11. Oktober 2000 | Süddeutsche Zeitung | Filmkritiken, Rezension | Der Krieger und die Kaiserin

Was im Himmel geschrieben steht

Tom Tykwer erfüllt alle in ihn gesetzten Erwartungen: DER KRIEGER UND DIE KAISERIN

Die schlechte Nachricht zuerst: Der Schluss ist überflüssig. Das wirkt so, als schlage der Film da nochmal ganz heftig mit den Flügeln, um endlich abzuheben – und merkt dabei nicht, dass er längst fliegt. Alles ist gesagt, alles getan. Der Tod war nahe und die Liebe so fern – und eine einzige Geste genügt, damit alles gut wird. Und dann kommt noch eine Idee und noch eine – wie bei einer Eisläuferin, die immer weiter Pirouetten dreht, obwohl die Musik längst verklungen ist. Das nimmt dem Film nichts, aber es fügt ihm eben auch nichts hinzu. Und deswegen hätte man auf den Schluss, so wie er ist, gut verzichten können. Das war die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist: Tom Tykwer und sein bewährtes Team erfüllen mit DER KRIEGER UND DIE KAISERIN alle in sie gesetzten Erwartungen aufs Allerschönste. Zumindest können das all jene behaupten, für die schon LOLA RENNT mehr war als nur ein Erfolg, der Tykwer zufällig unterlaufen ist. Dass der Film auch in Hollywood prominente Verehrer fand, begründete nicht etwa seinen Rang, sondern bestätigte ihn nur. Wer Augen im Kopf hatte, konnte sehen, dass Tykwer damit ein Befreiungsschlag gelungen war, von dem das deutsche Kino Jahrzehnte nur träumen konnte – und, was mindestens genauso wichtig war, die Fortführung einer Karriere, die vielleicht noch nicht nach DIE TÖDLICHE MARIA, aber sicher nach WINTERSCHLÄFER zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Hier war endlich einer, der die Mittel des Kinos ernst nahm, um damit ganz privaten Obsessionen nachzuspüren. Es war das alte Lied, das schon Shakespeare angestimmt und Fred Astaire später so charmant eingesetzt hatte: Ein Narr, wer das Schicksal für Zufall hält.

Ohne die Geschichte vom Süchtigen, der sich erst als Filmvorführer, dann als Kinobetreiber seinen Stoff besorgte, noch einmal strapazieren zu wollen, lässt sich vielleicht sagen, dass das ständige Hinterfragen von Zufall und Notwendigkeit eine logische Folge dieser Besessenheit ist. Es könnte ja sein, dass dieses Übermaß an nicht gelebtem Leben, an geliehenen Schicksalen und geborgten Gefühlen, die jeden Filmfan irgendwann verzehren, dass daraus in dem Moment, da man den Spieß umdreht und auf die andere Seite der Leinwand wechselt ein umso stärkeres Bedürfnis erwächst, hinter das Muster all dieser Geschichten zu kommen. Und damit verbunden ein Übermut beim Experimentieren mit Geschichten und Erzählweisen, eine geradezu mutwillige Verspieltheit beim Umgang mit Schicksalen. Wobei Tykwer klug genug ist, genau dies in seinen Filmen zu thematisieren.

Gerade seine Offenheit, die er auch als Typ ausstrahlt, ist seine Stärke. Er versteckt sich nicht hinter den Strukturen, sondern legt in ihnen offen, was ihm am Herzen liegt. So wie Sepp Bierbichler in WINTERSCHLÄFER einen Film lang versucht, sich an ein Gebilde zu erinnern, das ihm vor seinem Autounfall vor Augen stand – und das sich als Form der Narbe am Hinterkopf des anderen Unfallfahrers entpuppt –, so versucht auch Tykwer in seinen Filmen ein Bild oder ein Gefühl dingfest zu machen, das sich ihm immer wieder entzieht. Die drei Lebensläufe in LOLA sind deswegen nicht etwa eine Flucht in die beschränkte Haftung, sondern genau jener Versuch, etwas einzukreisen, was sich in der Unschärfe der Erinnerung entzieht. Und wenn es nur jene, im Kino so leicht zu erreichende, im Leben so schwer zu erlangende Sicherheit ist, dass das, was zwischen zwei Menschen passiert, richtig und schön und gut ist.

