30. September 1992 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Verlorene

Das Nichts ist kein Fluch

Cormac McCarthys gewaltiger Roman "Verlorene"

CORMAC McCARTHY: Verlorene. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans Wolf. Rowohlt Verlag, Reinbek 1992. 656 Seiten, 48 Mark.

Vor den Toren der Finsternis liegt eine Welt, wo der Tod keinen Schrecken mehr birgt. Knoxville heißt dieser Ort am Rande der Nacht, ein Wartesaal für jene, die die letzte Reise vor sich haben. In dieser Stadt der Verlorenen ist der Titelheld Suttree untergetaucht. Er hat sich zum Lager der Verdammten geschlagen, der Bodensatz der Gesellschaft ist sein Reich. Die Geschundenen und Getretenen sind dort zuhause, die Penner und Obdachlosen, Spritschlucker und Quartalssäufer. Ihr Knoxville ist ein Furunkel am Arsch der Welt.

In den „staubigen zeitlosen Stunden der Stadt“ setzt der Roman an und schwemmt den Leser mit einem Wortschwall die Rinnsteine der düsteren Viertel hinab zum Fluß, wo sich Suttree auf einem ärmlichen Hausboot niedergelassen hat und mit spärlichem Fischfang über Wasser zu halten versucht. „In diesen fremden Territorien, diesen feindseligen Kloaken und öden Zwischenreichen“, so warnt die Vorrede, „träumt ein anderes Leben.“

Ein Leben ganz unten beschwört Cormac McCarthy, ein Leben von der Hand in den Mund, das nach Betäubung giert und von Auslöschung träumt, ein Leben, das sich fast nur noch im Schmerz seiner selbst versichern kann. So endet jeder Rausch in Rauferei und aller Übermut in Demütigung. Diese Verlorenen sind in den Worten des Dichters kaum mehr als gequälte Knochen in einem Nachen aus Fleisch. „Am liebsten wär ich schon tot“, sagt der Lumpensammler, „dann hätt ich’s besser.“

Eine andere Geographie

Dreizehn Jahre hat es gedauert, bis „Suttree“ zu uns kam, bis der Übersetzer Hans Wolf zum wortgewaltigen Original eine deutsche Entsprechung geschaffen hat. Das ist ein langer Weg für ein großes Buch, aber große Gewichte lassen sich eben schwerer von der Stelle bewegen. Ein Monolith in der Literaturlandschaft ist dieser Roman in der Tat, von einem Eremiten 1979 in die Wüste des creative wirting gestellt, die sich damals auszubreiten begann. ‚Verlorene‘ ist zwar ein unvergleichliches Werk, aber es kennt durchaus Traditionen. Knoxville könnte die Partnerstadt von Joyces Dublin sein, und die Verlorenen die Schicksalsverwandten von Célines Reisenden ans Ende der Nacht. Und auf der anderen Seite des Flusses, der McCarthys Reich durchzieht, beginnt irgendwo Faulkners wüstes Land, das sich bis Yoknapatawpha County erstreckt. Knoxville mag in Wirklichkeit am Tennessee River liegen, bei McCarthy gilt eine andere Geographie.

Knoxville befindet sich auf dem Gebiet des Grand Old South. Aber „Suttree“ ist nur insofern ein Südstaatenroman als es darin einen Hang zum Morbiden gibt, zu Verwesung und Verfall, „jede Ordnung fliehend“. Andererseits kennt die Welt des Romans keine Vergangenheit, die in eine Gegenwart münden würde. Zwischen dem Heute und dem Gestern liegt eine Kluft, die kein Gefühl zu überbrücken vermag. Beim Anblick eines alten Photoalbums empfindet Suttree nichts als Verdruß: „Die Landschaften, alte Kulissen, auch sie belanglos, wiederholen sich ständig, als gehörten sie einem anderen Element an als die trockenen, an ihnen gestrandeten Pilger. Sinnloser Schmutz im Flor der Erde, angespült in einem Wimpernschlag zwischen Werden und Zerfall.“ Und trotzig fügt er hinzu: „Ich bin, ich bin.“ Gegenwart. Sonst nichts.

Die Zukunft ist Lichtjahre entfernt. In dieser traumlosen Welt gibt es kaum Sehnsüchte und selten Pläne, die über das bloße Überleben hinausreichen. Der Auswurf des Amerikanischen Traums treibt trübe schillernde Sumpfblüten. Der junge Harrogate, den sie nächtens erwischt haben, als er sich an Wassermelonen vergriffen hat, steckt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis voll wirrer Pläne, wie er zu Reichtum kommen könnte. Als die Stadt für jede abgelieferte tollwütige Fledermaus einen Dollar verspricht, schleppt Harrogate einen ganzen Sack voll Tiere an, die er mit vergifteten Fleischstückchen erlegt hat. Und als er von Höhlen hört, die den Untergrund von Knoxville durchziehen und Schätze bergen, vertieft er sich in alte Pläne, „ein dämonischer Kartograph, der, umgeben von Höllenlicht, den Weg der Seelen im unterirdischen Dunkel skizzierte“.

