24. August 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die vierzehn Schwestern des Emilio Montez O’Brien

Erinnerungen im Blitzlicht

Oscar Hijuelos verzettelt sich

OSCAR HIJUELOS: Die vierzehn Schwestern des Emilio Montez O’Brien. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Strand. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1994. 545 Seiten, 46 Mark.

Der schönste Satz steht hinten auf dem Umschlag. Er stammt aus einem Interview, das Hijuelos der New York Times Book Review gegeben hat. „Wollte man“, sagt er da, „einen Roman über einen normalen Tag im Leben einer Frau schreiben, bräuchte man 10.000 Seiten. Ich glaube, der Tag eines Mannes wäre auf 2.000 Seiten zu schaffen.“ Das ist schön gesagt, und läßt der Phantasie 8.000 Seiten Platz, sich über den Unterschied der Geschlechter Gedanken zu machen.

Natürlich stehen auch zwischen den Umschlagdeckeln schöne Sätze, in solchem Überfluß sogar, daß man manchmal wünscht, der Autor möge es gut sein lassen und einfach sagen, was er zu sagen hat. Aber schließlich weiß Oscar Hijuelos, was er seiner cubanischen Abstammung und seinem Ruf als sinnlicher Erzähler schuldig ist.

Dies ist der Roman einer Familie, und er erzählt auf nicht einmal 600 Seiten aus etwas verrückter Perspektive die Geschichte der letzten hundert Jahre. Es beginnt im Haus der vierzehn Schwestern, und wenn die Mitte des Buches langsam in greifbarer Nähe ist, kommt der Titelheld Emilio zur Welt, von dem es heißt: ‚Die Welt erschien ihm schlicht als eine weibliche Erfindung, darauf angelegt, ihm Zuneigung und Genuß zu verschaffen.‘ Bis es soweit ist, läßt Hijuelos nichts unversucht, den Boden für diese Einsicht zu bereiten, indem er das liebenswerte Chaos inmitten der vierzehn mehr oder minder liebeshungrigen Schwestern beschwört. Aber je mehr Details und Anekdoten er bemüht, desto häufiger fragt man sich: Wozu?

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: All das liest sich wunderbar, ist mal amüsant, mal interessant, wie die Zitate aus Lady Esther de Beauvilles etwas veraltetem Lexikon der Etikette, das verliebten Frauen rät, ihr parfümiertes Taschentuch fallen zu lassen, oder der Auftritt Buster Keatons, den eine der Schwestern bei einer Premiere in einem Kino aus vier Reihen Entfernung sieht. Der Halleysche Komet kommt vor und Rudolfo Valentinos Beerdigung und die Schlacht am Monte Cassino und jede Menge Hollywood-Stars, denen Emilio bei seiner Karriere als B-Movie-Held begegnet. Aber in dem Meer aus Zufällen und Notwendigkeiten verliert der Roman bald alle Konturen. Einzig die sexuellen Gewohnheiten und Eskapaden der Familie halten die Neugier noch wach.

In den Mambo Kings hatte Hijuelos die Erinnerungen Cesar Castillos geschickt um eine sich drehende Schallplatte gewunden, und auch bei Unser Haus in der letzten Welt gab es einen Fluchtpunkt für die Sehnsüchte. In Emilio Montez O’Brien hingegen taugt die Kunst der Fotografie kaum als ein Gerüst, das der Erzählung Halt geben könnte. Zwar ähnelt die Konstruktion dem gedankenverlorenen Blättern in einem Fotoalbum, bei dem man mal zwei Seiten vor, dann wieder eine zurück springt, aber die Arbeit der Erinnerung, die dem Ganzen Zusammenhalt gäbe, wird nie spürbar. Alles ist gleichermaßen scharf sichtbar und hell belichtet. Nie ist es so, wie die cubanische Frau des irischen Einwanderers, dem sie fünfzehn Kinder gebären wird, es empfindet, wenn sie seine Aufnahme von ihr in der Hand hält: „Die Oberfläche war gesprenkelt von, wie sie sich vorstellte, einem Hauch von Zuneigung und Schmerz.“

So bleibt die schöne Vorrede des Buches als Versprechen unerfüllt: ‚Dieser Apparat fängt meiner Meinung nach nicht nur die oberflächlichen Eigenschaften der Fotografierten ein, sondern – wegen der Zeit, die er braucht, um das Licht richtig einzulassen – auch ihre Gefühle, die auf der Platte festgehalten werden, wie sie sich auf den Gesichtern einstellen, Trauer und Freude und Sorge mit all ihren Abwandlungen.‘ So gesehen hat Oscar Hijuelos im folgenden leider mit Blitzlicht gearbeitet.

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