16. Dezember 1998 | Süddeutsche Zeitung | Rezension, Videoclip-Kritik | Popvideo – 30 Jahre Clipkunst

Wer nicht hören will, muß sehen

Stochern im Bildersalat: "Popvideo - 30 Jahre Clipkunst" im Münchner Forum der Technik

Es geht ganz schnell, daß man sich nicht mehr erinnern kann: Wie es war, als es noch keine Faxgeräte gab, sondern nur die Post, keine Anrufbeantworter, sondern nur das leere Klingeln im Raum, keine Computer, sondern Tipp-Ex, keine CDs, sondern Schallplatten, keine Videos, sondern Plattenhüllen, keine Clips, sondern nur die Musik. Dazu allenfalls Ilja Richters „Disco”, den „Rockpalast” im WDR oder den „Musikladen” mit Manfred Sexauer.

So war das damals, und man kann es sich kaum mehr vorstellen. Musik ohne Bilder, Bilder ohne Bewegung, Fernsehen ohne Clips. Seit es MTV, Viva und VH-1 gibt, hat die Musik ein anderes Gesicht bekommen. Und der Fernseher ist vollends zum Kaminfeuer verkommen, von dessen kaltem Feuer sich eine Generation hypnotisieren läßt. Seither läßt man den Apparat laufen wie sonst nur das Radio, und so wie dort die Musik die Leere jenseits von Cornflakes und Morgenkaffee ausfüllte, so pflastern nun Bilder unseren Weg. Das muß man im Kopf behalten, wenn man den Videoclips eine andere Aufmerksamkeit schenkt. Es gilt den Gleichmut zu durchdringen, mit dem der Konsum sonst einhergeht.

1990 hat sich der Journalist Hugh Gallagher sieben Tage und sieben Nächte in einem New Yorker Hotel eingesperrt und rund um die Uhr MTV geguckt. Sein Selbstversuch erschien im Rolling Stone unter dem Titel: „Experiment in Terror”. Die Bilder, so sein Befund, seien wie Dope: zeitweise weckten sie den Drang nach Umsturz und Zerstörung, aber der Impuls gehe sofort im Programm unter, das da heißt: glotzen und kaufen und glotzen und kaufen. Nach dem ersten Tag fühlte er sich schmutzig, als habe er „24 Stunden lang nur Fastfood gegessen”, nach weiteren Tagen steigerte er sich in Visionen hinein, in denen gebräunte, schöne Modellkörper wie am D-Day das Land der durschschnittlich Aussehenden stürmen, um eine Welt nach ihrem Bilde (und dem von MTV) zu erschaffen. Sein Resümee lautete am Ende: „Ich glaube, der Kanal existiert nur, um mich daran zu erinnen, wie wenig Sex ich habe. ”

Das Münchner Kulturreferat möchte uns daran offenbar auch erinnern und zeigt im Forum der Technik des Deutschen Museums eine Auswahl von 500 Videoclips auf 18 Monitoren, organisiert in Sparten wie Beauty, Sex & Drugs, Money, Camp, Comic, Kitsch, Art oder Björk (die hier völlig zu Recht als Klasse für sich gehandelt wird). Der Titel „Querschnitt durch 30 Jahre Clipkunst” ist etwas hoch gegriffen, weil es vor den achtziger Jahren mit der Clipkunst nicht weit her war. Immerhin gibt es nochmal Bob Dylan zu sehen, der seinen „Subterranean Homesick Blues” vorträgt, während die Kamera des Dokumentarfilmers D. A. Pennebaker ungerührt zusieht, wie er die auf Pappdeckel gemalten Worte seines Songs nacheinander präsentiert und dann auf den Boden fallen läßt. Auf diese Weise wird die Einheit zwischen Wort und Musik, Star und Image aufgetrennt, um sich neu und anders wieder zusammenzusetzen: Nun verbinden sich dem Song ganz andere Bilder, Gesten, Stimmungen.

