22. Mai 2000 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 2000 (4)

Leute, die ausziehen, das Fühlen zu lernen

Zum Abschluss der 53. Filmfestspiele in Cannes zieht der Wettbewerb nochmal mächtig an

Wenn sich der Abend über die Bucht von Cannes senkt, die Leute in Smoking und Abendkleidern zum Festivalpalais eilen und auf dem Strand nur noch ein paar Verliebte in der kühlen Meeresbrise kuscheln, dann beginnt die Arbeit der Schatzsucher. Mit ihren Metalldetektoren, die aussehen wie Staubsauger, laufen sie durch den Sand und lauschen mit ihren Kopfhörern nach Signalen, die auf unter der Oberfläche liegendes Metall hindeuten. Weiß der Himmel, was sie da finden: Kronenkorken, leere Batterien, Colabüchsen, abgerissene Reißverschlüsse, das ein oder andere Franc-Stück, womöglich einen verlorenen Ohrring. Die Leute sehen jedenfalls nicht so aus, als könnte man als Schatzsucher am Strand von Cannes reich werden.

Filmkritikern geht es nicht viel anders. Sie durchforsten das Filmprogramm nach Schätzen, finden meistens nur das übliche Strandgut und nur ganz selten ein echtes Juwel. Aber es kann passieren, und das treibt sie Tag für Tag von Vorführung zu Vorführung. Das ist auch dringend nötig, denn wenn sich der Wettbewerb wie in diesem Jahr so lange Zeit lässt, um endlich in Schwung zu kommen, dann beginnt man allmählich an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Mal um Mal sitzt man im Kino und wartet darauf, dass der Film einen mit jenem festen Griff packt, der Zeit und Ort und alles andere vergessen lässt – stattdessen ist es immer wieder der gleiche lauwarme Händedruck. Ist man vielleicht zu ungeduldig? Hat man womöglich den Geschmack am Kino verloren?
Der einzige Trost sind andere, denen es genauso geht – und doch findet sich noch für den ödesten Wettbewerbsbeitrag irgendwo eine Stimme, die behauptet, davon leidenschaftlich begeistert zu sein. So befällt einen allmählich eine gewisse Urteilslähmung, eine Starre, aus der man nur durch einen Film erlöst werden kann, der einen aus dieser Lethargie des Herzens herausreißt. Wenn man in diesem Zustand in einen Film geht, der in den düsteren Londoner Armenvierteln des vorletzten Jahrhunderts spielt und den wenig verheißungsvollen Titel „Esther Kahn” trägt, dann ist die Hoffnung nicht allzu groß, dass etwas anderes als eine kostümierte Kunstanstrengung dabei herauskommt. Und doch ist plötzlich alles ganz anders.

Von Anfang an spürt man, dass hier etwas anders ist, dass hier jemand am Werk ist, der weiß, was er erzählen will und warum es das nur in Kostümen tun kann. Arnaud Desplechin, der bislang zwei in Frankreich viel gepriesene Filme gemacht hat, die bei uns nicht zu sehen waren, wirft einen so konzentrierten Blick auf die armselige jüdische Welt im vormodernen London, dass man kaum zum Atemholen kommt. Es gibt kein Schwelgen in Kostümen, und auch die kargen Kulissen werden nur knapp angerissen, um mit Kreisblenden immer wieder die Aufmerksamkeit auf dieses Drama eines fühllosen Mädchens zu lenken. Ein Erzähler erklärt, dass Esther anders ist als ihre Schwestern, langsamer, verstockter, unbeteiligter. Immer steht sie etwas abseits im liebenswerten Chaos der jüdischen Schneiderfamilie, und nie hat sie zu irgendwas eine Meinung. Nicht einmal dort, wo sie als einziges ganz bei sich zu sein scheint – im Theater, in dessen Boulevardstücken sie sich mit großen Augen vollständig verliert. Irgendwann steht jedoch ihr Beschluss fest: Sie will Schauspielerin werden.
Ein alter jüdischer Mime (Ian Holm) nimmt sie unter ihre Fittiche und führt sie langsam ans Schauspielerhandwerk heran. Er hat ihr Talent zur Nachahmung erkannt, stößt bei der Arbeit mit ihr aber auch bald an die Grenzen, die ihre Ungerührtheit darstellt. Die Gefühle, welche die Akteure auf der Bühne umtreiben, sind Esther völlig unbekannt. Sie lässt sich nach Belieben formen, kann jede Regieanweisung umsetzen – wovon die Stücke jedoch handeln, ist ihr völlig schleierhaft – selbst ihren Liebhaber legt sie sich eher mechanisch zu. Erst als er wieder fort ist, beginnt Esther zu begreifen. Das ist dann allerdings buchstäblich zum Steinerweichen.