Und so ist es auch in DER KRIEGER UND DIE KAISERIN: Eine Frau versucht, jenes Gefühl, das sie vor ihrer Ohnmacht für ihren Retter empfunden hat, nach dem Erwachen wiederzufinden, einzukreisen, zu beglaubigen – so wie Ulrich Matthes in WINTERSCHLÄFER alles und jedes fotografiert, damit ihm die Erinnerung nicht entgleitet. Natürlich ist auch dies die Geschichte einer Liebe, aber zur Abwechslung andersherum erzählt: Zwei Menschen sind füreinander bestimmt, sie weiß es, er nicht. Aber so wie Lola rennt, um dem Schicksal zuvorzukommen, so lässt auch Sissi nicht locker – und es ist dann wiederum Franka Potentes Verdienst, dass diese beiden Frauen so unterschiedlich ausfallen, wie man es sich nur vorstellen kann.

www.derkrieger.de und www.diekaiserin. de heißen die beiden Adressen für den Film im Internet. Und tatsächlich bedeutet auch dies zunächst einmal: Spiel, Experiment, Versuchsanordnung. So wird im neuen Medium weitergetrieben, was als Frage alle Filme von Tykwer dominiert: Wer spinnt das Netz, in dem zwei Menschen gefangen sind? Wo hört es auf – und wo fängt es an? Und nach allem, was man hört, ist genau dies auch das Thema von Tykwers nächstem Film, der nach einem Drehbuch von Krzystof Kieslowski entsteht: HEAVEN mit Cate Blanchett und Giovanni Ribisi.

Der Krieger also: Benno Fürmann, ein Mann, der seine Frau bei einer Tankstellenexplosion verloren hat und seither für die Liebe verloren ist.

Die Kaiserin: Franka Potente, eine Frau, die in einer psychiatrischen Anstalt arbeitet und von der Liebe noch gar nichts richtig weiß.

Im Märchenreich des Kinos

Die beiden landen unter Umständen, die nur der Zufall – und das Kino – erschaffen können, unter einem Lastwagen, sie als Opfer eines Unfalls, er auf der Flucht vor Verfolgern. Sie droht am eigenen Blut zu ersticken, er rettet sie durch einen Luftröhrenschnitt mit einem Strohhalm. Das ist sicherlich die bizarrste Liebesszene seit langem, ein Austausch von Körperflüssigkeiten ohne vorherigen Kontakt, eine Szene so lähmend und quälend und eigenartig ergreifend wie nichts sonst im deutschen Kino – oder auch im Weltkino. Die Enge unter dem Laster, das Blubbern des Blutes im Halm, das Glück am unwahrscheinlichsten Ort der Welt – und das ist erst der Anfang.

Man muss diese Geschichte nicht aufdröseln, um ihre Bewegungsrichtung zu erfassen. Es genügt zu wissen, dass die Frau von ihrem Retter nur einen Jackenknopf in der Hand behält – und das Gefühl, dass er der Richtige ist. Zwar trügt dieses Gefühl im Kino nie, aber sie hat auf diesem Gebiet so wenig Erfahrungen, dass ihre Gefühle durch nichts gedeckt sind. Und dann findet sie diesen Mann – und er will nichts von ihr wissen. Und dann geht sie wieder hin – und er ist durch nichts zu erweichen. Und dann gibt es eine Überblendung von ihrem traurigen Gesicht auf den Sternenhimmel, bei der sich Tykwer so viel Zeit lässt, dass aus der Astronomie geradezu Astrologie wird – und die Gewissheit, dass dort oben eine Menge geschrieben steht, was wir nicht lesen können. Was aber das Kino sichtbar machen kann.

So lernt man, ehe man sich versieht, im Kino das Fliegen. Aus einem Arbeitslosen wird ein Krieger und aus einer Krankenschwester eine Kaiserin. Und aus Deutschland wird, wenn die Kamera über Wuppertal durch die Dämmerung schwebt, ein Märchenland. Wenn das keine guten Nachrichten sind…

DER KRIEGER UND DIE KAISERIN, D 2000 –Regie und Buch: Tom Tykwer. Kamera: Frank Griebe. Szenenbild: Uli Hanisch. Schnitt: Mathilde Bonnefoy. Musik: Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil. Mit: Franka Potente, Benno Fürmann, Joachim Król, Lars Rudolph, Ludger Pistor, Jürgen Tarrach, Natja Brunckhorst. X-Verleih, 129 Minuten.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


4 × drei =