17. Mai 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 1997 (2)

50. Filmfestspiele in Cannes

Gesichter und Landschaften

In 15 Filmen um die Welt: Marcello Mastroianni und die „Quinzaine des réalisateurs”

In der Mitte des Saales blieb ein Loch. Darum herum saßen alle und warteten und warteten. Aber zur Abwechslung lohnte es sich. Zuerst erschien Vittorio Gassman, dann kamen Robert Altman, Alan Rudolph, Charlotte Rampling, Lauren Bacall und, als wäre das nicht genug, auch noch Gina Lollobrigida, die in ihrem grünschillernden Abendkleid wie eine Praline aussah. Gina Nazionale gibt sich wie ein Star, und ihr Publikum feiert sie auch so. Alle waren begeistert außer Lauren Bacall – zumindest ließ sie sich keine derartige Reaktion anmerken.

Die Ehrengäste – unter ihnen zwei italienische Minister – waren versammelt, um Marcello Mastroiannis Vermächtnis den gebührenden Rahmen zu verleihen. Mi raccordo, si io mi raccordo heißt der anderthalbstündige Interviewfilm von Anna Maria Tato, in dem ihr einstiger Gefährte sein Leben Revue passieren läßt. „Ich erinnere mich”, sagt er, während man nur seinen Schatten an der Wand sieht, „ja, ich erinnere mich”: an die erste Liebe, seinen ersten Auftritt, an Familie und Freunde, aber auch an den Geruch des Regens im römischen Sommer. Eine Kaskade von Erinnerungen aus dem Reich der Schatten, die langsam die Silhouette an der Wand ausfüllen.

Danach scheint die Filmemacherin vor der Beredsamkeit des Schauspielers die Waffen zu strecken und läßt ihn über die ganze Länge ohne rechten Sinn für Struktur oder Rhythmus reden und reden und reden. Was dabei jedoch sichtbar wird, ist nicht nur die aufregende Landschaft von Mastroiannis Gesicht, sondern umgekehrt auch sein Sinn für die Eigenart von Landschaften, eine Art topographischer Sensibilität, die ihn in den letzten Jahren an immer entlegenere Orte gebracht hat, zuletzt für Mañoel de Oliveira in die wilden Berge Nordportugals, wo auch dieser Film zum Teil entstanden ist. So wird aus dem Schauspieler eine Art Eroberer, der die Landschaften des Kinos besetzt und unsere Imagination kolonialisiert. Man könnte eine Landkarte des Kinos erstellen, auf der die Bilder von Schauspielern markieren, welche Gesichter welche Weltgegenden repräsentieren. So beginnen sich die Landschaften zu überlagern.

Im Grunde gehört diese Art kinematographischer Raubritterei zum Spannendsten, was die Quinzaine des réalisateurs zu bieten hat. Mehr noch als im Wettbewerb, von dem sie sich in den Tumulten des Jahres 1968 abgespalten hat, kann man in dieser Reihe unbekannte Welten erobern, weiße Flecken der Imagination auslöschen: die Gassen Istanbuls in Hamam – Il bagno turco, die Landschaften des Flusses Niger in Buud-Yam, die malinesischen Badiangari-Felswände in Taafé fanga, die verschneiten Ruinen von Sarajewo in Savrseni krug, das Taipeh von Murmur of Youth, das mittelenglische Bradford in My Son the Fanatic, das Kiew von Priatiel Pakoïnika, das Montreal von Cosmos . . . Und über das Gesicht der Landschaften legen sich die Landschaften der Gesichter. Man könnte die Quinzaine also auch nennen: In 15 Filmen um die Welt.
Es gibt hier sicher weniger Enttäuschungen als im Wettbewerb, weil man ohne besondere Erwartungen von einer Entdeckung zur nächsten stolpert. Natürlich bringt es nicht viel, im multikulturellen Allerlei nach Gemeinsamkeiten zu suchen oder den Stand des Weltkinos bestimmen zu wollen, aber wenn man so will, dann ist diesen Filmen ein gewisser Ernst in der Bildfindung gemeinsam, eine Strenge der Komposition, die deutlich auf eine Autorenschaft verweist, die der üblichen Maschinerie des Kinos Widerstand leisten will. Andererseits ist das aber auch das Mindeste, was man von so einer Auswahl erwarten kann.