Es ist also nicht so, daß man nicht auch schon vor 30 Jahren Ideen gehabt hätte, wie sich Musik präsentieren ließe, aber in der Regel geschah das eher im Kino als im Fernsehen, wo allenfalls versucht wurde, die Studioauftritte durch Zooms, Reißschwenks oder optische Filter zu akzentuieren. Wim Wenders schrieb damals: „Auch wenn ihre Haltung nicht ganz ablehnend ist, ist es doch die geringschätzige von Werbefilmen, die davon ausgehen, daß nichts so gut sei, daß es nicht von ihnen noch aufgewertet oder verdoppelt werden müßte. ” Das war 1970, und Wenders drehte damals Filme, in denen die Kamera 20 Minuten lang unbewegt einer Band – also der Musik bei der Arbeit – zusieht. Genau dieser Aspekt soll im Clip jedoch tendenziell eher in den Hintergrund gerückt werden: Die Musik ist der Bilder Nahrung, und die Welt ist plötzlich Klang.

20 Jahre später meldete sich Wenders wieder zu diesem Thema zu Wort, diesmal klang es etwas anders: „Die Möglichkeit zu einer neuen Ästhetik ist sicher drin. Und hin und wieder sieht man atemberaubend schöne Videoclips. Das ist das Experimentierfeld geworden, das das klassische Feld, den Kurzfilm, mehr oder minder abgelöst hat. ” Wohl wahr. Es ist nur so, daß sich die Botschaften dieser Kunstform schwer vom Medium trennen lassen.

Ganz zweifellos sind die Musiksender zu einer Schule des Sehens geworden, wo die Augen auf Schnittfrequenzen trainiert werden, von denen man bis dahin kaum zu träumen gewagt hat. Was früher nur als psychedelisches Erlebnis denkbar war, ist nun ein Rhythmus, bei dem jeder mit muß. Das Kino hat sich davon anstecken lassen und den Bilderfluß der Musikkanäle in seinen Mainstream übernommen. Wobei die Clips oft eine Fortsetzung der Musik mit jenen Mitteln des Experimentalfilms sind, die das Kino vorher nicht zur Kenntnis nehmen wollte: der Wille zur Abstraktion und die Ablösung vom Darstellungszwang.

Interessant wäre es, der Frage nachzugehen, ob die Clips wiederum die Musik verändert haben – oder zumindest den Erfolg einer Musik, deren Schlagzahl sich der Schnittgeschwindigkeit von Clips angenähert hat. Aber das läßt sich so wenig klären, wie die Frage, ob der Videoclip nun tatsächlich eine eigene Kunstform ist. Tatsache ist jedenfalls, daß erstaunlich wenig in den Medien darüber nachgedacht und geschrieben wird, wenn man bedenkt, wie omnipräsent der Clip ist und wie wenig sich die Bilder vom Image eines Stars und seiner Musik trennen lassen.

Wenn man davon ausgeht, daß das vorrangige Zeil des Clips natürlich Werbung ist, verwundert es eher, wieviel Eigenleben die Clips haben, wieviel Überschuß die Bilder jenseits der Images produzieren. Der Vorwurf gegen die Clips ist bekannt: Sie würden jene Phantasien abtöten, von deren Erzeugung die Musik bisher lebte. Das hört man auch bei Literaturverfilmungen immer wieder – und dort stimmt es auch schon nicht. Das heißt nicht, daß man nicht einen gewissen Mangel verspüren würde, wenn man die Musik auf einmal ohne die dazu gesehenen Bilder hört, sondern bedeutet, daß man die Clips eben doch abgetrennt von der Musik wahrnehmen muß und als eigene Kunstform betrachten kann.

Dazu müßte aber erst einmal eine Geschichte des Clips geschrieben werden, die weder Musik, noch reine Filmkritik, sondern eben Clipkritik ist. So schön diese Ausstellung ist, so schade ist es, daß diese Gelegenheit verpaßt wurde, mit einem Katalog dafür einen Grundstein zu legen. Da hätte die Rede sein können von den seltsam künstlichen Welten bei Björk, Madonna oder Michael Jackson, vom singenden Embryo in Massive Attacks „Teardrop” oder Jarvis Cockers Filmgeschichte in Pulps „This Is Hardcore”. Von all den Dingen, für die das Kino kein Platz oder keine Zeit hat. Und von denen wir mit nur einem Plattencover in der Hand nicht zu träumen gewagt hätten. Da wird nicht nur Musik vermittelt, sondern Welt. Und das ist mehr als die Botschaft „Glotzen und Kaufen”.
MICHAEL ALTHEN

Die Ausstellung läuft bis 23. Januar, täglich von 10 bis 22 Uhr.

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