05. Mai 1997 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 23.05.1997

Das Arena zeigt am Wochenende zwei der schönsten Filme der letzten Jahre, am Freitag um 22.45 Uhr DIE LIEBENDEN VOM PONT-NEUF von Leos Carax und am Samstag und Sonntag um dieselbe Zeit LEAVING LAS VEGAS von Mike Figgis. Beide machen aus der Liebe ein trauriges Märchen, und ans Geschichtenerzählen wagen sie sich wie die Maler und Dichter heran. Alles in ihnen ist Musik und Farbe, Rhythmus und Geste. Wer von Juliette Binoche nicht genug kriegen kann, hat dann noch die Möglichkeit am Sonntag in der Lupe um 15.45 und 19.15 Uhr Die UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS von Philip Kaufman anzusehen, der auch zu den besseren Filmen des letzten Jahrzehnts gehört.

Müde Krieger

Das Werkstattkino zeigt bis Montag um 23 Uhr AUFASTAND DER GLADIATOREN und von Dienstag bis Donnerstag HELD VON ATTIKA, die man in dem Bewußtsein ansehen muß, daß zur selben Zeit die Nouvelle Vague anfing. Die antiken Muskelmänner waren die Steven Seagals und Chuck Norrisse jener Jahre, aber damals haben Regisseure wie Vittorio Cottafavi und Curtis Bernhardt dem Genre zu einer späten Blüte verholfen. Man hätte diese Filme im Latein-Unterricht zeigen sollen, dann hätte man gewußt, wovon sonst in unverständlicher Sprache die Rede ist.

Romy forever

Vor 15 Jahren ist das traurigster aller Glückskinder gestorben, Romy Schneider, die Zeit ihres kurzen Lebens damit beschäftigt war, das Strahlen von SISSI, DIE JUNGE KAISERIN (am Sonntag um 11 Uhr im Gloria) aus ihrem Gesicht zu wischen. Was sie selbst nicht geschafft hat, wurde dann vom Leben selbst besorgt – das Lachen ist ihr langsam vergangen. Vorher hat sie aber noch ein paar Filmpartner an die Wand gespielt: Anthony Perkins zum Beispiel in DER PROZESS, den die Lupe am Donnerstag um 17.45 Uhr zeigt, oder in Chabrols DIE UNSCHULDIGEN mit den schmutzigen Händen, der danach um 20.15 Uhr läuft.

Unsichtbarer Schweif

Dreimal läuft Chaplin in dieser Woche, und es kann nie schaden, wenn man sich diesen drolligen Kafka-Helden ansieht: LIMELIGHT läuft im Gilchinger Kino Breitwand am Freitag und Samstag um 22.15 Uhr und am Sonntag um 18 Uhr; LICHTER DER GROßSTADT wird in der Lupe am Mittwoch um 18 und 20.15 Uhr, EIN KÖNIG IN NEW YORK am Donnerstag um 22.45 Uhr gezeigt.

Auf solche Übergrößen der Filmgeschichte muß man mit dem entsprechenden Wahnsinn reagieren, in diesem Fall Theodor W. Adorno, der das Kino ja netter fand, als er eigentlich zugab. So zum Beispiel: ‚Der gehend Kommende ist Chaplin, der gleich einem langsamen Meteor die Welt streift, auch wo er zu ruhen scheint, und eine imaginäre Landschaft, die er mit sich bringt, ist dessen Aura, die hier im stillen Lärm des Dorfes zum durchsichtigen Frieden sich sammelt, während er mit Stock und Hut, die ihm gut stehen, weiter wandelt. Der unsichtbare Schweif von Straßenjungen ist der des Kometen, den die Erde durchschneidet, fast ohne seiner inne zu werden.‘ In seiner Villa in Malibu hat Adorno Chaplin mal zu Gast gehabt, und der hat ihn nachgeäfft – das hat in Frankfurt dann Schule gemacht.

Am Freitag und Samstag läuft übrigens nochmal LATE NIGHT im Cinerama Superfly, der vorführt, was cool war, ehe es den Kunstpark Ost überhaupt gegeben hat.

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