09. Dezember 1998 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Journal – geschrieben im Winter

Widrigkeiten 
des Herzens

Emmanuel Boves 
„Journal – geschrieben im Winter”

7. Oktober, erster Eintrag: „Madeleine tut gerne so, als höre sie von einer Schmeichelei zum ersten Mal.” Die Rede ist von der Ehefrau des Erzählers, und seine Beobachtungen lassen sie nicht gerade in einem günstigen Licht erscheinen. Wechselweise wirkt sie kokett oder naiv, launisch oder unbedarft. In jedem Fall erweckt ihr Gatte den Eindruck, er durchschaue jede ihrer Regungen und Bewegungen. Bis auf den Grund ihrer Seele glaubt er blicken zu können und läßt deshalb keinen Zweifel daran, daß er sie besser versteht als sie sich selbst.

Wie kaum ein anderer verstand es Emmanuel Bove, die Menschen mit seinem Röntgenblick zu durchdringen. Bis in die finstersten Winkel der Herzen reicht sein Auge, und was er dort findet, ist zwar nicht immer schön, aber stets von einer Genauigkeit und Schärfe, die einem den Atem raubt.

Wenn sich also sein Erzähler am 7. Oktober gleich im ersten Satz über seine Frau mokiert, dann ist klar, daß es auch in diesem Journal – geschrieben im Winter keine Gnade geben wird, und man sich alle Illusionen, mit denen Autoren sonst die Ihren in Wolken hüllen, abschminken kann. Dabei ist dieser Blick auf die Welt gar nicht so herzlos, wie er zunächst scheint – gerade die übertriebene Hellsichtigkeit führt am Ende zu einer gewissen Nachsicht gegenüber der Unvollkommenheit der Menschen. Je schonungsloser die Schwächen Madeleines offengelegt werden, desto milder fällt schließlich das Urteil aus. Aber erstmal frappiert die Schonungslosigkeit, mit der Bove seine Umwelt unter die Lupe nimmt.

Den letzten Eintrag nimmt der Erzähler am 2. Februar vor, und in den knapp vier Monaten vollzieht sich das Ende einer Liebe. Zwischen Hochmut und Demut schwankt der Mann, ein ständiges Wechselbad der Gefühle durchlebt er, und in seinen Selbstbespiegelungen schraubt er sich immer tiefer in seinen Wahn. Zwanghafte Eifersuchtsanfälle und fallweise Verzagtheiten, Weltekel und Mitleid wechseln sich von Tag zu Tag ab, und stets bleibt das eigene Empfinden Fluchtpunkt aller Betrachtungen. Natürlich ist die eigene Person in einem Tagebuch immer das Maß aller Dinge, aber wie sich hier ein Mann in seinem eigenen Spinnennetz verfängt, das ist schon von beeindruckender Konsequenz.

An einem Strauß Orchideen, den Madeleine von einem Verehrer geschickt bekommen hat, entzündet sich die Eifersucht des ohnehin empfindlichen Erzählers auf eine Weise, daß hinterher nichts mehr ist wie zuvor. Madeleine reagiert mit eiskaltem Schweigen auf den Ausbruch, und was für eine vorübergehende Verstimmung gehalten wird, entpuppt sich als nachhaltige Enttäuschung. So ganz sicher weiß man jedoch nicht, was in Madeleine vorgeht. Zu sehr ist die Perspektive auf den Erzähler festgelegt. So läßt sich nie genau sagen, was Absicht und was nachträgliche Rechtfertigung ist, was arglose Verdrehung und was bewußte Verfälschung. In jedem Fall handelt es sich hier um einen Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs – und entsprechend unzuverlässig dürften seine Schilderungen sein.

Das ist das wahrhaft Spannende an diesem Roman: nicht nur zu sehen, wie sich ein Mann um Kopf und Kragen redet, sondern von seinem Wahn auf die Beweggründe der Frau zu schließen. Tatsächlich stellt sich am Ende heraus, daß all sein Ach und Wehe mit dem, was sie für sich entschieden hat, herzlich wenig zu tun hatte. Aber es sind ohnehin nicht die großen Gefühle, die Bove interessieren, sondern die kleinen, all die Schwankungen des Gemüts, charakterlichen Zwänge und Widrigkeiten des Herzens. Er ist geradezu der Gott der kleinen Gefühle.

EMMANUEL BOVE: Journal – geschrieben im Winter. Roman. Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder. Edition Epoca. Zürich 1998. 214 Seiten, 39,50 Mark.

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