14. Mai 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 1997 (4)

50. Filmfestspiele Cannes

Ich weiß, woran 
du denkst

Jean-Luc Godard 
erzählt Filmgeschichte(n)

Die Fernseher hängen überall und werfen tausendfach als Echo zurück, was das Festival an Bildern aussendet: Clips und Trailer, Aufmärsche und Abgänge, die Stufen zum Palais und die Konferenzen für die Presse. Auch bei McDonald’s, wo es zu Bessons Cinquième Elément ein entsprechendes Menü gibt, hängt ein Monitor in der Ecke, auf dem Jean-Luc Godard zu sehen ist. Der Ton ist abgedreht, der Meister bewegt die Lippen stumm, dann schaltet der Manager ab.

Kein schlechtes Bild, wenn man dazu hört, was Bessons Star Bruce Willis auf der Pressekonferenz zu den schlechten Kritiken gesagt hat: „Die Leute, die ich kenne, lesen ohnehin keine Kritiken mehr. Die informieren sich über Filme im Fernsehen. ” In gewisser Weise hat Godard dem Rechnung getragen, indem er seine Filmgeschichte auf Video verfaßt hat. Er läßt in den beiden neuesten Kapiteln seiner Histoire(s) du cinéma Bilder sprechen und entwirft so eine Metageschichte des Kinos. Das ist naturgemäß kein fast food, auch wenn sein Bilderwirbel genauso gut in die entsprechenden Restaurants passen würde wie die MTV-Clips, die dort laufen. Denn die flüchtigen Eindrücke, die spontanen Reflexe, die Kurzschlüsse sind Godard nicht fremd. In dieser Sinfonie von Bildern und Tönen, Buchstaben und Zitaten möchte man manchmal fast meinen, hier versuche jemand, mit der Netzhaut zu denken. Une forme, qui pense, heißt es einmal: Tatsächlich bringt er scheinbar die Formen selbst zum Denken.

In der Art, wie Godard Filmbilder mit der Kunstgeschichte zusammenbringt, wie er assoziativ montiert und überblendet, entsteht das Bild vom Kino als einer Kunst, die eher dem letzten als dem nächsten Jahrundert angehört. Und der Blick auf diese Kunstform(en) wird erwidert: „Ich weiß, woran du denkst”, steht über den Frauenporträts von Goya, Manet und den anderen. Das ist der ewige Lockruf der Kunst, kostbare Illusion und Lüge zugleich: Je sais à quoi tu penses.

Vom Geschichtenerzählen hat sich Godard im Grunde schon längst verabschiedet und ist unter die Dichter gegangen. Seine Arbeiten lassen sich nur noch wie Gedichte genießen, bei denen man auf das Echo wartet, das die Seele von den Bildern zurückwirft. Man erinnere sich nicht mehr, sagt er in den Histoire(s), an das Was, Wie und Warum der Filme Hitchcocks, aber „man erinnert sich an ein Auto in der Wüste, ein Glas Milch, eine Brille, einen Schlüsselbund, weil mit ihnen und durch sie Alfred Hitchcock gelingt, woran Alexander der Große, Julius Caesar, Napoleon gescheitert sind – Kontrolle über die Welt zu erlangen”.

Wenn das Kino anfängt, so über sich selbst nachzudenken, wenn die Filme ihre eigene Geschichte erzählen, dann entsteht das, was Hollis Frampton in einem Artikel über Godard den unendlichen Film nennt: „So hat das Kino schließlich seine eigene Muse gefunden. Ihr Name ist Schlaflosigkeit. ”

Man ist gerade in Cannes versucht, diesen Gedanken weiterzuspinnen. So löst sich die Gesamtheit der Filme hier von ihren Schöpfern, von ihren Terminen, vom Festival überhaupt. Übrig bleibt eine endlose See von belichtetem Material, auf deren Oberfläche ein unglaublicher Tanz aufgeführt wird. Nichts anderes ist Cannes.

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