Gerade was die Autorenschaft angeht, ist sicher Cosmos der eigenartigste Film, weil er von sechs kanadischen Filmhochschülern gemacht worden ist, die aber alle mit demselben Team gedreht haben. Ihre Episoden wurden geschickt verschränkt und lose verbunden durch die Erlebnisse eines griechischen Taxifahrers in Montreal. Ein merkwürdiger Zauber geht von diesen Stadtszenen aus, eine Magie, die zwischen Witz und Wahnsinn oszilliert: Ein Mädchen wird an seinem Geburtstag von seinem Freund versetzt und verbringt einen Abend mit einem alten Mann; ein Gebärdendolmetscher trifft in einem Hotel eine alte Freundin wieder, die ihre Brüste hat vergrößern lassen; eine Frau holt ihren Freund zu einem Ausflug im Cabrio ab, ehe er die Ergebnisse seines Aids-Tests erfährt usw. Manchmal hat man fast den Eindruck, daß der ganz eigene Tonfall des Films gerade daher rührt, daß eben nicht die Eigenheit eines Autors dafür verantwortlich ist, sondern die verschiedenen Temperamente von mehreren Filmemachern: Sechs Autoren suchen einen Stil.

Und immer wieder sind es Stadtlandschaften, denen die Filme ihre Bewegungen einschreiben: Ein italienischer Innenarchitekt erbt in Ferzan Ozpeteks Hamam – Il bagno turco von einer verschollenen Tante ein türkisches Bad in Istanbul und verfällt dem Rhythmus der Stadt. Ein pakistanischer Taxifahrer muß in Udayan Prasads My Son the Fanatic zusehen, wie sein Sohn sich religiösen Eiferern anschließt, und verliert sich auf seinen nächtlichen Fahrten durch Bradford in unverhofften Gefühlen. Und in Lin Cheng-shens Murmur of Youth erleben zwei Mädchen, die von verschiedenen Enden der Stadt Taipeh kommen, gemeinsam ihre erste Liebe.

Regisseur Lin war Bäcker, ehe er fürs Kino zu arbeiten begann. Und er hat vor fünf Jahren unter demselben Titel Murmur of Youth einen Dokumentarfilm über ein Mädchen namens Mei-li gedreht. Für seinen zweiten Spielfilm hat er ihre Geschichte nun sozusagen gespiegelt, hat ein zweites Mädchen gleichen Namens, aber gegensätzlicher Herkunft, dazuerfunden. Die beiden Spiegelbilder treffen ausgerechnet als Kassiererinnen eines Kinos zusammen, wo sich an dieser Schleuse zwischen Traum und Wirklichkeit ihre Sehnsüchte zu einer Liebe vereinen. Eine Ode an die Jugend hat Lin inszeniert, zur Warnung für alle: „Vielleicht werden Sie gerade alt, und die Jugend ist nur noch eine ferne Erinnerung”, sagt der Regisseur zu seinem Film, „vielleicht sind Sie gerade damit beschäftigt zu überleben, und Jugend ist in Ihrem Leben nur noch eine Sentimentalität. Vielleicht erleben Sie aber die Jugend gerade jetzt? Dann beten Sie, daß sie Ihnen nicht so leicht entwischt. ”

Im Wahnsinn von Cannes hilft Beten nichts – das Leben entwischt in einem fort. Da haben die Filme der Quinzaine in ihrer Liebe zu dem, was man im besten Sinne Alltäglichkeit nennen könnte, etwas geradezu Beruhigendes. Das Leben tobt hier wie dort. An der Croisette führt das aber zum Beispiel dazu, daß jedes Auto mit getönten Scheiben im Nu von Photographen und Schaulustigen umringt wird, die herbeiphantasieren, was sie nicht sehen können. Die Kollegen vom Branchenblatt Moving Pictures haben ein Photo von einem der Menschenaufläufe gezeigt und dazu amüsiert bemerkt, es habe sich bei dem Auto um den Wagen gehandelt, den sie zum Pizzaholen geschickt hatten. Mahlzeit.

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