25. November 1994 | Süddeutsche Zeitung | Film-Tips, Rezension | Film-Tips 25.11.1994

Das Werkstattkino steckt mal wieder locker die ganze Bandbreite seines Programms ab. Einerseits läuft am Sonntag um 23 Uhr FUEGO, den der argentinische Porno-Autor Armando Bo 1968 wie üblich mit seiner Frau Isabel Sarli gedreht hat. Andererseits läuft heute und morgen um 20 Uhr Marcel Ophüls‘ viereinhalbstündiger LE CHAGRIN ET LA PITIÉ, seine Chronik der Stadt Clermont-Ferrand in der Auvergne zwischen Kollaboration und Widerstand. Ein Einerseits und Andererseits gibt es indes im Werkstattkino eigentlich nicht.

Stadtgeschichten

Volker Koepp, dem das Maxim eine Retrospektive widmet, sagt wunderbar programmatisch: ‚Vom sogenannten, einfachen‘ Menschen berichten, von Menschen in ihren Landschaften. Wie sie waren. Wie sie sind. Wie sie sein möchten. Wie sie sein könnten. Entwicklungen…Der Mensch in der Geschichte, in seiner Geschichte. In der Landschaft. In seiner Landschaft.‘ Um 21.15 Uhr läuft heute der letzte Teil der Märkischen Trilogie, die das Leben der Gemeinde Zehdenick verfolgt hatte. MÄRKISCHE GESELLSCHAFT mbH ist kein Nachruf, sondern eine humorvolle und nachdenkliche Zustandbeschreibung des Alltags nach der Wende.

Von 1974 an hat Koepp in der Kleinstadt Wittstock nördlich von Berlin fünf Dokumentarfilme gedreht, von denen drei im Maxim zu sehen sind. MÄDCHEN IN WITTSTOCK war eigentlich als einzelnes Projekt geplant gewesen, aber dann wuchsen dem Regisseur seine drei Heldinnen aus der Textilfabrik und ihre Stadt so ans Herz, daß er sie weiterverfolgte. Das mag durchaus als Beschreibung seiner Methoden gelten. LEBEN IN WITTSTOCK läuft heute um 19 Uhr, NEUES AUS WITTSTOCK morgen um die gleiche Zeit.

Wie die Zeit vergeht

Auch bei François Truffaut konnte man zusehen, wie die Zeit vergeht. Im Gesicht seines Helden Antoine Doinel kann man dem Regisseur selbst beim Altern zusehen. In der Truffaut-Reihe im Theatiner sind DOMICILE CONJUGALE (Montag) und der Abschluß L’AMOUR EN FUITE (Donnerstag) zu sehen, die sich so entspannt im Pariser Alltag verlieren, daß man beinahe vergißt, wie sehr sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Dazu all die anderen zum wieder und wieder sehen: Am Freitag (sic!) VIVEMENT DIMANCHE, am Samstag L’HISTOIRE DÁDÈLE H., am Sonntag L’HOMME QUI AMMAIT LES FEMMES, am Dienstag L’ARGENT DE POCHE und am Mittwoch LA CHAMBRE VERTE. Alle um 18.15 Uhr.

Bei Warhol kann man sowieso spüren, wie die Zeit vergeht, weil er nur ihr Verstreichen im Auge hat. Das Filmmuseum zeifgt Dienstag um 18 Uhr POOR LITTLE RICH GIRL und BEAUTY mit Edie Sedgwick, die sich selbst spielt und natürlich die Rolle, die sie sich für ihr Leben erfunden hat.

Von Warhols flesh und trash zu dem Fleisch und Schund der Troma-Produktionen. Highlights in dieser Woche: SURF NAZIS MUST DIE (heute, morgen und Montag um 21 Uhr) und CHOPPER CHICKS IN ZOMBIETOWN (Dienstag und Mittwoch um dieselbe Zeit).

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