als käme der Mann von einem anderen Planeten, lief der Staatsbesuch in Anlehnung an den Film Mars Attacks! in der Presse denn auch unter dem Motto: „Chirac Attacks!” In gewisser Weise ist das ja auch so, denn in dieser Welt dreht sich zwölf Tage lang wirklich alles nur um eins: das Kino – und angegriffen werden sonst nur die kalten Buffets.

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