02. Juli 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Der Ranger, der Koch und ein Loch im Himmel

Blick zurück aus großer Höhe

Norman MacLean als Ranger und Holzfäller

NORMAN MacLEAN: Der Ranger, der Koch und ein Loch im Himmel. Stories. Aus dem amerikan. Englisch von Bernd Samland. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt/M. 1993. 194 Seiten, 32 Mark.

Aus ganz großer Höhe ist dieses Buch geschrieben, aus der Warte eines Siebzigjährigen, der über ein gutes halbes Jahrhundert hinweg zurückblickt. Alles, was also passiert, ist schon zur Erfahrung geronnen, während es sich gerade ereignet. Das verleiht dem Buch eine gewisse Sprödigkeit, die die Sätze erscheinen läßt, als wären sie von alter Baumrinde überzogen.

Mit 70 hat der Literaturprofessor Norman MacLean mit dem Schreiben angefangen, und als Robert Redfords Verfilmung von Aus der Mitte entspringt ein Fluß ins Kino kam, war er bereits tot. Man muß darüber nicht traurig sein, muß nicht all den ungeschriebenen Büchern nachweinen, die der alte Mann hätte schreiben können, wenn er früher damit begonnen hätte. Denn was sein Erzählen ausmacht, ist dieser Blick aus großer Höhe, der sich nichts mehr beweisen muß.

Mit dem Erzählen hat MacLean lange vor seinem Siebzigsten angefangen, am Bett seiner Kinder, die er zum Einschlafen bringen wollte. Dabei, sagt er im Nachwort, sei es ihm immer wichtig gewesen, sie ‚in einen richtigen Wald zu führen, nicht in den Wald Rotkäppchens‘. Denn die Wirklichkeit sei immer seltsam genug gewesen.

In der Tat gibt es in den beiden Erzählungen in diesem Band jede Menge seltsame Typen. Aber was „Forstdienst 1919“ und „Die Holzfäller“ so eindrucksvoll macht, ist die Art und Weise, wie das Erzählen darin nie den praktischen Nutzen der Überlieferung aus den Augen verliert. Was das Fliegenfischen in „A River Runs Through It“ war, ist hier die Kunst des Sägens, des Bepackens von Pferden oder der Deutung von Wolkenbildungen. Das heißt also, daß es hier etwas zu lernen gibt, auch wenn oder gerade weil es sich dabei um Fähigkeiten handelt, die mittlerweile im Zweifelsfall so gut wie ausgestorben sind. Wie vermeidet man also, daß sich das Pferd unter der Last nicht wundscheuert? Oder wie unterscheidet man Rauchschwaden von Regenwolken? Und welche Stiefel eignen sich am besten zur Arbeit an der Zweimann-Säge?

Das ist die eine, die praktische Seite des Erzählens. Die andere, die poetische Seite beherrscht MacLean auch, und vermutlich bezieht sie einen Großteil ihrer Kraft aus der Sprödigkeit der Überlieferung. So plötzlich, wie sich über den Bergwäldern im Norden Idahos Wolken bilden konnten, so unvermutet können sich MacLeans Sätze zu Gedichten auftürmen. Da werden dann die Berge zu Träumen oder ein Gletscher zum Ungeheuer und eine Wasserscheide zu einer Grenze, die der Held ‚real erscheinen‘ läßt, indem er darauf pinkelt: „Das habe ich immer auf den großen Wasserscheiden gemacht, vor allem auf der Kontinentalen Wasserscheide, wo man sich immer fragen muß, ob es nun in den Atlantik fließt oder in den Pazifik. Diese hier war nicht die Kontinentale Wasserscheide, aber sie regte doch die Phantasie an.“

Die harte Arbeit der Ranger und Holzfäller wird auf diese Weise erfahrbar als, wie es in anderem Zusammenhang heißt, „Wahrnehmung einer Folge von Ereignissen von solch niederer biologischer Ordnung, daß sie normalerweise der Aufmerksamkeit entgingen“. Sie schildert eine Welt, die entweder gerodet oder überwuchert ist und in der von Naturschutz noch keine Rede sein konnte, weil darin zuerst einmal die Menschen alle Hände voll zu tun hatten, sich vor den Unbilden der Natur zu schützen. Das alles scheint so fern, und ist doch nur ein Menschenleben entfernt.

Norman MacLean gelingt es mit diesen Stories, „die Welt in eine Nußschale zu packen“, und dem Leser ein paar Erkenntnisse auf den Weg zu geben, die eine so große Wahrheit bergen wie die folgende: „Erbärmliche Poolspieler kann man überall erkennen – es sind diejenigen, die immer „Verdammt nochmal“ sagen, immer ihre Queues mit Kreide abreiben und immer die Köpfe hochreißen, wenn sie einen Stoß machen – und das kann keine Kreide heilen.“

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