„Esther Kahn” ist die Geschichte eines Mädchens, das auszog, das Fühlen zu lernen. Dass sie dabei ausgerechnet auf der Theaterbühne landet, wo die Vorspiegelung von Gefühlen zum täglichen Brot gehört, ist eine der wunderbaren Spiegelungen, mit denen Desplechin seinen Film durchzieht. Und wie einst Truffauts „Wolfsjunge” lebt auch „Esther Kahn” von der Erkenntnis, wie wenige Striche nötig sind, um die Vergangenheit so zu zeichnen, dass sie sich nie in den Vordergrund drängt und doch ihre Schwerkraft entwickelt. Genauso entscheidend ist die Besetzung der Hauptrolle mit Summer Phoenix, der Schwester des verstorbenen Jungstars River, die es schafft, Esthers Unbewegtheit so verblüffend vielfältige Ausdrücke der Einfalt zu entlocken, dass man ihr unbedingt den Darstellerinnenpreis gewünscht hätte – wenn da nicht die von allen favorisierte Björk gewesen wäre.

So kommt man also ganz ergriffen und geläutert aus „Esther Kahn”, blickt erwartungsfroh den Kollegen ins Gesicht – und stellt fest, dass sie eher gelangweilt abwinken. Und plötzlich ist man selber einer jener Verrückten, die mit ihrer Meinung mehr oder minder allein stehen. Aber auch das gehört zu so einem Festival dazu. Stets steht man auf der einen oder der anderen Seite des Spiegels, der den Wahn von der Wirklichkeit trennt. Irgendwo dazwischen ist auch Michael Haneke gefangen, der Münchner mit österreichischem Pass, der mit „Bennys Video” und „Funny Games” Filme von so verstörend brutaler Konsequenz gemacht hat, dass auch die Franzosen auf ihn aufmerksam geworden sind. In „Code inconnu” stellt er der Gesellschaft erneut einen seiner verheerenden Befunde aus, die naturgemäß nie völlig an den Haaren herbeigezogen sind, aber in ihrer Einseitigkeit immer auch etwas wohlfeiles haben. Diesmal geht es wieder um unsere Unfähigkeit zu kommunizieren im Allgemeinen und um die ganz alltägliche Ausländerfeindlichkeit im Besonderen. Es gibt ein paar Lebenslinien, die sich nur am Rande berühren, lauter Fremde, wenn sie sich begegnen – darunter auch Juliette Binoche. Die Einstellung gewinnen ihre Spannung eher aus der Unnachgiebigkeit des Blicks, der so lange den Alltag durchdringt, bis er seine Botschaft preisgibt: Wir sind alle Gefangene einer Welt, die wir nicht anders verdient haben. Oder so ähnlich. Hanekes Filme wirken letztlich auch so, als seien sie dem Leben und den Gefühlen immer nur theoretisch zugewandt, aber zu wahrer Emotion gar nicht fähig, sofern sie sich nicht über Gewalt definiert. So etwas wie einen Gegenentwurf dazu stellt Tran Anh Hung dar, der auf „Der Duft der grünen Papaya” und „Cyclo” nun „In der Vertikale des Sommers” folgen ließ, der in der Nebenreihe „Un certain regard” zu sehen war. Drei Schwestern stehen im Mittelpunkt des Films, der ein Paradies beschwört, aus dem auch diverse Sündenfälle keinen vertreiben können. Jede Einstellung ist so sorgfältig komponiert, dass irgendwann die Balance verloren geht. All das Schwelgen im Guten, Wahren, Schönen nervt irgendwann genauso wie bei Haneke das Wühlen in der Gegenrichtung. Diese „Vertikale” erstickt am Ende an ihrer eigenen Schönheit.

Ähnlich ergeht es dem mit dem Preis der Jury ausgezeichneten Beitrag „Lieder aus dem zweiten Stock” von Roy Andersson, der definitiv der originellste Film des Festivals war und den Zuschauer etwas ratlos zurücklässt, ob er es mit Genie oder Schwachsinn zu tun hatte. In endlos langen, fantastisch arrangierten Einstellungen wird der Alltag zersägt, oft zum Brüllen komisch, mitunter zum Gähnen langweilig. Diese „Lieder” sehen so aus, als habe Manfred Deix Bilder von Magritte bearbeitet oder als seien die Monty Pythons beim Verfertigen ihrer besten Sendung eingeschlafen. Die Menschen streben wie die Lemminge ihrem Untergang entgegen, weswegen es kaum Grund zur Fröhlichkeit gibt, aber jede Menge Anlass zur Häme. Womöglich ist der Befund derselbe wie bei Haneke, aber er ist origineller formuliert.

Nachdem Festivalchef Gilles Jacob schon im Vorjahr die Überraschung des Festivals, den Gewinner „Rosetta” am Schluss versteckt hatte, durfte man auch diesmal einiges erwarten, wenngleich Wong Kar-wei nicht mehr als Geheimtipp gelten kann. Immerhin wurde erst im Verlauf des Festivals bekannt, dass der Titel des bis dahin namenlosen Films „In the Mood for Love” sein würde. Tatsächlich überzeugte dieser letzte Beitrag wie sonst nur Lars von Triers „Dancer in the Dark” – beide sind sich treu geblieben und haben doch Neues gewagt. Wong erzählt so stilisiert wie eh und je, konzentriert sich diesmal aber ganz auf zwei Leute, die von ihren Ehepartnern betrogen werden. Wie sie sich arrangieren, wie sie zusammenfinden und doch für immer getrennt bleiben, wird fast in Zeitlupe erzählt. Als seien Treue und Ehebruch ein Ritual, dem nur durch sorgfältige Zelebrierung noch neue Gefühle zu entlocken sind.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


drei + zwölf =