30. September 1992 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Zwei Vietnamheimkehrerfilme von Schaffner und Jewison

Unsere Leichen leben noch

Eine Mauer der Schweigens geht durch Amerika. Sie trennt die Gegenwart von der Vergangenheit und die Lebenden von den Überlebenden. Dahinter stehen die Verlierer in einem an Siege gewöhnten Land. Das Kino hat diese Mauer durchbrochen, hat der Niederlage ein Gesicht verliehen und der Sprachlosigkeit eine Stimme. Ein neues Genre ist so entstanden, der Vietnamheimkehrerfilm.

Amerika wäre nicht Amerika, wenn nicht gleich auch versucht worden wäre, verlorene Schlachten neu zu schlagen. So wie die Deutschen ihre Schuld auf die Nazis abschoben, so wurden hier allein die korrupten Politiker für die Niederlage und ihre Folgen verantwortlich gemacht. Eine Dolchstoßlegende wurde geschaffen, die den Krieg nachträglich noch einmal rechtfertigte.

Natürlich kennt das Genre auch andere Beispiele: Filme, die die Niederlage akzeptieren, nicht aber den Umgang mit ihr. Dazu zählen etwa Passers Cutter’s WAY und Reisz‘ WHO’ll STOP THE RAIN, oder, was die Beschreibung des ganz normalen Wahnsinns angeht, Lynes JaCOB’S LADDER und Scorseses TAXI DRIVER. Zwei (fast) neue Filme sind jetzt auf Video erschienen: Franklin J. Schaffners WELCOME HOME und Norman Jewisons IN COUNTRY (Zurück aus der Hölle). Sie zeigen Amerika als ein Land des betretenen Schweigens und der emotionalen Finsternis.

Nach ihrem Schulabschluß, an der Schwelle zur Zukunft, fängt ein Mädchen (Emily Lloyd) an, die Vergangenheit zu erkunden. Ihr Vater ist in Vietnam gestorben, ehe sie zur Welt kam. Jetzt will sie mehr wissen über ihn. Aber wohin sie sich auch wendet, sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. Die Überlebenden haben Schutz im Schweigen und die Hinterbliebenen Trost im Vergessen gesucht. Aber nach und nach bringt das Mädchen die Vergangenheit zum Sprechen.

Ein Toter kehrt zurück. Vor 17 Jahren wurde der Mann (Kris Kristofferson) über Kambodscha abgeschossen und für tot erklärt. Man hat die verkohlten Überreste irgendeines anderen armen Schweins in der Heimat begraben und sich an die traurige Arbeit des Vergessens gemacht. Doch plötzlich steht er wieder da. Und keiner weiß so recht, was er mit diesem Besuch aus dem Reich der Toten anfangen soll: Welcome Home?

Die Aufführung von WELCOME HOME konnte Franklin J. Schaffner nicht mehr erleben. Er starb vor der Fertigstellung am 2. Juli 1989, der Film ist deshalb seinem Andenken gewidmet. Nach seinem Debüt DER KANDITAT, in dem er seine Erfahrungen als Kennedys Wahlkampfhelfer verarbeitet hatte, galt Schaffner ein Jahrzehnt lang als einer der Erfolgreichsten seines Gewerbes. Aber PAPILLON, PLANET DER AFFEN und PATTON konnten seinen Abstieg ins Vergessen auch nicht verhindern. Die Mengele-Geschichte THE BOYS FROM BRAZIL (1978), der Pyramiden-Thriller FLUCH DER SPHINX (1981) und die Pavarotti-Klamotte YES, GIORGIO (1982) fanden so wenig Beachtung wie sein Vermächtnis WELCOME HOME, der nun Erinnerungen an einen Toten lebendig werden läßt.

‚Meine Filme‘, hat Schaffner mal gesagt, ‚zeigen Individuen, die nicht an ihrem Platz sind in ihrer Zeit, Fremde in ihrer Welt.‘ Tatsächlich erinnert der Koloß Kristofferson mit seinen leeren Augen an all die anderen entseelten Blicke, von Henry Fondas KANDITAT bis Gregory Pecks MENGELE. Es sind Männer, denen im Strom der Geschichte, die eigene Geschichte abhanden gekommen ist: Ein Befund, der für die Heimkehrer aus Vietnam allemal gilt.

Norman Jewison, der ebenfalls in den Sechzigern beim Fernsehen angefangen hatte, hatte mehr Glück mit seiner Karriere; vielleicht, weil seine Helden immer schon ihre Geschichte besser im Griff hatten oder sich schneller mit ihr versöhnen konnten. Und natürlich kriegt die junge Frau auf der Suche nach ihrer Vergangenheit auch die Antworten, die sie braucht. Mit ihrem in Vietnam gebrochenen Onkel (Bruce Willis) und ihrer Großmutter steht sie am Ende vor der Mauer des Washingtoner Denkmals, in dem die Namen aller Gefallenen und Vermißten eingemeißelt sind. So scheint die Rechnung mit der Vergangenheit restlos aufzugehen. Jewisons Film ist sentimentaler, glatter und hat also auch weniger Kanten als der von Schaffner.

Schaffner scheut die Momente der Leere nicht, die sich in seiner Geschichte auftun. Nach 17 Jahren, in denen der Vermißte in Kambodscha eine Familie gegründet hatte, kommt er zurück in ein Leben, in dem er längst keinen Platz mehr hat. Auf die anfängliche Wiedersehensfreude folgt Ernüchterung, und bald stellt sich die Frage, ob die Wiederauferstehung nicht eher ein Unglück für alle Beteiligten ist. Das sind die stärksten Momente in Schaffners Film.

Einen Traum erfüllt sich der Heimkehrer wenigstens. Mit dem Geld, mit dem man sein Schweigen erkauft hat – weil man befürchtet, daß sein Überleben eine Lawine von politischen Verwicklungen lostritt -, kauft er sich einen blütenweißen alten Porsche Spider. Aber auch damit findet er keinen Weg zurück. Wie ein Sarg wirkt das Gefährt in manchen Momenten. Das ist das Entsetzlichste in diesem Film: Daß nicht einmal die Träume als Trost taugen. (WELCOME HOME ist bei Atlas für 39.95 Mark erhältlich und ZURÜCK AUS DER HÖLLE ist bei Warner im Verleih.)

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