Ein bissiger Humor befällt den Roman immer wieder, ein verzweifeltes Lachen begleitet den Weg der Helden durch die Dunkelheit. Harrogate wühlt sich von seiner Behausung unter der Brücke, die etwas flußabwärts von Suttrees Boot liegt, ins Erdreich, stößt dabei tatsächlich auf alte Stollen und geheime Höhlen, ehe er vor einer steinernen Wand landet. Den Schatz vor Augen sprengt er den Stein – und wird fortgeschwemmt vom stinkenden Inhalt eines Kanalrohrs: „Finsternis umfing Harrogate, so total, daß sie ihn völlig entgrenzte, daß er so groß wie das Weltall wurde und so klein wie nur irgend etwas.“

Dunkel unten, Düsternis oben: Grandiose Bilder wie dieses erstehen vor den Augen des Lesers immer wieder, finster glühend wie Kirchenfenster, dem Hochamt eines nahenden Deliriums abgelauscht. McCarthys Sprache befreit die Dinge aus dem Gefängnis ihrer Existenz, reißt sie mit in einem fiebrigen Sprachwirbel, in dem einem Hören und Sehen vergehen kann.

Am Rande des Schweigens

Für jene Wüstenei, wo man die Dinge kaum mehr beim Namen nennen kann, für die mikroskopischen Phänomene am Rande des Schweigens, findet McCarthy noch Worte und Bilder, die sich auf immer einprägen: eine Katze, die sich „wie ein schmelzendes Karamelbonbon über den Rand des Ofens“ fallen läßt, oder Pißflecken, die flammenförmig „wie Dochte an der Wand“ hochsteigen, oder ein Passant unter Straßenlaternen, „der langsam ein Lichtrund nach dem anderen durchbrach, bis ihn schließlich das Dunkel verschluckt hatte“. Die besondere Sorgfalt des Autors gilt gerade jenen Bereichen, die unterhalb der Wahrnehmungschwelle liegen, weil sich die Dinge dort nicht mehr zur wahrnehmbaren Form verdichten; vor allem den Rändern von Zivilisation und Vegetation, wo sich Unrat und Müll sammeln, Ödnis und Fäule regieren. Und nachdem erst einmal mit den gängigen Vorstellungen aufgeräumt ist, macht die Vielfalt des Vokabulars empfänglich für ungekannte Schönheiten. In diesem Roman läßt sich wirklich ein Wort-Schatz heben.

Natürlich ist Suttrees Reich eine mythologische Landschaft und der Fluß ein Totenfluß. Immer wieder tauchen Leichen auf, treiben mit der Strömung davon. Und wenn sie könnten, heißt es, würden die Toten die Lebenden mitnehmen. So bevölkern sie den Roman, erheben als Boten des Todes an allen Ecken und Enden ihr bleiches Haupt. Einmal wird ein Freund von der Polizei auf der Flucht erschossen: „Er schloß die Augen, so daß man den Tod nicht sehen konnte, wie er darin auftauchte wie ein Gesicht an einem Fenster.“ Und die Marmortische der Bar, wo die Verlorenen Vergessen suchen, sind aus geklauten Grabplatten zusammengeschraubt. Auf den Tischunterseiten lassen sich noch die Inschriften mit den Fingern ertasten. Die Eingänge ins Totenreich mögen manchmal schmal sein, aber sie finden sich überall.

Der Roman taucht tief hinab in die Seele des Helden, aber aus seiner Vergangenheit bringt er wenig zu Tage. Cornelius Suttree war offenbar im Unterschied zu seinen Schicksalsgenossen auf dem College und ist dann aber vom Weg abgekommen, als er ein Mädchen geschwängert hatte. Mehr weiß man nicht, und selbst das Wenige ist nicht gewiß. Aber es gibt eine unvergleichliche Passage, in der Suttree zum Begräbnis seines Sohnes fährt, den er fast nie zu Gesicht bekommen hat: „Das einzige, woran er sich erinnern konnte, war das winzige Händchen in seiner Hand, als sie einmal den Jahrmarkt besucht hatten, ein flüchtiges Bild des Elfs, wie ihm die Augen übergingen angesichts der großen wirbelnden Welt.“ Und verzweifelt fragt er sich, ob das Kind wohl geahnt hat, daß das Fleisch so vergänglich ist, „daß es kaum mehr als ein Traum ist“.

Das Begräbnis wird ein Skandal, Suttree wird geschlagen, getreten und verjagt. Aber er kommt zurück, als alle fort sind, und schaufelt unter den Augen der ratlosen Totengräber die Grube zu. Ein einfacher, bewegender Akt im Regen, und der einzige Moment, in dem der Held mit seiner Vergangenheit im Reinen ist: „Ein Grauen wie der unheimliche Vorgeschmack einer bitteren Erinnerung. Aber die Toten erinnern sich nicht, und das Nichts ist kein Fluch. Im Gegenteil.“

Einmal führt Suttree ein Selbstgespräch. Da fragt er sich, was er bereuen würde. Und nach einigem Zögern antwortet er sich: „Ich habe voller Bitterkeit über mein Leben gesprochen und gesagt, ich wolle mich gegen die Schmach des Vergessens zur Wehr setzen, gegen diese grausame Anonymität, ich wolle einen Stein in die Leere stellen, auf dem für alle sichtbar mein Name steht. Dieser Eitelkeit will ich entsagen.“

Cormac McCarthy hat ihr nicht entsagt. Endlich ist sein Name sichtbar.

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