30. November 1994 | Süddeutsche Zeitung | Literatur, Rezension | Enthüllung

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Michael Crichton ist mal wieder auf der Höhe seiner Zeit

MICHAEL CRICHTON: Enthüllung. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Grabinger. Droemer Knaur Verlag, München 1994. 530 Seiten, 58 Mark.

Von gewissen Schauspielern heißt es, man würde ihnen sogar dann noch gerne zuhören, wenn sie nur das Telefonbuch vorläsen. Von einigen Autoren könnte man ähnliches sagen. Michael Crichton zum Beispiel würde es vermutlich schaffen, selbst aus einer Gebrauchsanleitung noch ein unterhaltsames Buch machen. Außer ihm würde man das sonst allenfalls noch Janosch, William Goldman oder Harry Rowohlt zutrauen. Ist nicht ohnehin jedes bessere Buch immer auch ein Gebrauchsanleitung zum Leben?

Crichton betreibt das Erzählen als Handwerk, das heißt, er befolgt gewisse Regeln, die gering zu schätzen man sich auch nur hierzulande leisten mag. Dabei wohnt Crichtons Büchern im Grunde genau das inne, was Walter Benjamin ‚Ausrichtung aufs praktische Interesse‘ nannte. Der Unterschied liegt nur darin, daß es dabei mittlerweile um Dinge geht, die nicht mehr den Gesetzen der Mechanik, sondern denen der Mikroelektronik folgen. Crichtons Talent besteht dabei vor allem darin, daß er von diesen flüchtigen Prozessen so zu erzählen versteht, als handle es sich um ganz handfeste Dinge. Kurzum, er erzählt von Computern und anderen Werkzeugen der Gegenwart so, daß man’s versteht. Das ist nicht wenig.

Seine Bücher sind im Wortsinn Science Fiction, seine Erfindungen spielen im Reich von Wissenschaft und Technik. Im Grunde lassen sich seine Romane auch als Sachbücher lesen, und in jedem Fall ist man hinterher klüger als zuvor. Dabei hat er von Anfang an das Rezept befolgt, den vordergründigen Plot auf einer zweiten Ebene zu kontern, wo dann die Informationen aus Astronomie, Zoologie, Biologie oder Informatik ausgebreitet werden. Das heißt, daß das, worum es auf den ersten Blick geht, in den seltensten Fällen das ist, worum es wirklich geht.

„The Great Train Robbery“ erzählt in erster Linie von einem Eisenbahnraub, aber eigentlich handelt es davon, wie die neue Technik im 19. Jahrhundert Welt und Wahrnehmung verändert hat. „Sphere und The Andromeda Strain“ erzählen vordergründig von außerirdischen Lebensformen, aber in Wirklichkeit geht es darum, wie unsere Denkmuster auf das reagieren, was sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Und „Rising Sun“ („Die Nippon-Connection“) mag sich vielleicht wie Propaganda gegen die Japaner lesen, ist aber eigentlich eher ein Geschichte von der Manipulierbarkeit der Bilder im digitalen Zeitalter. Manchmal verzeichnet Michael Crichton am Ende eines Buches seine Quellen, und an den ungefähr hundert Titeln bei Kongo kann man erahnen, welche Arbeit hinter der Leichtigkeit steckt, mit der diese Bücher unterhalten.

Macht, heißt es in „Enthüllung“ vorneweg, ist weder männlich noch weiblich. Im weiteren Verlauf wird dann gezeigt, daß Männer und Frauen gleichermaßen zum Mißbrauch ihrer Macht neigen, sobald sie die Gelegenheit dazu haben. Das ist typisch Crichton: ein Thema aufgreifen, das in der Luft liegt, wie sexuelle Nötigung am Arbeitsplatz – und es gegen den Strich zu bürsten. Hier ist es eine Frau, die ihren Untergebenen zu verführen versucht und auf seine Verweigerung mit Terror reagiert. Wie immer geht es darum aber nur an der Oberfläche. Darunter erzählt Crichton von Datenübertragung und Virtual Reality. Wer also noch nicht weiß, was Cyberspace ist, kann es hier nachholen. Und dahinter verbirgt sich die Frage, wie wirklich eigentlich die Wirklichkeit noch ist, wenn sich alles simulieren läßt.

Verschärftes Tempo

Man erfährt, daß sich die Geschwindigkeit der Datenverarbeitung zur Zeit innerhalb von jeweils anderthalb Jahren verdoppelt, oder daß in der Elektronik bereits Designs für Dinge entworfen werden, die technisch noch gar nicht machbar sind. Und die Erfahrung hat gezeigt, daß sie damit ihrer Zeit selten mehr als zwei Jahre voraus sind. Diese Ausrichtung aufs praktische Interesse in der Technik hat gleichermaßen etwas Tröstliches und etwas Beängstigendes.

Wenn sich an Crichtons Romanen etwas aussetzen läßt, dann jene Neigung, am Ende mit Gewalt das Tempo zu verschärfen. Vielleicht liegt es auch nur daran, daß die Reisen, auf die er unsere Vorstellungskraft schickt, viel weiter führen als es seine Bücher können. Aber es wirkt häufig so, als schiele er da auf die Gepflogenheiten Hollywoods, das ihm die Bücher schon aus der Hand reißt, ehe sie überhaupt geschrieben sind. Aber immerhin war es Spielberg, der Crichton dazu brachte, Jurassic Park zu schreiben, nachdem ihm der Autor von der genialen Idee erzählt hatte. Dennoch bleibt die gegenseitige Befruchtung von Film und Literatur in Amerika eine zweifelhafte Angelegenheit. Und das nicht nur, weil Crichtons als Regisseur von Filmen wie WESTWORLD oder DIE ANWÄLTIN immer hinter seinen Fähigkeiten als Autor zurückbleibt.

Wer mehr über den Mann Michael Crichton erfahren will, sollte seine Autobiographie Travels lesen, die aus unerfindlichen Gründen noch nicht übersetzt worden ist. Ein unterhaltsameres, anregenderes Buch kann man sich kaum vorstellen. Da kann man lernen, wie man das Leben in Geschichten verwandelt. Im Grunde ist das auch fast schon wieder ein Sachbuch – sein Titel müßte lauten: „Wie lerne ich, spannend zu schreiben“.

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