01. Juli 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Filmanfänge

Filmfest München: Ansichtssachen

Der erste Eindruck

Man darf es nicht laut sagen, darum sagen wir es hier jetzt ganz leise: In der Regel weiß man nach fünf Minuten, ob ein Film etwas wird oder nicht. So wie bei Büchern nach einigen Seiten. Oder so wie man bei Menschen nach einigen Augenblicken weiß, ob sie einem sympathisch sind oder nicht. Natürlich stimmt das nicht immer, aber eben meistens.

Wie im wirklichen Leben, kommt es also auch im Kino auf den ersten Eindruck an. Wie wichtig der erste Blickkontakt zwischen dem Zuschauer und dem Film jedoch ist, haben besonders in Deutschland viele Regisseure nicht begriffen. Meistens heißt es, es sei kein Geld mehr dagewesen, als es darum ging, den Vorspann fertigzustellen. Das heißt aber nur, daß am falschen Ende gespart worden ist. Natürlich hat nicht jeder Saul Bass zur Verfügung, der sich vor allem für Hitchcock und Preminger Vorspänne entwarf, deren Design heutige Konzepte um Jahre vorwegnahm. Und selbstverständlich muß nicht jeder Vorspänne wie Sydney Pollack drehen, die fast schon eigene Kurzfilme sind. Aber in jedem Fall sagt die Art und Weise, wie ein Film auf den Zuschauer zugeht, immer etwas über die Haltung des Regisseurs aus.

Der beste deutsche Krimi des letzten Jahrzehnts hat gezeigt, wie man das macht. In DIE KATZE (Rio 21.30 Uhr) kann man zu Beginn der Liebe bei der Arbeit zusehen. Man sieht eine Frau, die schwitzt und stöhnt. Dann den Mann, mit dem sie zusammen ist. Dazwischen sieht man die Schrift und ein Wohnzimmer im Morgengrauen. Dort sitzt ein Mann, der seinen Kopf in den Händen vergraben hat und heult. So wird die Phantasie in Gang gesetzt, so fangen Geschichten an: Zwei sind zusammen, ein Dritter ist unglücklich.

Vielleicht hat jedoch das eine mit dem anderen auch gar nichts zu tun. Dazu hört man Eric Burdon, und wenn die Titel vorbei sind, dann singen zwei Typen in einem Auto den Song. Und auch der Film macht da weiter, wo er angefangen hat. Der Film lebt auch im folgenden vom Wechsel und Zusammenwirken verschiedener Perspektiven, und am Ende werden in diesem Netz aus Blicken, das Regisseur Dominik Graf von Anfang an gespannt hat, einige seiner Figuren zappeln.

Mit einer Fahrt zum Pariser Flughafen beginnt KILLING ZOE (MaxX 5, 22.45 Uhr) von Roger Avary. Man sieht nur die Straße, in die sich der Film hineinfrißt, dann kommen die Titel, und dann das Gesicht des Hauptdarstellers Eric Stoltz, dem man minutenlang im Fond eines Taxis ins Gesicht blicken kann, während der Fahrer versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Man ahnt die Müdigkeit des langen Fluges, und im weiteren Verlauf bestätigt sich, daß es vor allem darum geht, wie die Wahrnehmung dieses Mannes getrübt und verzerrt wird.

Dass beide Filme von Banküberfällen handeln, ist ein anderes Kapitel.

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