29. April 1997 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Photographie, Rezension | Jeff Wall. Scalo Zürich-Berlin-New York 1997

Ein Blick in jenes Reich im Schatten junger Mädchenblüte, wie Proust das genannt hätte. The Drain heißt diese Aufnahme von Jeff Wall aus dem Jahre 1989, zu deutsch: Der Abfluß. Zwei Mädchen spielen vor einem Kanalrohr, hüpfen im Sonnenlicht von Stein zu Stein. Was als sommerliches Idyll angelegt ist, entwickelt schnell einen unheimlichen Sog, der über den Blickfang des schwarzen Lochs hinausgeht. Schon wie das Licht die beiden Figuren in ihren Posen einfriert, verheißt nichts Gutes. Das hat der Photokünstler Jeff Wall beim Kino gelernt, wie man mit dem Licht dramatische Effekte erzielt – genausoviel verdankt die Komposition jedoch einem Maler wie Cezanne. So wie Walls Werk insgesamt in jener Grauzone zwischen Schnappschuß und Inszenierung angesiedelt ist, so bewegt sich auch diese Aufnahme auf dem schmalen Pfad zwischen Unschuld und Erwachen, den man Jugend nennt. Da entwickelt diese Mischung aus Neugier und Furcht, welche die Mädchen umtreibt, vor dem Hintergrund des dunklen Ausflusses noch eine ganz andere Spannung. Und vielleicht muß man sich beim Betrachten dazudenken, daß dieses Dia im Original fast drei Meter breit ist und von hinten beleuchtet wird, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie gespenstisch und traumfern diese Szenerie eigentlich wirken soll. Man kann sich aber auch an das schön ausgestattete, klug eingeführte Buch von Kerry Brougher halten.

(Jeff Wall. Scalo Zürich-Berlin-New York 1997. 164 Seiten, 60 Abbildungen, 98 Mark.)

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