29. Dezember 1984 | Süddeutsche Zeitung | Theater | Marquise von Arcis

Höchst vergnügliches Salonstück

Sternheims „Marquise von Arcis" im Münchner TiK

Nichts erregt Männer mehr als die Verlockungen der Lust hinter einer Maske von Tugendhaftigkeit. Die Marquise von Pommeraye macht sich diesen Umstand für ihre Rache am treulosen Marquis von Arcis zunutze; sie schürt seine Begierde für die junge und scheinbar tugendhafte Henriette, die in Wahrheit von ihr bezahlt und keineswegs mehr ehrbar ist.

Das Theater in der Kreide hat daraus unter der Leitung von Antje Lenkeit ein Spiel im Spiel inszeniert, mit der Marquise als Regisseuse. Sie überredet Henriettes Mutter (Helga Fellerer), gibt der Tochter (Ruth Fischer, drall und kokett) Anweisungen zur Verfeinerung ihres erotischen Vokabulars und lenkt als ständige Vertraute des Marquis dessen Schritte. Doch die Marquise spielt zu gut, ihre Rache funktioniert zu sehr nach Plan. Zwar heiratet der Marquis Henriette tatsächlich, aber als ihm am Ende die Wahrheit über seine Angetraute eröffnet wird, zählt für ihn – wenn auch nach kurzem Zögern – bereits eine andere Wahrheit, die der Liebe. Und auch die bezahlte Henriette hat sich längst in ihn verliebt. Der Plan hat sich von der Rache der Marquise gelöst und ist statt dessen den beiden zur Wahrheit geworden, allem Standesdünkel zum Trotz.

Hier verweist das Stück auf seine aufklärerische Wurzel, die Episode aus Diderots Roman „Jacques, le fataliste“, nach der Carl Sternheim 1918 sein Stück geschrieben hat. Für ihn, dessen wilhelminisches Werk seit Kriegsanfang 1914 in Preußen verboten war, wurde das historische Gewand zur Maske, unter der allein er noch arbeiten durfte.

Daß dieses Salonstück aus dem dekadenten vorrevolutionären Paris im TiK zu einer hinreißenden Komödie geriet ist vor allem dem hervorragenden Paar Marquise und Marquis zu danken: Eva Behrmann und Matthias Hirth. Sternheim hat sein Stück „Die Marquise von Arcis“ genannt, weil Henriette und ihrem Stand die Zukunft gehört doch eigentlich – und Eva Behrmanns Spiel unterstreicht das – müßte der Titel richtiger „Die Marquise von Pommeraye“ lauten. Sie allein hat die Fäden in der Hand, ist der Dreh- und Angelpunkt aller Geschehnisse und also auch des Stückes. Frau Behrmann meistert ihre Rolle glänzend, ist dem Publikum Bezugs- und Identifikationsfigur, gewinnt es durch ein kurzes Beiseite zu Mitverschwörern, läßt unter Hochmut und Berechnung immer wieder die liebende Frau durchscheinen, spielt ihre verletzte Eitelkeit mal aufbrausend, mal verzweifelt leise und paßt ihren Tonfall immer dem jeweiligen Gegenüber an. Sie verkörpert mehr die Lust an der Rache als die Rache selbst.

Matthias Hirth, als Marquis zuerst „erlaubter Freiheiten müde“ und später seine liebe „als
Probe aufs Exempel seines Lebens“ betrachtend, spielt den Sinneswandel glaubhaft, macht erkennbar, warum die Aufklärung Wirkung zeigen konnte. Seinen Part in der ausladenden Gestik erstarrter höfischer Posen gleichsam zur Schau stellend, fügt er Versatzstücke einer vergangenen Zeit des dekadenten Rokoko, zum Sittenbild zusammen. Peter Browers Bühne deutet sparsam historisierend nur an, eine graugestreifte Salontapete genügt den Schauspielern als Hintergrund, um 18. Jahrhundert entstehen zu lassen. Höchst vergnüglich außerdem Nicolaus Porz als Lakai, sich zu seiner Herrin so ungebührlich verhaltend, wie Jakob in Diderots Roman zu seinem Herren.

Das Publikum dankte es zu Recht mit Jubel.

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