15. April 1995 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Die Psychologie des Essens und Trinkens

Eat Drink Man Woman

Was Menschen und Ratten mit Chili oder Schokolade anfangen

„Als ich ein Jahr alt war“, schickt die Autorin voraus, „hörte ich auf, irgendetwas außer Brot und Milch zu essen.“ Auch später verweigerte sie sich Pizza oder Spaghetti, und Fisch betrachtete sie als Gift. Eine der schlimmsten Situationen ergab sich während ihrer Collegezeit, als sie bei einer Familie zu Besuch war, wo sie nicht darum herumkam, Hummer zu essen. Abends im Bett verfolgte sie immer noch der Hummergeschmack, und weil sie deshalb nicht einschlafen konnte, steckte sie sich Zahnpasta in den Mund, um ihn zu verdrängen. Ihre Eltern, sagt sie lapidar, waren nicht beunruhigt: „Ich stamme aus einer Familientradition von Menschen mit ungewöhnlichen Nahrungspräferenzen ab.“

Die Dame mit den ungewöhnlichen Nahrungspräferenzen wurde Experimentalpsychologin und frönte bald bevorzugt ihrem Interesse an der Nahrungsaufnahme. Sie wollte dahinter kommen, warum sie dies ißt und jenes nicht, und ob das Erbe oder Erziehung ist. Daraus ist nun ihre „Psychologie des Essens und Trinkens“‚ geworden, die sie als Einführung verstanden wissen möchte. Das heißt zum einen, daß sie bei Adam und Eva (oder noch früher) anfängt, und zum anderen, daß sie sich nicht allzu sehr in Details verliert. Für den Laien ist das Buch also verständlich geschrieben, auch wenn sie sich bei der Zubereitung des Themas nicht gerade an kulinarische Gesichtspunkte hält.

Bevor sich also die Frage, warum wir Schokolade essen, beantworten läßt, erfährt man, ob sich unser Eßverhalten besser von Schmeißfliegen oder von Meeresschnecken, Ratten oder Schweinen ableiten läßt. Dann wird untersucht, wodurch Essen und Trinken ausgelöst und wieder beendet werden – und vor allem warum wir dazwischen auch noch wählerisch sind. Warum essen wir so gern Süßes? Weshalb nehmen wir Dinge zu uns, die wir von Natur aus als unangenehm empfinden? Verbrennen uns die Zunge an Chili? Trinken bitteren Kaffee?

Lauter gute Fragen. Leider können auch wissenschaftliche Experimente nur Hypothesen aufstellen, die sich dann auch noch widersprechen. Selbst wenn manche Antwort auf der Hand liegt, bekommt man hier wenigstens eine plausible Erklärung. Nehmen wir zum Beispiel die Vorliebe für Chili, welche uns übrigens von den Ratten unterscheidet. Natürlich können Ratten lernen, so heißt es, „Chili zu präferieren, wenn sie mit anderen Ratten zusammentreffen, die es gefressen haben“. Allerdings, wird hinzugefügt, nur unter Beachtung des „Vorführer-Beobachter-Paradigmas“. Wie man sieht, haben es Ratten nicht immer leicht.

Warum also essen wir Chili?

Thesen: Sozialer Druck, große Mengen von Vitamin A und C, erhöhter Speichelfluß, vermehrte Magenbewegungen, Genuß des Schmerzes. Oder ist es der Reiz, den es der Mahlzeit hinzufügt? Immerhin weiß man nach der Lektüre, daß die Chilipräferenz nicht daher kommt, daß es durch Schwitzen Abkühlung erzeugt. Man sieht daran, daß das Buch weniger dazu taugt, klare Antworten zu geben, als vielmehr, die richtigen Fragen zu stellen.

Interessant ist auch jenes Experiment, wonach Ratten weniger von dem essen, was sie…

„Anreizkontrast“ hieße, daß Kinder weniger Spinat essen würden, wenn sie danach jedesmal Eis bekämen. Im Unterschied zu Ratten liegen einem Kinder dann jedoch in den Ohren, ohne sich um den Anreizkontrast zu scheren.

Arcimboldos Gemälde, das das Titelbild ziert, könnte den Verdacht nahelegen, daß der Mensch ist, was er ißt. Dieses Buch ist dazu da, diesen Spruch zu hinterfragen und ein paar Vorurteile zu zerstören, die Eßverhalten und Eßstörungen begleiten. Aber eines, schickt die Autorin vorweg, sicher nicht: „Niemand wird mich je dazu bringen, Fisch zu essen – unter keinen Umständen.“

A. W. LOGUE: Die Psychologie des Essens und Trinkens. Aus dem Englischen von Constanze Vorwerg. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin,Oxford 1995. 520 S., Abb., 58 Mark.

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