10. November 1998 | Süddeutsche Zeitung | Das Wispern im Berg der Dinge, Events | Robert Graf

Ein Mann mit Vergangenheit

Reihe im Filmmuseum zum 75. Geburtstag von Robert Graf

Autor: Susan Vahabzadeh

Manche Schauspieler haben ihre Kunst nicht erlernt, sondern erlebt – Robert Graf muß so jemand gewesen sein. Irgendwie ist das Gesicht dieses Mannes schwer zu vergessen, als habe es etwas zu erzählen über diese Generation – obwohl seine Filme heute nur noch selten und die Fernsehspiele so gut wie nie zu sehen sind. In der Adenauer-Ära war Graf, 1923 in Witten an der Ruhr geboren und mit nur 42 Jahren in München gestorben, einer der beliebtesten Darsteller.

Am 18. November wäre Robert Graf 75 Jahre alt geworden. Das Münchner Filmmuseum zeigt aus diesem Anlaß eine kleine Auswahl seiner Filme. Heute um 18 Uhr ist sein wohl größter Erfolg zu sehen, für den er 1958 den Bundesfilmpreis bekam: Er spielt den opportunistischen Emporkömmling Bruno Tiches in Kurt Hoffmans WIR WUNDERKINDER. Hoffmann stellt zwei Lebenswege im Dritten Reich gegenüber: Der Journalist Hans Boeckel (Hans-Jörg Felmy), aufrecht und von makelloser politischer Gesinnung, bleibt immer der Verlierer, während der skrupellose Bruno, im wahrsten Sinne des Wortes ein Hurensohn, als einer der ersten in die Partei eintritt, als Nazi schnell Karriere macht – und auch im Nachkriegsdeutschland immer wieder auf die Füße fällt. Wie so oft ist die Rolle des Bösewichts die spannendere.

WIR WUNDERKINDER erzählt seine Geschichte mit soviel Humor, wie das Thema zuläßt, in einer Rahmenhandlung kommentiert von den Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller – das Ergebnis mag nicht immer sehr tiefsinnig sein, ein interessantes Dokument der Adenauer-Ära und der ersten zaghaften Versuche, mit der Vergangenheit umzugehen, ist der Film allemal – und Robert Graf macht ihn auf jeden Fall sehenswert. Am 17. November um 18 Uhr wird Sansibar gezeigt: Rainer Wolffhardt verfilmte 1961 den Roman von Alfred Andersch über über einen Kommunisten, der 1938 versucht, Deutschland zu verlassen und in ein Dilemma von Verantwortung und Freiheit gerät (auch 27. November, 21 Uhr). Auf Spurensuche haben sich sein Sohn, der Regisseur Dominik Graf, der erst 13 Jahre alt war, als sein Vater starb, und Michael Althen in dem Dokumentarfilm DAS WISPERN IM BERG DER DINGE begeben. Sie haben Menschen befragt, die Robert Graf kannten und mit ihm gearbeitet haben, seine Witwe Selma Urfer-Graf, August Everding, Ruth Leuwerik, sie setzen die Bruchstücke zusammen aus Erinnerungen und Filmausschnitten und füllen den Menschen hinter dem Gesicht mit Leben. DAS WISPERN IM BERG DER DINGE wird am 18. November um 21 Uhr zusammen mit Ottomar Domnicks Experimentalspielfilm Jonas von 1957 gezeigt (beide Filme werden am 24. November um 18 Uhr wiederholt).

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